Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.02.2014

06:35 Uhr

Erdogans Auftritt in Berlin

„Ihr seid alle europäische Türken“

VonCetin Demirci

Der türkische Premier Erdogan ist politisch angeschlagen. Doch beim Besuch in Berlin blendet er die Probleme aus. Im Tempodrom spricht er über Integration und verspricht seinen Anhängern: „Die Türkei ist in Sicherheit“.

Premier spricht in Berlin

Erdogan: „Seid kein Hindernis bei der Integration“

Premier spricht in Berlin: Erdogan: „Seid kein Hindernis bei der Integration“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

BerlinRecep Tayyip Erdogan lässt auf sich warten. Mit eineinhalb Stunden Verspätung betritt er die Bühne. Jubel bricht aus. „Steh aufrecht. Lass dich nicht unterkriegen. Dein Volk ist mit dir“, ruft ihm die Menge zu. Rund 4000 Menschen sind am Dienstagabend ins Berliner Tempodrom gekommen, um eine Rede des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zu hören. Der 59-Jährige war für einen Arbeitsbesuch nach Berlin gereist. Am Mittag hatte er Kanzlerin Angela Merkel getroffen, die ihre Vorbehalte gegen eine EU-Vollmitgliedschaft der Türkei bekräftigte. Am Abend stand eine Wahlkampfrede auf dem Programm.

Im Tempodrom ziehen sich neun Banner um die Geländer der Ränge, sieben davon mit türkischen Slogans. Nur einer der Sprüche, „Respekt für Demokratie“, ist auf Deutsch und Englisch zu sehen. „Berlin trifft den großen Meister“, so hatte der Organisator, die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), die abendliche Veranstaltung genannt.

Tatsächlich stehen die Anhänger Erdogans und seiner Partei AKP bereits ab dem frühen Nachmittag vor den Türen des Tempodrom. Ungeduldig warten sie auf den großen Auftritt, endlich hineingelassen breiten einige von ihnen Servietten aus und beginnen in den Gängen zu beten.

„Ich weiß, dass ihr die Ereignisse in eurem Land verfolgt“, sagt Erdogan, endlich am Rednerpult angekommen. „Die Türkei ist in Sicherheit.“ Erneuter Jubel. „Allahu Ekber“, rufen seine Zuhörer. Nichts anderes wollen sie ja hören.

Türkei - ein wichtiger Handelspartner für Deutschland

Wichtiger Exportpartner

Die Türkei gehört seit Jahren fest zum Kreis der 20 wichtigsten Handelspartner Deutschlands. Insbesondere beim Export ist die Bedeutung der Türkei in den letzten zehn Jahren gewachsen. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) haben sich die Ausfuhren deutscher Unternehmen in die Türkei 2011 gegenüber 2001 fast vervierfacht. Der Wert der exportierten Waren lag 2011 bei 20,1 Milliarden Euro.

Einfuhren fast verdoppelt

Der Wert der Importe von der Türkei nach Deutschland lag 2011 bei 11,7 Milliarden Euro. Der deutsche Außenhandelssaldo mit der Türkei wies damit ein Plus von rund 8,4 Milliarden Euro aus. Rund 5.600 deutsche Firmen sind in der Türkei vertreten.

Was die Türkei nach Deutschland liefert

Bekleidung machte in 2011 über ein Viertel aller Einfuhrgüter aus der Türkei aus (3,2 Milliarden Euro beziehungsweise 27,3 Prozent aller Einfuhren aus der Türkei), hier vor allem Oberbekleidung und Wäsche. Aber auch Kraftwagen und Kraftwagenteile wurden eingeführt. Ihr Wert belief sich auf 1,4 Milliarden Euro (11,9 Prozent). Ein weiteres wichtiges Einfuhrgut waren Maschinen (1,3 Milliarden Euro beziehungsweise 10,7 Prozent der Einfuhren aus der Türkei im Jahr 2011).

Was Deutschland in die Türkei liefert

Im Jahr 2011 wurden vor allem Kraftwagen und Kraftwagenteile (5,1 Milliarden Euro beziehungsweise 25,3 Prozent der deutschen Ausfuhren in die Türkei) in die Türkei exportiert. Daneben wurden vor allem Maschinen im Wert von 3,8 Milliarden Euro (18,8 Prozent) sowie chemische Erzeugnisse (2,3 Milliarden Euro beziehungsweise 11,7 Prozent) in die Türkei ausgeführt.

Beliebtes Reiseziel

Die meisten Touristen in der Türkei kommen mit fast fünf Millionen Besuchern aus Deutschland. Überhaupt hat der Tourismus in den vergangenen Jahren deutlich zugelegt. Von der Europäischen Union und einem Beitritt sehen manche Beobachter das Land sich jedoch wegbewegen - auch wenn der türkische Premier Erdogan an dem Beitrittsziel festhält.

Die 63-jährige Fadime steht mitten unter den Zuhörer. Ihr ist es völlig egal, was Erdogan sagt. „Ich unterstütze ihn voll und ganz“, sagt sie. „Ich glaube die ganzen Lügen nicht, die über ihn verbreitet werden.“ Umut hingegen, 26 Jahre alt, würde gerne etwas mehr über die aktuelle politische Situation erfahren. „Der hat ja heute mit Politikern gesprochen. Ich würde gerne wissen, wie es um den EU-Beitritt steht und wie er die politische Lage in der Türkei erklärt.“

Erdogans Auftritt erfolgt ein knappes halbes Jahr nachdem seine Regierung die Proteste im Gezi-Park und auf dem Taksim Platz in Istanbul mit brutaler Härte niederschlagen ließ. Und inmitten des größten Korruptionsskandals in der Geschichte der Türkei. Die Wirtschaft schwächelt. Viele der Reformen wurden rückgängig gemacht, die Unabhängigkeit der Justiz mittlerweile arg beschnitten. Seit Beginn der Korruptionsaffäre vor sechs Wochen sind vier Minister zurückgetreten, sechs Abgeordnete haben die islamisch-konservative Partei verlassen, Hunderte Polizisten und Staatsanwälte sind entlassen worden oder versetzt. Doch auf der Bühne im Tempodrom gibt sich Erdogan stolz als Wahlkämpfer.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×