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29.06.2011

06:40 Uhr

Entlastungen

Steuer-Star Kirchhof spaltet die Union

Die Pläne des Staatsrechtlers Kirchhof für eine radikale Steuervereinfachung sorgen für Unruhe in der Union. Die CDU will sie aufgreifen, die CSU verdammt sie in Grund und Boden.

Paul Kirchhof. Quelle: dpa

Paul Kirchhof.

BerlinCSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt hat das Steuerkonzept des ehemaligen Verfassungsrichters Paul Kirchhof als ungerecht verworfen. „Die Idee ist spannend, dass eine Steuererklärung am Ende auf ein kleines Stück Papier passt. Aber ob das dann gerecht ist, das wage ich zu bezweifeln“, sagte Dobrindt der Zeitung „Die Welt“.

Die Pläne Kirchhofs für eine radikale Steuervereinfachung sehen einen einheitlichen Steuersatz von 25 Prozent und das Ende aller Abschreibungen vor. Dobrindt sagte, Einfachheit und Gerechtigkeit widersprächen sich oft. „Die Komplexität des Lebens spiegelt sich in diesem Steuerkonzept nicht wider, deshalb gibt es doch die Ausnahmen.“ Einen Einfluss auf die laufende Steuerdebatte schloss Dobrindt aus. „Eine radikale Änderung des Steuersystems steht nicht auf der Tagesordnung. Wir sollten mit den begrenzten finanziellen Möglichkeiten die dringendsten Ungerechtigkeiten im System beseitigen.“

Unions-Fraktionsvize Michael Meister lobte die Vorschläge. „Ich bin dankbar für alle Hinweise zur Steuervereinfachung, an der auch die Koalition arbeitet, sagte Meister dem “Kölner Stadt-Anzeiger“. “Das Konzept werden wir uns nun im Einzelnen anschauen.“

Massive Kritik kam dagegen von der Deutschen Steuer-Gewerkschaft. Zuvor hatten bereits SPD, Grüne und Linkspartei die Vorschläge abgelehnt.

Kirchhof will mit seinem Entwurf eines „Bundessteuergesetzbuches“ das deutsche Steuerrecht radikal vereinfachen: Statt rund 30.000 nur noch 146 Paragrafen und statt 32 Bundessteuern noch vier Steuern: auf das Einkommen, die Erbschaft, den Umsatz und den Verbrauch. Zugleich sollen alle 534 Ausnahmetatbestände und Steuerprivilegien wie die Pendlerpauschale wegfallen. Unabhängig von der Höhe des Einkommens ist ein Einheitssteuersatz vorgesehen.

Dobrindt zweifelte an der Akzeptanz in der Bevölkerung für das Konzept und verwies dabei auf die Beinahe-Niederlage der Union bei der Bundestagswahl 2005. „Erkennbar hat es also nicht die Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung erhalten.“ Einen Einfluss auf die laufende Steuerdebatte schloss Dobrindt somit aus. Ohnehin stehe eine radikale Änderung des Steuersystems nicht auf der Tagesordnung.

Wie Ökonomen und Politiker Merkels Steuerpläne zerreißen

Wolfgang Franz

Wolfgang Franz, Chef des Sachverständigenrats: Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für Steuersenkungen. Angesichts der kostenträchtigen Energiepolitik und vor dem Hintergrund der notwendigen Haushaltskonsolidierung sehe ich kaum Spielraum für die Senkung von Steuern.

Wolfgang Wiegard

Wolfgang Wiegard, Ex-Chef des Sachverständigenrats: Eigentlich ist die Sache ganz einfach: In einer tiefen Rezession wie im Jahr 2009 sollte der Staat durch kreditfinanzierte Konjunkturprogramme die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stabilisieren. Das hat die Große Koalition gemacht. Im nachfolgenden Aufschwung sollten konjunkturbedingte Steuermehreinnahmen dann zum Abbau der staatlichen Verschuldung, also zur Haushaltskonsolidierung, eingesetzt werden. Bislang hat sich die CDU/CSU/FDP-Koalition an diese Binsenweisheit einer antizyklischen Fiskalpolitik gehalten. Aber die nächsten Bundestagswahlen stehen vor der Tür, und die FDP droht an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern. Da ist die Versuchung groß, rechtzeitig vor den Wahlen wenigstens einen kleinen Teil der noch im Koalitionsvertrag enthaltenen Steuersenkungspläne umzusetzen. Nach den unpopulären Rettungsschirmen für die überschuldeten und unter mangelnder wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit leidenden Peripherieländer des Euro-Raums jetzt also ein Rettungsschirm für die politisch darbende FDP. Das ist pure Wahltaktik, aber schlechte Ökonomie. Dabei sind Steuersenkungen natürlich nichts Schlechtes. Aber erstens sollte angesichts einer staatlichen Schuldenstandsquote von über 80 Prozent eine entschlossene Haushaltskonsolidierung in der nächsten Zeit das vorrangige Ziel der Finanzpolitik sein.

Und zweitens: Wenn die Politik das Konsolidierungsziel schon zugunsten von Steuersenkungen aufweichen will, gibt es unter Wachstums- und Beschäftigungsaspekten sinnvollere Maßnahmen als die jetzt diskutierten Korrekturen im unteren Bereich des Einkommensteuertarifs. Dazu gehören die Beseitigung der steuerlichen Diskriminierung eigenfinanzierter Investitionen oder der Beschränkungen für die Verlustverrechnung sowie eine systematische steuerliche Förderung von Forschungsaufwendungen.

Ulrich Blum

Ulrich Blum, Chef vom Institut für Wirtschaftsforschung: Die gegenwärtige Steuersenkungsdiskussion findet zur Unzeit statt. Denn eigentlich stehen Mittel zur Entlastung nicht zur Verfügung. Zu hoch sind der inländische Konsolidierungsbedarf bei Staatsausgaben und Rückführung der Schuldenquote, zu groß sind die eventuellen Anforderungen aus der Stützung der Peripherieländer und der gemeinsamen Währung, und zu deutlich ist die Erfahrung, dass der Aufschwung nicht ewig so weitergeht. Zugleich ist der einzusetzende Betrag von rund zehn Milliarden – ob als Rückgabe an Bürger und Wirtschaft oder zur Absicherung bei der Reform übergangsbedingter Steuerausfälle – schlicht zu gering für einen großen Wurf. Wenn man dennoch aus Gründen der politischen Signale an Steuersenkungen festhalten will, dann gibt es drei Prioritäten.

Erstens: Das Eliminieren der kalten Progression. Zweitens: Einstieg in eine Reform der Mehrwertsteuer. Diese würde, vor allem im Bereich der Geringverdiener, einmalige Anpassungen bei den Leistungsniveaus erforderlich machen. Drittens: Die Unternehmensbesteuerung muss dort, wo sie den Wandel der Wirtschaft behindert, reformiert werden. Es sind zum Beispiel Erleichterungen bei Betriebsaufgaben zwingend erforderlich, um den Generationenübergang ebenso zu meistern wie das Erfordernis nach Wachstum zu befriedigen.

Clemens Fuest

Clemens Fuest, Uni Oxford: Das erste Argument, das aktuell für Steuersenkungen angeführt wird, lautet, angesichts der guten Konjunktur bestehe dafür Spielraum. Das überzeugt aus zwei Gründen nicht. Erstens stehen konjunkturbedingte Mehreinnahmen nur vorübergehend zur Verfügung, Einkommensteuersenkungen wirken aber dauerhaft. Es besteht die Gefahr, dass dauerhafte Defizite entstehen. Zudem wäre die Wirkung prozyklisch. Im Boom soll man eher Steuern erhöhen als Steuern senken.

Das zweite Argument lautet, dass wir dauerhaft auf einem höheren Wachstumspfad sind und daher dauerhaft Entlastungsspielräume haben. Auch das überzeugt nicht. Denn wir wissen nicht, ob das Wachstum dauerhaft höher ist. Und es gibt weiteren Konsolidierungsbedarf, um die Schuldenschranke von Bund und Ländern einhalten zu können. Bei unveränderten Ausgaben besteht daher keinerlei Entlastungsspielraum.

Das dritte Argument lautet, die kalte Progression führe zu einer übermäßigen Belastung kleiner und mittlerer Einkommen. Das rechtfertigt aber lediglich eine Umverteilung von Steuerlasten, keine Entlastung.

Ein weiteres Argument lautet, dass Steuersenkungen nötig sind, um zu verhindern, dass kurzfristig vorhandene Spielräume für Wahlgeschenke genutzt werden. Das mag sein, aber vielleicht kann man von der Regierungskoalition doch erwarten, dass sie eine rationale finanzpolitische Strategie verfolgt.

Hans Eichel

Hans Eichel, Finanzminister a.D.: Lernen wir denn rein gar nichts aus der europäischen Schuldenkrise? Die Wirtschaft boomt, aber Bund, Länder und Gemeinden häufen neue Schulden an, statt im Boom Überschüsse zu erwirtschaften, wie es der Europäische Stabilitätspakt verlangt, um die hohen Defizite aus der vorausgegangenen Krise abdecken zu können.

Deutschlands Staatsverschuldung beträgt mehr als 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Sie ist damit höher als in Spanien und weit höher als die 60 Prozent, die der Maastricht-Vertrag zulässt. Deutschland ist im europäischen Vergleich kein Hochsteuerland. Aber die Bundesregierung will die Steuern senken, rechtzeitig zur Bundestagswahl. Das ist unverantwortlich. Es verstößt gegen die Schuldenbremse und gegen die finanzpolitischen Prinzipien Europas.

Wenn die Bundesregierung trotzdem den „Mittelstandsbauch“ in der Einkommensteuer abflachen will – was für sich genommen in Ordnung ist, wenn man es sich leisten kann –, muss sie die Einnahmeausfälle voll gegenfinanzieren. Dazu kann man entweder die Ausgaben kürzen oder die Einnahmen erhöhen, etwa durch eine Erhöhung des Einkommensteuertarifs im oberen Bereich. Das muss man übrigens sowieso machen, weil andernfalls die Steuersenkung auch höhere und höchste Einkommen einbezieht, was doch nicht gewollt ist, oder? Das wäre eine wünschenswerte Strukturreform.

Aber all das wird nicht geschehen. Und deshalb haben Länder und Gemeinden und Wolfgang Schäuble recht, wenn sie sich dagegen sträuben.

Lars Feld

Lars Feld, Wirtschaftsweiser: Die Konsolidierung der Staatsfinanzen muss Vorrang vor Steuersenkungen haben. Konjunkturell bedingte Steuermehreinnahmen dürfen nicht zuletzt wegen der Schuldenbremse nicht für dauerhafte Steuersenkungen verwendet werden. Gleichwohl profitiert der Staat von Inflation.

Wegen der Progression steigt das Steueraufkommen überproportional, und es kommt zu strukturellen Mehreinnahmen. Das gilt selbst dann, wenn Lohnerhöhungen lediglich den Kaufkraftverlust durch Preissteigerungen ausgleichen.

Die den Bürgern in der Vergangenheit stets als größte Steuerreform aller Zeiten verkauften Entlastungen haben meist nur diese Mehreinnahmen des Staates den Bürgern zurückgegeben. Ohne solche regelmäßigen Entlastungen würde die Steuerlast der Bürger kontinuierlich steigen. Besser wäre es freilich, den Steuertarif so zu konzipieren, dass solche Effekte von vornherein vermieden werden.

Reiner Haseloff

Reiner Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt: In der Finanz- und Wirtschaftskrise haben Bund und Länder viel Geld in die Hand genommen, um die Folgen für Bürger und Unternehmen abzufedern. Die öffentlichen Haushalte leiden unter den Folgen der Krise noch heute. Jetzt, wo die Konjunktur wieder anzieht, ist Haushaltskonsolidierung dringend geboten. In Sachsen-Anhalt mühen wir uns derzeit, einen Haushalt ohne Neuverschuldung aufzustellen, und wollen ab 2014 mit der Tilgung der Altschulden beginnen. Wenn uns aufgrund der Steuerpläne der Bundesregierung ein dreistelliger Millionenbetrag fehlt, werden wir dieses Ziel nicht erreichen. Wer heute den Bürgern Steuerentlastungen verspricht, sollte daher auch sagen, was das bedeutet: weniger Geld in den öffentlichen Kassen und damit weniger Geld für Investitionen, für Kultur und Bildung und letztlich eine stärkere finanzielle Belastung der Bürger in vielen Bereichen.

Ulrich Kater

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank: Ich vermisse ein wenig einen Lernfortschritt nach der Schuldenkrise. Die große Lehre ist, dass sich die Staaten den Grenzen der Staatsverschuldung bedenklich genähert haben. Das bedeutet, dass künftig Staatseinnahmen und Staatsausgaben so tariert sein müssen, dass sie in Jahren einer normalen Auslastung der Wirtschaft im Gleichgewicht sind. Da ist Deutschland noch nicht angelangt. Daher verbieten sich die alten Muster der Politik nach dem Motto: Kaum läuft die Konjunktur besser, können die zusätzlichen Mittel wählerwirksam eingesetzt werden.

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Finanzpolitik, und der würde in diesem Fall heißen: Steuersenkungen können sinnvoll sein, aber nur unter der Nebenbedingung, dass gleichzeitig dauerhaft Ausgaben zurückgeführt werden. Hiervon ist bei den gegenwärtigen Vorschlägen nichts zu hören.

Kommentare (13)

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Koboldo

29.06.2011, 07:45 Uhr

Wer wie Kirchhof bei der Pendlerpauschale von einem Steuerprivileg ausgeht und die Steuererklärung auf eine Seite reduzieren will, hat für mich keine Kompetenz, eine Änderung des Steuerrechts einzufordern! Abgesehen davon, dass eine derartige Steuervereinfachung auf keinen Fall zu mehr Steuergerechtigkeit führt, wäre der Politik jeglicher Gestaltungsspielraum genommen. Ich halte die Vorschläge von Kirchhof, wie auch die seinerzeit von Merz, für mehr als unsinnig und werte sie als weiteren Versuch, die Umverteilung von unten nach oben noch weiter zu beschleunigen!

azaziel

29.06.2011, 08:16 Uhr

Der Politik diesen Gestaltungsspielraum zu nehmen ist eine der hoch wuenschenswerten Wirkungen. Es muss ein Ende haben, dass Parteien staendig ihre eigene Klientel mit kleinen und grossen Steuerprivilegien bedienen (Moevenpicksteuer). Genau dieses Verhalten hat naemlich dazu gefuehrt, dass sich das Steuerrecht in einen nicht mehr verstaendlichen und nicht mehr handhabbaren Filz verwandelt hat. Wer das Kirchhofmodell heute ablehnt kann es sich nicht im Detail angesehen haben und kann es auch nicht auf Wirkungen durchgerechnet haben.

An anderer Stelle war zu lesen, dass die Experten des Finanzministeriums einen Steuerverlust von 40 Mrd im ersten Jahr und einen Verlust von jeweils 11 Mrd in den folgenden Jahren errechnet haben. Erstens koennte man durch einfache Adjustierung des Kirchhofvorschlags das Modell aufkommensneutral machen. Zweitens sind die 40 Mrd und die 11 Mrd. Peanuts angesichts der Unsummen, die fuer Rettungsschirme ausgegeben werden und zumindest die 11 Mrd. jaehrliche Folgekosten entsprechen doch ungefaehr dem, was das Gruselkabinett ohnehin als Steuererleichterung vorschlaegt.

petra

29.06.2011, 09:08 Uhr

Steuersenkungen sind leicht gegenfinanzierbar!

Fundierte Berichte über Korruption, Vetternwirtschaft und „Selbstbedienungsmentalität“ auf Kreis-, Landes-, Bundes- und Europaebene lassen erahnen, dass die SteuerVERSCHWENDER größeren Schaden anrichten als alle Steuerhinterzieher zusammen!

Es kann und darf nicht sein, dass mühsam erarbeitet Steuergelder straflos (!) verschwendet werden!

Wurde überhaupt schon einmal ein Steuerverschwender nennenswert bestraft?
Strafversetzungen ohne Einkommens- / Pensionseinbußen sind keine Strafen!

Steuerhinterziehern droht neben empfindlichen Geldstrafen sogar Haft.
Was passiert Steuerverschwendern? NICHTS

Deshalb: SteuerVERSCHWENDER genauso verfolgen und bestrafen wie Steuerhinterzieher!

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