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23.05.2014

19:51 Uhr

Erdoğan in Deutschland

„Ich weiß gar nicht, was der hier will“

VonJakob Struller

Der türkische Regierungschef Erdoğan spricht am Samstag in Köln vor 20.000 Menschen. Sein Besuch spaltet die türkische Gemeinde. Für einige ist er „der Beste“, für andere ein „Babar“. Ein Besuch in der Kölner Keupstraße.

Keine Erdoğan-Fans: Die Cousins Murat (links) und Deniz Spasov sitzen in einem Café in der Keupstraße. Jakob Struller

Keine Erdoğan-Fans: Die Cousins Murat (links) und Deniz Spasov sitzen in einem Café in der Keupstraße.

KölnErdoğan? Da will er mitreden. Schnell setzt sich Deniz mit an den Tisch. „Der soll sich erstmal um die Probleme in seinem eigenen Land kümmern“, sagt er. Sein älterer Cousin Murat spricht schon seit ein paar Minuten über den türkischen Ministerpräsidenten und seinen anstehenden Besuch in Köln. „Ich weiß gar nicht, was er hier eigentlich erzählen will“, sagt er. „Eigentlich müsste er längst zurückgetreten sein.“

Die Cousins sitzen auf Plastikstühlen, die ein Café auf den Bürgersteig der Keupstraße gestellt hat. An den Nebentischen trinken andere junge Männer Saft oder Cola, rauchen Zigaretten, genießen die Sonne, lachen und reden, mal auf Türkisch, mal auf Deutsch. Cafés, Teehäuser und Restaurants gibt es viele auf der Keupstraße und bei gutem Wetter sitzen vor den meisten solche Männergrüppchen.

Die Straße in Köln gilt als ein Zentrum der türkischen Gemeinde in Deutschland. Sie liegt im Stadtteil Mülheim, wo rund 30 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund haben. Viele davon sind Türken oder Deutsche mit türkischen Wurzeln, nicht wenige leben oder arbeiten auf der Keupstraße. Dönerläden reihen sich hier an Geschäfte für türkische Brautmoden, in Friseursalons werden Bärte gestutzt und Tee wird in kleinen, bauchigen Gläsern serviert. Dass der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan am Samstag in Köln eine Rede halten wird, weiß hier jeder – die Meinungen dazu aber gehen weit auseinander.

Die Cousins Deniz und Murat sind sich einig: Erdoğan sollte nicht in Deutschland sprechen. Zwar habe er in der Vergangenheit durchaus Positives in der Türkei bewirkt, aber seit einigen Jahre ist er bei ihnen unten durch. „Die Gezi-Proteste auf dem Taksimplatz haben für mich den Ausschlag gegeben“, sagt Deniz. „Und dass er versucht hat, Facebook und Youtube zu sperren.“ Das Verhalten des Ministerpräsidenten nach dem Grubenunglück im türkischen Soma macht die beiden wütend. „Jeder andere wäre längst zurückgetreten“, schimpft Murat. Bei dem schlimmsten Industrieunfall in der Geschichte des Landes starben mehr als 300 Bergarbeiter. Wie viele Menschen in der Türkei sieht auch Murat die Schuld bei Erdoğan: „Er wusste, dass es dort keine Sicherheit gibt, aber es war ihm egal.“

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