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09.11.2013

12:09 Uhr

Energiewende

Koalition will Energiekosten senken

Selbst die Kanzlerin spricht von einer „Kostenexplosion“ bei der Energiewende. Der Netzausbau wird mit 30 Milliarden Euro offenbar teurer als geplant. In Verhandlungen über Kostenbremsen kommen sich Union und SPD näher.

Noch teurer wird der Netzausbau, wenn Trassen als Erdkabel verlegt werden. Das fordern häufig Kommunen, in deren Nähe die Leitungen geplant sind. dpa

Noch teurer wird der Netzausbau, wenn Trassen als Erdkabel verlegt werden. Das fordern häufig Kommunen, in deren Nähe die Leitungen geplant sind.

BerlinUnion und SPD wollen ein umfassendes Reformpaket zur Dämpfung der Kosten bei der Energiewende schnüren. „Wir sind in einem entscheidenden Stadium“, sagte der amtierende Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) am Samstag der Deutschen Presse-Agentur vor dem womöglich entscheidenden fünften Treffen der Arbeitsgruppe Energie. „Aber einen Abschluss wird es nur geben, wenn die Anforderungen an ein neues Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) so klar festgelegt werden, dass die neue Bundesregierung Anfang kommenden Jahres mit der Erarbeitung der Reform beginnen kann.“

Beide Seiten kamen zu Beratungen in der Berliner SPD-Zentrale zusammen. Für die SPD-Seite leitet NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft die AG. Sollte ein Abschluss gelingen, könnte die große Runde der Koalitionsverhandlungen schon am Montag Stellung dazu nehmen. Es wäre der erste große Durchbruch in den Koalitionsverhandlungen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte, eine EEG-Reform stehe für sie ganz oben auf der Agenda. „Wir müssen vor allen Dingen die Kostenexplosion - muss man schon sagen - bei den Umlagen für die erneuerbare Energie dämpfen“, sagte sie in einer Video-Botschaft.

Paradoxien der Energiewende

Ökostrom-Umlage

Sie wurde vollgepackt mit immer weiteren Industrierabatten - die Bürger müssen dies über ihren Strompreis schultern. Sie steigt 2014 auf bis zu 6,5 Cent je Kilowattstunde, obwohl laut des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien 2,6 Prozent weniger Wind- und Solarstrom produziert wurden. Der Zubau neuer Anlagen macht nur 0,2 bis 0,3 Cent des Anstiegs um bis zu 1,2 Cent aus. Hauptgrund sind die massiv gefallenen Börsenstrompreise – sinkt der Verkaufserlös für Ökostrom, wächst die Differenz zu den festgelegten Vergütungssätzen für den Grünstrom.

Stromversorger

Sie profitieren von niedrigen Einkaufspreisen, während die Versorger durch diverse Energiewende-Umlagen immer mehr bezahlen, auch die Netzentgelte steigen. Das Beratungsunternehmen Energy Brainpool hat für die Grünen-Fraktion errechnet, dass sich für 2014 eine mögliche Senkung der Beschaffungskosten zwischen 0,57 und 1,97 Cent je Kilowattstunde abzeichnet. Damit könnte womöglich der gesamte Anstieg der Ökostrom-Umlage kompensiert werden, wenn die Versorger diese Ersparnisse im Stromeinkauf weitergeben würden.

Klimaschutz ade?

Gaskraftwerke stehen still und sollen vom Netz genommen werden. Alte, klimaschädliche Braunkohlekraftwerke laufen hingegen oft durch, da der Preis für CO2-Verschmutzungsrechte extrem niedrig ist. Trotz immer mehr Ökostrom sind daher im vergangenen Jahr die CO2-Emissionen in Deutschland um 2,2 Prozent gestiegen. Ohne Reformen – etwa einer Verteuerung der CO2-Ausstoßrechte – könnte der Kohleanteil weiter steigen und diese Kraftwerke den Atomausstieg kompensieren. Eigentlich sollen dies CO2-ärmere Gaskraftwerke tun.

Kraftwerks-Probleme

Insgesamt funktioniert der Strommarkt bei 25 Prozent massiv gefördertem Ökostrom nicht mehr richtig. Soll es Sonderprämien dafür geben, dass Kraftwerke, die sich nicht mehr rechnen, am Netz gehalten werden? Denn gerade im Winter wird deren Leistung gebraucht. Doch ein solches System – für das hochmoderne Gaskraftwerk Irsching in Bayern wurde das bereits eingeführt – würde die Strompreise noch weiter steigen lassen. Daher muss eine Reform der Ökoenergie-Förderung zusammen mit einer Strommarktreform angegangen werden. Einzige Gewissheit: Es wird nicht billig.

Verheddert im Interessendickicht

Jeder will etwas anderes. Die Länder im Norden und Osten wollen die Windkraft massiv ausbauen, Bayern träumt von einer weitgehenden Energieautarkie. Auch die Parteien haben unterschiedliche Ansätze, zudem kämpfen die großen Versorger gegen immer mehr dezentrale Akteure. Ein gemeinsamer Konsens ist bisher nicht in Sicht. Das macht Reformen so schwer. Gerade das Kostenproblem droht die Akzeptanz der Energiewende zu gefährden – über die mittelfristigen Vorteile redet kaum noch jemand.

Tatsächlich geht aus einem Regierungspapier hervor, dass der Ausbau der Hochspannungsnetze für die Energiewende in den nächsten zehn Jahren mindestens 30 Milliarden Euro kosten wird. Allein für den Bau der drei großen Leitungen zum Abtransport des Küsten-Windstroms sowie die Modernisierung weiterer Trassen werden 14 Milliarden Euro angesetzt.

Bisher waren für diese Projekte im Rahmen des sogenannten Bundesbedarfsplans lediglich zehn Milliarden Euro genannt worden. Weitere erhebliche Zusatzkosten liefen auf, wenn ein Teil der Trassen als Erdkabel verlegt würde, heißt es weiter. Dies fordern häufig Kommunen, in deren Nähe die Leitungen geplant sind.

Für den Bau der Anbindung von Offshore-Windparks rechnet die Regierung unter Berufung auf Angaben der Netzbetreiber Tennet und 50hertz mit weiteren rund 18 Milliarden Euro bis 2023.

Diese Investitionen werden von den Verbrauchern – ähnlich wie die Ökostrom-Förderung – über eine Netz-Umlage getragen. Nicht berücksichtigt bei diesen Zahlen ist das sogenannte Verteilnetz, also die kleineren, regionalen Leitungen. Hier setzt der Bund weitere rund 15 Milliarden Euro für die nächsten zehn Jahre an.

Kommentare (5)

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HGS

08.11.2013, 20:03 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Mazi

08.11.2013, 20:21 Uhr

Damit konnte ja nun wirklich niemand rechen, dass man Strom auch noch transportieren muss.

Da kommt die alte Volkskrankheit Tinitus wie eine Seuche wieder auf, Tinitus im Auge.

Überall wo man hinschaut, nur "pfeifen".

DrJuncker

08.11.2013, 20:21 Uhr

Deutschland plant seinen Untergang mit einer total verfehlten Energiewende. Es geht rasend schnell bis zur Unbezahlbarkeit. Das hätte ich nie gedacht, dass es wohl viel schneller geht, als ein Atomkraftwerk in die Luft fliegt. Beides ist gleich schlimm. Unsere Dilettanten in Berlin führen unser Volk in den Ruin. Jede unnütz verbratene Milliarde fehlt dringend an anderen Stellen wichtiger Investitionen, jedoch die Berliner Politikleien wursteln weiter an unkontrolllierbaren Ausgaben und an den größten Vermögensentwertungen aller Bürger seit Kriegsende, im Wahn der Energiewende, des Einheitseuros und der Diktat-EU. Es wird mehr als ein Zusammenbruch! Die Vernunft scheint gestorben zu sein!

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