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12.01.2011

07:17 Uhr

Einrichtungen bleiben gelassen

Die „zivifreie“ Zukunft hat begonnen

VonAndreas Niesmann

Mit dem Ende der Wehrpflicht läuft im Dezember auch der Zivildienst aus. Lange wurde für diesen Fall der Kollaps des Sozialstaats beschworen, doch Kliniken und Kindergärten sind vorbereitet. Der Bundesbeauftragte für den Zivildienst rechnet durch den Wegfall des Sozialdienstes mit einer Umverteilung der Interessen.

Zivildienstleistender in einem Frankfurter Pflegeheim: Zukünftig soll es einen Bundesfreiwilligendienst geben. dpa

Zivildienstleistender in einem Frankfurter Pflegeheim: Zukünftig soll es einen Bundesfreiwilligendienst geben.

BERLIN. Müde blinzelnd sitzt das zweijährige Mädchen mit den Pippi-Langstrumpf-Zöpfen auf seiner Matratze. Beim Anziehen des Pullovers hat es sich heillos verheddert. "Na, komm her", sagt Christian Sanowski, und löst vorsichtig das Gewirr aus Ärmeln und Ärmchen. Sanowski ist Zivildienstleistender, einer von rund 56 000 in Deutschland. Seit zwei Monaten versieht er seinen Dienst in der Integrationskita an der Petersallee im Berliner Stadtteil Wedding. Er kümmert sich um die Wäsche, räumt nach dem Mittagsschlaf die Matratzen weg und hilft den Erzieherinnen, körperlich beeinträchtigte Kinder auf den Wickeltisch zu heben.

Der 20-Jährige gehört zu einer aussterbenden Spezies. Mit dem Wegfall der Wehrpflicht wird auch der Zivildienst am Jahresende auslaufen. Bereits zum 1. Juli können "Zivis" auf eigenen Wunsch entlassen werden. Schon jetzt wird niemand gegen seinen Willen einberufen. Auch für Sanowski wird es keinen Nachfolger mehr geben.

"Wir bedauern das sehr", sagt Herbert Heller von "Kindergärten City", der Trägergesellschaft von 60 Kitas in der Hauptstadt. "Vor allem in unseren integrativen Einrichtungen werden die Zivis fehlen." Zusammenbrechen werdeder Betrieb allerdings nicht, betont Heller. Er hat früh Kontakt mit Trägern des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) aufgenommen und wird die Zivis künftig durch Freiwillige ersetzen.

Dieser Pragmatismus ist neu, aber nicht untypisch. Über Jahre haben Wohlfahrts- und Sozialverbände einen Kollaps des sozialen Systems prophezeit, falls der Zivildienst wegfallen sollte. Sie rechneten vor, dass die Leistung aller Zivis am Arbeitsmarkt bis zu 1,8 Milliarden Euro pro Jahr kosten würde. Doch jetzt, wo die Entscheidung gefallen ist, bleibt der ganz große Aufschrei aus.

"Das Ende des Zivildienstes ist für die Krankenhäuser ein Verlust und bedeutet weniger Zuwendung für die Patienten", sagt Moritz Quiske von der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Die Pflege aber sei nicht beeinträchtigt. Denn erstens hätten die 13 000 Zivis in deutschen Kliniken nur für zusätzliche Aufgaben eingesetzt werden dürfen, zweitens stünden ihnen 400 000 angestellte Pflegekräfte gegenüber.

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