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07.01.2016

09:51 Uhr

Einsatzprotokoll zur Silvesternacht in Köln

„Spießrutenlauf durch stark alkoholisierte Männermassen“

Frustration bei den Beamten, Spießrutenlauf für Frauen bis zur Lebensgefahr: Ein internes Einsatzprotokoll der Bundespolizei zeichnet ein erschütterndes Bild der Silvesternacht in Köln – und der Verzweiflung der Opfer.

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Chaotisches Sicherheitskonzept: Tritt der Kölner Polizeipräsident zurück?

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KölnVon einer „entspannten Lage“ hatte die Polizei noch am Neujahrsmorgen berichtet. Das revidierte Polizeichef Wolfgang Albers zwar als „falsch“. Doch ein internes Einsatz-Protokoll eines leitenden Polizisten, das der „Bild“-Zeitung vorliegt, zeichnet ein ganz anderes Bild. Ein anderes Bild, als das einer Kommunikationspanne oder „Passivität“, wie es Bundesinnenminister Thomas de Maizière der Kölner Polizei vorgeworfen hat. Ein Bild der völligen Überforderung der zu wenigen Einsatzkräfte bei zu vielen parallel ablaufenden Straftaten.

Die Schilderungen vom Areal im und um den Hauptbahnhof verdeutlichen das Ausmaß des Chaos, das in dieser Nacht geherrscht haben muss. „Schon bei der Anfahrt zur Dienststelle an den HBF Köln wurden wir von aufgeregten Bürgern mit weinenden und geschockten Kindern über die Zustände im und um den Bahnhof informiert“, heißt es in dem Bericht des Beamten, der mit der ihm unterstellten Hundertschaft zu einem Unterstützungseinsatz in die Kölner Innenstadt zum Hauptbahnhof gerufen worden war.

Die Chronologie der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof

21.00 Uhr

Auf dem Bahnhofsvorplatz und der Domtreppe kommen nach Polizeiabgaben 400 bis 500 augenscheinlich betrunkene Menschen zusammen, sie sind teilweise aggressiv. Unkontrolliert werden Böller und Raketen abgebrannt.

23.00 Uhr

Gedränge vor dem Hauptbahnhof, mittlerweile sind mehr als 1000 Menschen zusammengekommen. Es handelt sich „ausschließlich um junge Männer“, wie die Polizei später berichtet. Nach wie vor werden Raketen abgeschossen, einige davon absichtlich in die Menge. Polizeidirektor Michael Temme beschreibt die Stimmung im Nachhinein als „aggressiv“.

23.15 Uhr

Teile der Menge werden von einigen Menschen eingekreist. Mehrere Handys sollen dabei gestohlen worden sein. Weiterhin werden Raketen und Böller gezündet.

23.30 Uhr

Die Polizei räumt die Domtreppe und den Bahnhofsvorplatz, aus Sicherheitsgründen und um eine Panik zu vermeiden, wie es heißt. Nach ihren Angaben beruhigt sich die Situation.

00.30 Uhr

Nach Angaben des „Kölner Stadt-Anzeigers“ herrscht am Hauptbahnhof eine aggressive Stimmung: Mindestens 200 angetrunkene junge Männer mit ausländischem Hintergrund pöbeln in der überfüllten Bahnhofshalle Passanten an und belästigen zahlreiche Frauen.

00.45 Uhr

Die Lage beruhigt sich laut Polizei zunächst. Der Zugang zum Hauptbahnhof wird wieder freigegeben, der Platz füllt sich erneut. Erste Strafanzeigen von betroffenen Frauen wegen Diebstahls, einige von ihnen berichten laut Polizei von sexuellen Übergriffen aus den Gruppen heraus auf Passanten. Es werden alle Beamten vor dem Hauptbahnhof zusammengezogen, knapp 150 Polizisten sollen im Einsatz sein. Frauen ohne Begleitung werden angesprochen und zum Bahnhofseingang begleitet. Es soll aber auch im Bahnhof Übergriffe geben. Dort ist allerdings nicht die Kölner Polizei zuständig, sondern die Bundespolizei.

04.00 Uhr

Nach Einschätzung der Polizei beruhigt sich die Lage wieder.

08.57 Uhr

In einer Pressemitteilung schreibt die Polizei, die Silvesterfeier „auf den Rheinbrücken, in der Kölner Innenstadt und in Leverkusen [sei] friedlich“ verlaufen. Die Vorgänge am Dom werden nicht erwähnt.

02. Januar, 17.00 Uhr

Kölns Polizei informiert jetzt auch über die Übergriffe. Es seien Anzeigen von 30 Betroffenen erstattet worden, eine Ermittlungsgruppe wird eingerichtet.

Am Vorplatz und der Domtreppe hätten sich „einige Tausend, meist männliche Personen mit Migrationshintergrund“, befunden, die Feuerwerkskörper jeglicher Art und Flaschen wahllos in die Menschenmenge feuerten beziehungsweise warfen. „Selbst das Erscheinen der Polizeikräfte und getroffene Maßnahmen hielten die Massen nicht von ihrem Tun ab, sowohl vor dem Bahnhof, wie auch im Bahnhof Köln“, schreibt der Beamte.

Gegen 22.45 Uhr verschärfte sich die Situation am Bahnhofsvorplatz offenbar noch weiter: „Frauen mit Begleitung oder ohne durchliefen einen im wahrsten Sinne ,Spießrutenlauf' durch die stark alkoholisierten Männermassen, wie man es nicht beschreiben kann“.

Während der Räumung des Bereichs der Domtreppe über den Bahnhofsvorplatz zwischen 23.30 und 0.15 Uhr seien die Einsatzkräfte mit Feuerwerkskörpern beschossen und mit Flaschen beworfen worden sein. Und auch beim weiteren Einsatz sei es immer wieder zu gewalttätigen Angriffen von einzelnen oder Personengruppen gekommen.

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Das Böllern in die Menge nahm laut dem Bericht massiv zu: „Wir kamen zu dem Entschluss, dass die uns gebotene Situation (Chaos) noch zu erheblichen Verletzungen, wenn nicht sogar zu Toten führen würde.“

Im Einsatzverlauf seien zahlreiche weinende und schockierte Frauen und Mädchen bei den eingesetzten Beamten und schilderten sexuelle Übergriffe durch mehrere männliche Migranten beziehungsweise Migrantengruppen. „Eine Identifizierung war leider nicht mehr möglich“, heißt es in dem Bericht. Die Einsatzkräfte hätten nicht allen Ereignissen, Übergriffen und Straftaten Herr werden, können. „Dafür waren es einfach zu viele zur gleichen Zeit.“

Der Einsatzleiter sah seine Leute „aufgrund der Vielzahl der Taten“ überfordert: „Da man nicht jedem Opfer einer Straftat helfen und den Täter dingfest machen konnte, kamen die eingesetzten Beamten an die Grenze zur Frustration.“ Die Kölner Polizei wollte sich zunächst nicht zu dem Bericht äußern.

Von

HB

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