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10.10.2016

15:30 Uhr

Einkommen in Deutschland

Arm bleibt arm, Reiche werden noch reicher

Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer, die soziale Spaltung verfestigt sich. Noch nie war sie so tiefgreifend wie heute. Forscher raten zu mehr Anstrengungen, den Aufstieg durch Bildung möglich zu machen.

Soziale Gerechtigkeit

Arm wird ärmer - reich wird reicher? Was die Politik jetzt tun muss

Soziale Gerechtigkeit: Arm wird ärmer - reich wird reicher? Was die Politik jetzt tun muss

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BerlinWer arm ist, bleibt immer häufiger dauerhaft arm: Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie, die die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung am Montag veröffentlichte. Die Ungleichheit der Einkommen hat demnach ein neues Höchstmaß angenommen: Innerhalb von fünf Jahren schafften es deutlich weniger Menschen, aus ihrer Schicht herauszukommen, als noch in den 1990er Jahren.

Für den neuen Verteilungsbericht hat das Wissenschaftliche Institut der Stiftung unter anderem Daten aus dem sozio-ökonomischen Panel verwendet, das 10.000 Haushalte jährlich befragt. Institutsdirektorin Anke Hassel zufolge steigt die Ungleichheit in langsamen Schritten, und das selbst bei guter wirtschaftlicher Gesamtlage. Deshalb sei es höchste Zeit, politisch durch mehr Weiterbildung und Beratungsangebote gegenzusteuern.

Der Bericht teilt die Einkommen der Haushalte je nach Höhe in Schichten. Wer weniger als 60 Prozent des Medians in Höhe von knapp 19.600 Euro pro Jahr verdient, gilt als arm. Der Median ist der mittlere Wert in einer Reihe bestimmter Werte. Das entspricht derzeit weniger als 11.700 Euro. Wer mehr als das doppelte des Medians verdient, gilt als reich.

Studie zur Kluft zwischen Arm und Reich

Armeanteil

Der Anteil der Armen ist in den vergangenen Jahren gestiegen – von 11 Prozent 1993 über 13,1 Prozent 2003 bis auf 15,3 Prozent 2013. Gemessen werden die Personen mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen mittleren Einkommens.

Aufstiegschancen

Jeder Zweite, der 2009 arm war, war dies auch 2013. Rund 36 Prozent schafften es in die untere Mitte, sieben Prozent in die obere Mitte, sechs Prozent weiter nach oben. Rund 20 Jahre zuvor, im Vergleich von 1991 zu 1995, lag der Anteil der Aufsteiger in die untere Mitte mit 47 Prozent noch deutlich darüber, nur 42 Prozent waren damals arm geblieben.

Mittelschicht

Rund 57 Prozent der Angehörigen der oberen Mitte blieben zuletzt binnen fünf Jahren, wo sie bereits standen, 24 Prozent sackten ab, rund 20 Prozent gelang ein weiterer Aufstieg. Knapp 20 Jahre vorher blieb die Lage bei rund 54 Prozent konstant, für 31 Prozent ging es bergab, 15 Prozent konnten sich verbessern.

Ostdeutschland

Die ostdeutsche Einkommensverteilung hat sich seit den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung stark verfestigt. Damals ging es für viele Arme zunächst bergauf, für Reiche erst einmal bergab. Zuletzt blieben fast doppelt so viele Personen über fünf Jahre hinweg arm, nämlich 54 Prozent der Armen. Auch in der obersten Klasse hat sich der Anteil jener, die geblieben sind, annähernd verdoppelt – auf 52 Prozent. Abstiegsrisiken für Personen in der oberen Mitte sind zurückgegangen.

Stagnation

Nur rund 30 Prozent der Menschen, die von 2009 bis 2013 aus Armut aufsteigen, sind Migranten. Bei denen, die arm bleiben, sind es fast 36 Prozent. Mehr als 63 Prozent der arm Bleibenden haben maximal einen Hauptschulabschluss. Bei denen, die aufsteigen, sind es nur 39 Prozent. Zudem überwiegen Rentner unter den Personen, die arm bleiben. Wer aufsteigt, ist im Vergleich zu denen, denen der Aufstieg nicht gelingt, häufiger Arbeiter und vor allem häufiger Angestellter.

Schulabschluss

Migranten sind unter jenen, die aus der Mitte in Armut absteigen, am stärksten vertreten. Und fast zwei von drei derer, die aus der Mitte zu den Reichen aufsteigen, haben Abitur, fast jeder Zweite von ihnen hat einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss. Mehr als jeder zweite Aufsteiger arbeitet als Angestellter – bei Absteigern sind es lediglich 16 Prozent. Erstere sind auch deutlich häufiger Selbständige oder Beamte.

Soziale Mobilität

In den Wirtschaftswunderjahren nahm die soziale Mobilität in Deutschland ein vorher nie gekanntes Ausmaß an. Für die meisten ging es deutlich nach oben – Soziologen verglichen die Entwicklung mit einem Fahrstuhl. Vor allem im Vergleich zur vorangegangenen Generation ging es den meisten besser. Bereits für die Geburtenjahrgänge ab den 60er Jahren gilt anderes: Das Risiko, gegenüber dem eigenen Elternhaushalt sozial abzusteigen, ist gestiegen. Wie die neue Studie zeigt, bleibt bei vielen die Einkommenslage derzeit über Jahre gleich, mit wachsender Tendenz – der Fahrstuhl stockt.

Veränderten sich die Einkommen der Haushalte im Westen schon längere Zeit relativ wenig, hat sich auch in Ostdeutschland die sogenannte soziale Mobilität der Studie zufolge mittlerweile deutlich verringert. Das schlägt sich der Hans-Böckler-Stiftung zufolge auch auf die Zukunftschancen der Kinder durch: In kaum einem anderen Land hing der Bildungserfolg so sehr von der Herkunft der Eltern ab wie hierzulande.

Die Hälfte der Menschen, die 2009 schon als arm galten, waren auch 2013 noch arm. Zwischen 1991 und 1995 traf das nur auf 42 Prozent der Armen zu. „Je länger eine Armutssituation andauert, desto stärker schlägt sie auf den Alltag durch“, erklärte die Studienautorin Dorothee Spannagel.

Auch für Angehörige der unteren Mittelschicht seien die Aufstiegschancen gesunken, während ihr Risiko, in Armut abzurutschen, etwas gewachsen sei - ungeachtet der guten Konjunktur, der gestiegenen Reallöhne und der Rekordbeschäftigung. „Die Situation dieser beiden Gruppen macht deutlich, dass in unserem Land wesentliche Teile der Bevölkerung damit konfrontiert sind, dauerhaft abgehängt zu werden“, erklärte Spannagel.

Von

dpa

Kommentare (4)

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Herr Lothar Thürmer

10.10.2016, 15:13 Uhr

Wachsende Ungleichheit von Einkommen, Vermögen und Chancen ist ein starker sozialer Sprengstoff, der unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt bedroht. Längst ist der grundlegende Konsens in unserer Gesellschaft gefährdet. Der Erfolg der AfD ist nicht nur, aber eben auch das Ergebnis von Abstiegsängsten gerade der unteren Mittelschicht. Und sollten die Menschen das Gefühl bekommen, dass unsere Gesellschaft ihr Aufstiegsversprechen bricht, durch Bildung und eigene Anstrengung nach oben kommen zu können, dann könnten Verteilungskämpfe in einem Ausmaß drohen, wie sie unser Land bislang nicht kennt. Hat die Politik das eigentlich schon begriffen?

Account gelöscht!

10.10.2016, 16:02 Uhr

@Lothar Thürmer
Die Diskussion von arm und reich in Deutschland ist eine Farce im Vergleich zur Betrachtung von arm und reich auf der Welt. Im Sudan, zum Beispiel, beträgt ein Monatseinkommen ca. 150 Euro. Der soziale Sprengstoff kommt deshalb m.E. aus diesem Ungleichverhältnis verbunden mit einer extrem stark zunehmenden Bevölkerungszahl in diesen Ländern. Der Drang nach Wohlstand und der Drang nach Europa wird deshalb exponential zunehmen. Wirtschaftsflüchtlinge erhalten ca. 350 Euro im Monat in Deutschland geschenkt, also mehr als das doppelte, was Sie durch harte Arbeit in ihrem Herkunftsland monatlich verdienen können. Der Verteilungskampf wird deshalb auf einer ganz anderen Ebene stattfinden. Nicht bei der eigenen Bevölkerung in Deutschland, sondern durch Druck von Menschenmassen von außen. Der Erfolg der AFD liegt deshalb nicht in Schüren von Abstiegsängsten, sondern in dem unpopulären Aufzeigen von Schutzmaßnahmen, die zur Sicherung unseres Wohlstandes notwendig sind, aber von den Altparteien nicht angesprochen werden wollen.

Herr Michael Müller

10.10.2016, 16:03 Uhr

Armut in Deutschland? Eine reine Definitionssache! "Armut" gibt es in Deutschland nicht! Die sozialen Leistungen in Deutschland sind so gut, dass der größte Teil der Weltbevölkerung selbst mit mehr als einem Job nicht an unser Hartz-IV-Niveau heranreicht. Allein die kostenlose Krankenversorgung ist weltweit einmalig.

Es gibt in Deutschland keine Armut! Jeder hat zu essen, trinken, eine Wohnung, Heizung, fließendes Wasser, ärztliche Versorgung, Radio, Fernsehen, Internet, Recht auf Taschengeld und vieles mehr. Wo ist hier Armut? In welchem Land dieser Erde geht es sozial Schwachen besser als bei uns? Mal den Globus anschauen. Deutschland suchen und mit anderen Ländern vergleichen!

Sozialisten suchen immer zwanghaft Gründe für neue Steuern und Abgaben, um an das erarbeitete Geld von anderen Leuten zu kommen, um trotz Ihrer eigenen Unfähigkeit von dem erarbeiteten Wohlstand zu profitieren!

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