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23.07.2016

14:04 Uhr

Erkenntnisse der Polizei

„Wir gehen von einem klassischen Amokläufer aus“

VonAxel Höpner

Kein IS-Bezug, kein politisches Motiv: Für die Polizei ist der 18-Jährige, der in München neun Menschen und sich selbst erschoss, ein Amokläufer. Die Stadt gedenkt der Opfer – es sind hauptsächlich Jugendliche.

Die Polizei sichert Beweise aus der Wohnung des 18-Jährigen, der am Freitag in München neun Menschen und sich selbst erschossen hat. Einen islamistischen Hintergrund schließen die Behörden inzwischen aus. dpa

Nach Schießerei in München

Die Polizei sichert Beweise aus der Wohnung des 18-Jährigen, der am Freitag in München neun Menschen und sich selbst erschossen hat. Einen islamistischen Hintergrund schließen die Behörden inzwischen aus.

Am Samstagmittag war das Bild schon klarer. Wieder trat Polizei-Präsident Andrä in seinem Präsidium in der Nähe des Marienplatzes vor die Presse. In der Nacht hatten in dem Gebäude etwa 100 verängstigte Passanten Schutz gefunden.

Über den Schützen weiß man inzwischen mehr: Er war Schüler, 18 Jahre alt, in München geboren und lebte mit Bruder und Eltern in Einer Wohnung in der Innenstadt. Vor der Tat hatte er sich intensiv mit dem Thema Amokläufe beschäftigt. So hatte er das Buch „Amok Im Kopf: Warum Schüler töten“ bei sich daheim sowie Zeitungsartikel, die sich mit der Thematik beschäftigen. Es war also möglicherweise kein Zufall, dass er seine Tat am fünften Jahrestag des Massakers von Anders Breivik beging. Der Münchener Schütze könnte sich mit dem Fall beschäftigt haben, sagte Andrä. „Da muss man kein großer Weissager sein.“

Amokläufe in Deutschland

10. Juli 2015: Ansbach

Ein 47-jähriger Mann erschießt bei einer fast zweistündigen Amokfahrt im fränkischen Landkreis Ansbach eine 82-jährige Frau und einen 72 Jahre alten Fahrradfahrer, danach beschießt oder bedroht er weitere Menschen, bevor er an einer Tankstelle gefasst wird. Ein Gutachter bescheinigt bei ihm eine „akute Psychose“.

28. Februar 2014: Düsseldorf/Erkrath

Der 48-jährige Koch Yanqing T. tötet in zwei Anwaltskanzleien in Düsseldorf und dem benachbarten Erkrath zwei Frauen und einen 54-jährigen Anwalt. Dann legt er in den Büroräumen Feuer und fährt zu einer Pizzeria nach Goch an der deutsch-niederländischen Grenze, um seine Ex-Chefin zu töten und deren Restaurant anzuzünden. Er wird überwältigt und sieben Monate später zu lebenslanger Haft verurteilt. Auslöser der Taten war laut Gericht ein Rachefeldzug gegen Anwälte, von denen er sich in einem Rechtsstreit mit seiner Ex-Chefin schlecht vertreten fühlte.

19. September 2010: Lörrach
17. September 2009: Ansbach

17. September 2009: Ein 18-Jähriger dringt mit Molotow-Cocktails, einem Beil und Messern bewaffnet in ein Gymnasium im mittelfränkischen Ansbach ein. Dabei verletzt er 15 Schüler und Lehrer, einige davon schwer. Er wird später wegen versuchten Mordes in 47 Fällen verurteilt.

11. Mai 2009: Sankt Augustin

Ein geplanter Amoklauf einer 16-jährigen Schülerin an einem Gymnasium in Sankt Augustin wird gerade noch vereitelt. Bei der Vorbereitung der Bluttat wird die mit Molotowcocktails, einer Schreckschusswaffe und einem Kurzschwert bewaffnete Jugendliche auf der Schultoilette von einer 17-jährigen Mitschülerin überrascht. Die 16-Jährige attackiert sie mit dem Schwert und verletzt sie schwer. Die Täterin flieht, stellt sich aber später der Polizei.

1. März 2009: Winneden

Bei einem Amoklauf in Baden-Württemberg sterben 16 Menschen. In einer Realschule in Winnenden erschießt der 17-jährige Täter drei Lehrerinnen und neun Schüler, auf der Flucht tötet er drei Passanten, bevor er in einem Schusswechsel mit der Polizei selbst stirbt.

20. November 2006: Emsdetten

Bei einem Amoklauf eines schwer bewaffneten Ex-Schülers einer Realschule in Emsdetten im Münsterland werden insgesamt 37 Menschen verletzt, sechs davon durch Schüsse des Täters. Der 18-Jährige zündet zudem mehrere selbst gebaute Rohrbomben und Rauchkörper, bevor er sich in dem Schulgebäude mit einem Kopfschuss selbst tötet.

26. April 2002: Erfurt

Ein 19-jähriger Amokläufer erschießt 16 Menschen am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Zu den Opfern zählen zwölf Lehrer, zwei Schüler, die Schulsekretärin und ein Polizist. Nach der Tat tötet sich der Schütze selbst.

1. November 1999: Bad Reichenhall

Ein 16-Jähriger schießt in Bad Reichenhall aus seinem Elternhaus wahllos auf Passanten. Zwei sind sofort tot, einer stirbt später. Bevor er sich selbst tötet, bringt der Täter auch seine 18-jährige Schwester um. Er hatte die Waffen, aus denen er die tödlichen Schüsse abfeuerte, aus dem Waffenschrank seines Vaters geholt.

Klar ist damit auch: Einen islamistischen Hintergrund gibt es nicht. „Wir gehen von einem klassischen Amokläufer ohne jegliche politische Motivation aus“, betonte Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch. Auch LKA-Präsident Robert Heimberger sieht keinen IS-Bezug. Dagegen gibt es Hinweise, dass der Täter in psychiatrischer Behandlung wegen Depressionen gab. Auch das passt ins Bild des Amokläufers.

Offenbar hatte der Täter versucht, Jugendliche zum Tatort zu locken, indem er einen Facebook-Account hackte und dazu aufrief, zu dem Schnellrestaurant zu kommen. Zum Tatort kam er dann mit einer Neun-Millimeter-Pistole und weit mehr als 300 Schuss Munition.

Ermittlern und Polizisten war die Anstrengung der Nacht anzusehen. Rund 2300 Einsatzkräfte waren in der Nacht im Einsatz. Man habe keine Alternative gehabt, als frühzeitig Alarm zu schlagen, betonte Polizei-Präsident Andrä. Mehr als 4300 Notrufe gingen während des Einsatzes bei der Polizei ein – da müsse man vom schlimmsten, realistischen Szenario ausgehen. Meldungen über Schüsse an anderen Stellen der Stadt hatten sich im Nachhinein als falsch herausgestellt.

München gedachte an diesem Samstag auch der Opfer. Drei der Toten sind erst 14 Jahre alt. Zwei Opfer waren 15, eines 17, eines 19, eins 20 und eins 45. Hinzu kam als zehnter Toter der 18-jährige Amokläufer. Viel weiß man noch nicht über ihn. Die Eltern, auch sie haben ein Kind verloren, waren noch kaum vernehmungsfähig.

In München fragen sich nun viele, wie sicher das Oktoberfest ist. Zwar betonte Andrä, dass die Stadt nun nicht gefährlicher geworden sei. Doch werde man die Nacht natürlich genau analysieren und Einsatzpläne überprüfen. Noch aber ist es zu früh für schnelle Schlüsse, auch das hat die Amoknacht von München gelehrt.

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