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18.09.2015

15:52 Uhr

Endstation Türkei

Syrische Flüchtlinge wollen nicht übers Meer

Die Flüchtlinge aus Syrien kennen das Bild des ertrunkenen Jungen Aylan Kurdi. Es hat ihnen Angst gemacht vor einer Fahrt mit Schleusern über das Meer. Jetzt versuchen sie, über Land nach Griechenland zu kommen.

Syrische Flüchtlinge harren im türkischen Edirne an der abgeriegelten Grenze aus. Reuters

Auf dem Landweg Richtung Griechenland

Syrische Flüchtlinge harren im türkischen Edirne an der abgeriegelten Grenze aus.

EdirneDie nächste Etappe seiner Flucht liegt für Salah Ahmade so nah, dass er eigentlich laufen könnte. Von der Stadt Edirne im Westen der Türkei führt eine Brücke Richtung Griechenland. Wer das andere Ufer des Meric-Flusses erreichen könnte, hätte nur noch sechs Kilometer bis zum Grenzposten vor sich - ein Klacks im Vergleich zu dem, was Salah Ahmade schon zurückgelegt hat.

Griechenland ist für den 29-jährigen Syrer derzeit trotzdem unerreichbar, denn türkische Sicherheitskräfte riegeln den Landweg zur Grenze hermetisch ab. Edirne ist für Hunderte Flüchtlinge so vorerst zur Endstation geworden.

Ohne Passkontrolle kommt seit Mitte der Woche niemand mehr in die Stadt, die früher einmal Zentrum des Osmanischen Reiches war. Seit Tagen hausen die Menschen auf mehreren Hundert Metern an einer Autobahn und am Busbahnhof vor den Toren Edirnes. Um einen weiteren Flüchtlingsandrang zu verhindern, gibt es in Istanbul ohne den richtigen Ausweis nicht einmal mehr ein Busticket nach Westen.

Die türkischen Behörden scheinen zudem gewillt, die in Edirne ausharrenden Flüchtlinge zurückzuschicken. Zwei oder drei Tage könnten sie „unsere Gäste“ bleiben, sagte Provinzgouverneur Dursun Ali Sahin am Mittwoch. Dann aber müssten sie gehen.

Rekordzahlen zur Flüchtlingskrise

500.000

Mehr als 500.000 Menschen haben nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex zwischen Januar und August dieses Jahres bereits die Europäische Union erreicht. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr waren es 280.000 Menschen.


Von den in der EU angekommenen Flüchtlingen haben dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) zufolge mehr als 411.000 das Mittelmeer überquert. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) nannte sogar die Zahl von mehr als 600.000 Bootsflüchtlingen. Mehr als 3100 kamen demnach bei der gefährlichen Überfahrt ums Leben.

466.000

So viele Flüchtlinge kamen der IOM zufolge in diesem Jahr bereits in Griechenland an.

137.000

Rund 137.000 Menschen landeten nach einer Überfahrt über das Mittelmeer in Italien.

200.000

Die ungarischen Behörden gaben die Zahl der seit Jahresbeginn in Ungarn angekommenen Flüchtlinge zuletzt mit 200.000 an. Die Schutzsuchenden kamen vor allem über die sogenannte Balkanroute ins Land.

160.000

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat vorgeschlagen, 160.000 Asylsuchende aus den Haupt-Ankunftsländern Griechenland, Ungarn und Italien auf die 28 EU-Mitgliedstaaten umzuverteilen. Juncker fordert eine verbindliche Quotenregelung für die künftige Flüchtlingsverteilung.

63.000

Rund 63.000 Flüchtlinge trafen seit Ende August am Münchner Hauptbahnhof ein - davon jeweils 20.000 an den beiden vergangenen Wochenenden.

1.000.000

Eine Million Flüchtlinge könnte Deutschland nach Aussage von Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) in diesem Jahr aufnehmen. Das Bundesinnenministerium geht offiziell weiterhin von 800.000 Asylbewerbern aus.

12.000.000

Offiziellen Schätzungen zufolge sind zwölf Millionen Syrer auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat. Davon gelten acht Millionen als im eigenen Land vertrieben, weitere vier Millionen flüchteten ins Ausland. Mehr als 250.000 Menschen wurden seit Ausbruch des Konflikts 2011 getötet.

Dem UNHCR zufolge sind die Hälfte der über das Mittelmeer kommenden Flüchtlinge Syrer. Die zweitgrößte Gruppe sind demnach Afghanen mit 13 Prozent, gefolgt von Eritreern mit acht Prozent. In Griechenland sind 70 Prozent der ankommenden Flüchtlinge Syrer und 19 Prozent Afghanen.

Aufgeben aber wollen Salah Ahmade und die anderen Flüchtlinge trotzdem nicht. Vor vier Jahren flüchtete der 29-Jährige aus Syrien in die Türkei, er hat seine Frau und zwei Kinder dabei. Hier zu bleiben ist keine Option für ihn. „Wir bekommen keine Möglichkeit, die Sprache zu lernen, und finden deshalb keine Arbeit“, klagt der junge Mann mit stämmiger Figur und Drei-Tage-Bart. „In dieser ganzen Zeit hat man unsere Kinder nicht in die Schule gelassen.“

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