Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.10.2016

14:52 Uhr

Energiewende

Korridorsuche für dritte Stromautobahn startet

Ohne Nord-Süd-Stromautobahnen keine Energiewende. Sie müssen den Windstrom nach Bayern und Baden-Württemberg bringen. Das dritte dieser Mammutprojekte hat jetzt unter Beteiligung der Öffentlichkeit begonnen.

Die Suche nach konkreten Korridoren für die dritte Stromautobahn beginnt. dpa

Energiewende

Die Suche nach konkreten Korridoren für die dritte Stromautobahn beginnt.

WeselDie Planung von riesigen Stromautobahnen für den Transport von Windstrom in den Süden nimmt langsam Fahrt auf: Am Mittwoch startete der Netzbetreiber Amprion den öffentlichen Dialog für die westlichste der künftigen drei nationalen Nord-Süd-Stromverbindungen, die für die Energiewende unerlässlich sind.

Die Leitung soll von Emden in Niedersachsen rund 600 Kilometer weit bis Philippsburg in Baden-Württemberg führen, wo zum Jahresende 2019 das dortige Atomkraftwerk vom Netz geht. Bis 2025 soll die Leitung komplett fertiggestellt sein. Vergangene Woche hatten die Netzbetreiber Tennet, TransnetBW und 50Hertz bereits Korridor-Vorschläge für die beiden anderen Großleitungen „Suedlink“ und „SuedOstLink“ von Schleswig-Holstein beziehungsweise Sachsen-Anhalt in den Süden vorgelegt.

Bei dem aktuellen Projekt geht um den gut 300 Kilometer langen und bis zu zwei Milliarden Euro teuren Nordteil der Leitung von Emden bis Osterath nahe Düsseldorf. Dabei sind Erdkabel vorgesehen. Der Weiterbau von Osterath bis Philippsburg wird getrennt geplant. Die Leitung soll künftig Strom für zwei Millionen Menschen transportieren.

Können teure Erdkabel den Stromnetz-Ausbau retten?

Warum ist der Netzausbau für Deutschland so wichtig?

Immer mehr grüner Strom aus Wind-, Solar- und Bioenergie drückt in die Netze. Die starken Schwankungen bei Wind und Sonne stellen die Stabilität des ganzen Energiesystems auf eine Belastungsprobe: Wenn sich etwa bei stürmischem Wetter regional Windstrom ballt, geraten die Leitungssysteme unter Druck. Windanlagen müssen gegen Kostenersatz abgeschaltet, Reservekraftwerke an anderen Stellen hochgefahren werden. Das kostet aktuell schon rund eine Milliarde Euro im Jahr, bis 2023, wenn alle Atomkraftwerke vom Netz sind, könnten sich laut Bundesnetzagentur die Kosten vervierfachen. Um die Versorgungssicherheit zu halten und Blackout-Risiken zu mindern, müssen daher dringend neue „Stromautobahnen“ her.

Was stört Kritiker an möglichen neuen Überlandleitungen?

Freileitungen können je nach Ortsbebauung bis auf 400 oder sogar nur 200 Meter an Privatgrundstücken vorbeilaufen. Anwohner und Naturschützer stören sich – wie bei Windkraftanlagen – am Anblick von Mastenwäldern. Auch Ängste vor „Elektrosmog“ spielen eine Rolle: Kritiker verweisen auf Studien, denen zufolge die Leitungen geladene Teilchen in die Luft abgeben und die elektrischen Felder ein Gesundheitsrisiko sind.

Welche Vor- und Nachteile haben demgegenüber die Erdkabel?

Zunächst mal: Man sieht sie nicht. Eigentümer müssen nicht fürchten, dass riesige Masten vor der Haustür den Wert ihres Grundstücks mindern. Die Netzbetreiber sind gleichzeitig froh, denn für Erdkabel gelten beim Leitungsbau kaum Abstandsgrenzen zur Bebauung. Das Netz kann sich stärker an der Luftlinie orientieren. Das spart Strecke.

Probleme machen gleichzeitig die ungleich höheren Kosten der Spezialkabel. Je nach Gelände dürften sie nach ersten Schätzungen der Fachleute bei bis zum Drei- bis Sechsfachen der Freileitungskosten liegen. Skeptiker fürchten außerdem, dass auch Erdkabel Gesundheit und Umwelt negativ beeinflussen könnten – zum Beispiel, indem sie den Boden erwärmen. Techniker fragen sich, was eigentlich bei einer Netzstörung passiert. Es wird möglicherweise aufwendiger, defekte Stellen zu orten, und zur Reparatur muss man den Boden aufreißen.

Wer zahlt die möglichen Zusatzlasten für den Netzausbau?

Erneut die Verbraucher. Ohnehin soll die EEG-Umlage, die den Ökostrom subventioniert, laut Expertenschätzung 2017 auf fast 7 Cent je Kilowattstunde steigen. Noch liegt sie bei 6,35 Cent. Ein teurerer Netzausbau und Betrieb würde über die Netzentgelte ebenfalls bei den Stromkunden landen. Schon jetzt macht dieser Posten rund ein Viertel des Strompreises aus. Die Grünen kritisierten Erhöhungspläne der Netzbetreiber: Im schlimmsten Fall drohe Stromkunden eine „Erhöhungsorgie“.

Wie teuer werden die Erdkabel denn?

Laut früheren Annahmen der Bundesregierung könnten Erdkabel die Kosten um 3 bis 8 Milliarden Euro erhöhen. Immerhin: Nach vielerorts langer Blockade nimmt der Netzausbau mit Erdkabeln nun langsam Tempo auf. Tennet, 50Hertz und der Südwest-Betreiber TransnetBW stellten in der vergangenen Woche Vorschläge für etwa 1000 Meter breite Kabel-Korridore vom Norden in den Süden vor. Dabei geht es um die beiden anderen nationalen Trassen SuedLink und SuedOstLink. Die Bundesnetzagentur will die Vorschläge ab dem Frühjahr 2017 prüfen. Für die Verbindung von Emden bis Philippsburg plant Amprion bis Mitte 2017 Trassenvorschläge.

Konkrete Korridore für den Nordabschnitt gebe es noch nicht, sagte Amprion-Projektleiter Klaus Wewering am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Wesel (Niederrhein). Bisher seien 20 bis 40 Kilometer breite „Untersuchungsräume“ für die künftigen Korridore definiert worden, in denen dann später die genaue Trasse festgelegt werde. Schon in der jetzigen sehr frühen Planungsphase suche man aber den Austausch mit der Region. „Ab jetzt fahren wir übers Land zu Gesprächen“, sagte Wewering. Mitte nächsten Jahres will der Netzbetreiber konkrete Trassenkorridore vorschlagen.

Amprion erhofft sich von der sehr frühen Beteiligung und der Verwendung von Erdkabeln mehr Akzeptanz in der Bevölkerung. Allerdings verteuerten die Erdkabel das Projekt um den Faktor 3 bis 4, sagte der Projektleiter. Der Rhein müsse gequert werden - wahrscheinlich mit einem Tunnel. Auf der Höhe des dicht besiedelten Ruhrgebiets sei der Planungsraum besonders breit gefasst. Dort könnte die Trasse möglicherweise in einem Bogen Richtung Westen um das Ruhrgebiet herumgeführt werden, hieß es.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×