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09.02.2017

11:17 Uhr

Ersatzkrankenkassen

Es drohen deutlich höhere Zusatzbeiträge

VonPeter Thelen

Die Krankenkassen schlagen Alarm: Ihrer Meinung nach drohen bis 2020 Zusatzbeiträge von durchschnittlich 1,8 Prozent. Eine mögliche Lösung: Arbeitgeber sollen wieder stärker bei den Gesundheitsausgaben mitbezahlen.

Wenn die Politik nicht gegensteuert, könnten den gesetzlich Versicherten bis 2020 ein Zusatzbeitrag von durchschnittlich 1,8 Prozent drohen. dpa

Krankenkassenbeiträge

Wenn die Politik nicht gegensteuert, könnten den gesetzlich Versicherten bis 2020 ein Zusatzbeitrag von durchschnittlich 1,8 Prozent drohen.

BerlinAuf den ersten Blick sieht finanziell gesehen alles gut aus im deutschen Gesundheitswesen. Zwar haben ein Viertel der gesetzlichen Krankenkassen zum 1. Januar 2017 ihre Zusatzbeiträge erhöht. Doch im Durchschnitt ist die Lage stabil. Der von Versicherten und Arbeitgeber je zur Hälfte bezahlte allgemeine Beitragssatz bleibt 2017 bei 14,6 Prozent. Auch die Zusatzbeiträge aller 113 gesetzlichen Kassen, die die Versicherten alleine Zahlen müssen, werden nach den amtlichen Schätzungen im Durchschnitt wie 2016 1,1 Prozent nicht überschreiten. Wessen Kasse teurer ist, der kann ohne große Probleme zu einer preiswerteren Krankenkasse wechseln.

Also alles in Ordnung? Nein, sagt der Chef des Verbands der Ersatzkrankenkassen Uwe Klemens. Er wirft der Politik vor, den Beitragssatz im Superwahljahr 2017 künstlich stabil zu halten. In Wirklichkeit müssten die Beiträge eigentlich schon in diesem Jahr steigen. Bis 2020 drohe ein Zusatzbeitrag von durchschnittlich 1,8 Prozent, wenn die Politik nicht gegensteuert. 

Pro & Contra Gesetzliche Krankenversicherung

Pro: Verteilte Risiken

Solidargemeinschaft von Alten und Jungen, Gesunden und Kranken – die Risiken werden ständig gemischt.

Quelle: wiwo.de

Mitversichert

Kinder und nicht berufstätige Ehegatten sind kostenlos mitversichert

Leistung inbegriffen

Viele Leistungen für Kinder sind bei der GKV vorgeschrieben, die die PKV nicht ohne höhere Beiträge bietet.

Einfache Abrechnung

Pharmafirmen, Ärzte oder Kliniken bekommen feste Kostensätze erstattet – die Leistungserbringer können nicht pokern wie in der PKV und mehrfache Sätze abrechnen.

Moderate Steigerungen

Von politischen Kostensenkungsmaßnahmen oder Kosten-Nutzen-Analysen profitieren die Versicherten, weil so die Beitragssteigerungen moderater ausfallen

Contra: Politik bestimmt

Den Leistungskatalog bestimmt die Politik – das heißt: nichts ist sicher

Festgelegte Beiträge

Die monatlichen Beiträge werden von der Politik festgelegt – Kassen, die gut wirtschaften, können keine niedrigeren Beiträge anbieten

Keine Ideen

Die Politik bremst Kassen aus, die neue Ideen z.B,. bei Kooperationen oder im Krankheitsmanangement realisieren wollen.

Keine Reserve

Die GKV legt keine Altersreserven an, das Geld wird ausgegeben, wie es reinkommt

Im Konzert der Akteure der Berliner Gesundheitspolitik ist der Verband der Ersatzkrankenkassen die Lobbytruppe mit dem größten Gewicht. Denn der VdEK vertritt die Giganten unter den deutschen Krankenkassen: die Techniker, Barmer und DAK. Er vertritt die Interessen von insgesamt 28 Millionen Versicherten, die Zahl wächst seit Jahren. Zuletzt wechselten durch die zum Januar vollzogene Fusion der Barmer mit der Deutschen BKK 1,1 Millionen Versicherte zusätzlich ins Ersatzkrankenkassenlager. Vor allem aber haben in der Selbstverwaltung der Ersatzkassen die Versichertenvertreter traditionell eine stärkere Position als die Arbeitgeberseite. Daher fällt es dem Verband leichter, sich pointiert in den politischen Meinungsbildungsprozess einzubringen und das Interesse der Wirtschaft an möglichst niedrigen Arbeitgeberbeiträgen zur Sozialversicherung zu ignorieren. Das tat er auch am heutigen Dienstag mit Blick auf die bevorstehenden drei Landtagswahlen und die Bundestagswahl im  September.

Nahezu unverblümt warf der ehrenamtliche Verbandsvorsitzende, Uwe Klemens, der Bundesregierung vor, die Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung im Superwahljahr künstlich zu verschönern. Tatsächlich verschafft die Politik den Krankenkassen mit zwei Maßnahmen eine zusätzliche Finanzspritze von zwei Milliarden Euro: Erstens entnimmt sie der Reserve des Gesundheitsfonds 1,5 Milliarden Euro und schüttet sie zusätzlich zu den regulären Zuweisungen für 2017 an die Kassen aus. Zweitens wird für 2017 der Steuerzuschuss an die Krankenkassen von 14 auf 14,5 Milliarden Euro erhöht. Ohne diese zusätzliche Finanzspritze müsste der durchschnittliche Zusatzbeitrag schon dieses Jahr steigen – und zwar auf mindestens 1,2 Prozent.

Pro & Contra Private Krankenversicherung

Pro: Günstige Beiträge

Viele Tarife sind beim Abschluss des Vertrages deutlich günstiger als die Beiträge bei gesetzlichen Kassen.

Leistungsschutz

Einmal vertraglich zugesicherte Leistungen bleiben erhalten. Die Politik mischt sich nicht in den Leistungskatalog ein. Zum Vergleich: Bei der GKV können Leistungen gestrichen werden, wie etwa die Zuzahlung für eine Brille.

Individuelle Auswahl

Versicherte können ihren Leistungskatalog individuell zusammenstellen. Nicht nur Einbettzimmer, Chefarztbehandlung oder Zuzahlungen für Zahnbehandlung lassen sich optional absichern.

Leistungen reduzieren

Der Leistungskatalog kann bei steigenden Kosten auf Wunsch des Versicherten verringert werden, um die Prämie zu senken.

Rückzahlungen möglich

Wenn der Versicherer gut gewirtschaftet hat, können Beitragsrückerstattungen anfallen.

Vorsorge

Altersrückstellungen können die steigenden Kosten im Alter zumindest zu einem Teil auffangen. Trotzdem bleiben steigende Beiträge das Hauptproblem der PKV. Wie stark die Sätze steigen hängt stark an der Qualität des Tarifes.

Geringere Solidarität

Die Solidargemeinschaft unter den Versicherten greift nicht so stark wie in der GKV. Zumindest theoretisch spart jeder Versicherte einen Teil der Beiträge für sich selbst an.

Schlechte Tarife vergreisen

PKV-Versicherte hängen an der Entwicklung aller in ihrem Tarif Versicherten. Wird der Tarif geschlossen für junge, gesunde Neuzugänge, überaltert die ganze Tarifgruppe und es wird teurer.

Steigende Beiträge

Das Hauptproblem für Privatversicherte: Die Beiträge für zunächst günstige Einstiegstarife können schnell steigen. Im Neugeschäft verteuerten sich die Tarife in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt um fünf Prozent per anno.

Vorkasse

Versicherte müssen die Abrechnungen selber bezahlen und bei der Versicherung einfordern.

Streitpotenzial

Ärger mit Ärzten oder Kliniken, falls die aus Sicht der Versicherung überhöhte Rechnungen stellen.

Gesundheitsprüfung

Wer nicht kerngesund ist, muss je nach früherer oder akuter Krankheit sofort höhere Beiträge zahlen oder wird abgelehnt.

Soziale Unsicherheit

Keine Solidargemeinschaft unter den Versicherten – wer die Beiträge nicht mehr finanzieren kann, muss in den abgespeckten Basistarif seines Anbieters wechseln und seinen Ärzten jedes Mal erklären, dass er zwar privat versichert ist, der Arzt aber nur sehr begrenzt abrechnen kann.

Kinder kosten

Kinder und nicht berufstätige Ehefrauen sind nicht wie in der GKV automatisch und kostenlos mitversichert.

Aufpreis für Standard-Leistungen

Viele Leistungen aus dem GKV-Katalog sind für PKV-Versicherte nicht ohne höheren Beitrag zu bekommen. Dazu zählen unter anderem Haushaltshilfen in Notfällen, spezielle Leistungen für Kinder oder Mutter-Kind-Kuren.

Untersuchungsmarathon

PKV-Versicherte gelten oft als überversorgt, weil zwecks Honorarabrechnung mehr Untersuchungen an ihnen praktiziert werden, als medizinisch nötig sind.

Quelle: wiwo.de

Schonungslos rechnet der Verband vor, in welchem Umfang die aktuelle Gesundheitspolitik die Ausgaben in den kommenden Jahren weiter steigen lassen wird. Wenn alle Gesetze der zu Ende gehenden Legislaturperiode erst einmal umgesetzt seien, so Klemens, bedeute das im Vergleich 2015 jährliche Mehrausgaben von 4,6 Milliarden Euro im Jahr. Nur um sie zu bezahlen, ist rein rechnerisch eine Erhöhung des Zusatzbeitrags um 0,3 Prozent erforderlich. Hinzu kommen aber allgemeine Kostensteigerungen für höhere Preise, medizinisch technischen Fortschritt und den wachsenden Behandlungsbedarf in einer alternden Gesellschaft.

Die Prognose des VdEK, dass der Zusatzbeitrag bis 2020 auf 1,8 Prozent steigen könnte, ist daher nicht weit hergeholt. Klemens meint, dass bisher größere Beitragserhöhungen nur durch zwei Faktoren verhindert worden seien. Zum einen durch das politische Manöver mit den 1,5 Milliarden Euro zusätzlich auf dem Gesundheitsfonds, zum anderen mit den Mehreinnahmen. Diese entstehen seit einigen Jahren dadurch, dass immer mehr Menschen in Deutschland einen sozialversicherungspflichtigen Job finden und auch die beitragspflichtigen Löhne wieder stärker steigen, meint Klemens.

Kommentare (11)

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Herr Günther Schemutat

09.02.2017, 11:30 Uhr

Herr Thelen, sie haben vergessen zu schreiben, dass die Erhöhung pro Jahr erfolgen wird .

Wie man 2016 gesehen hat, wurde die grandiose Rentenerhöhung von Union und SPD gefeiert , während sich die Krankenkassen davon ein schönes Stück Kuchen abgeschnitten haben.

Hätte die Erhöhung der Rente nur bei 1, 8 % gelegen, dann wäre die Rente vermutlich ins Minus gerutscht. Hier wurde nur eine Rentenerhöhungsfälschung betrieben.

Der Staat verschenkt nichts und wenn holt er sich das auf Umwegen wieder zurück für wichtige Sachen.

Herr J.-Fr. Pella

09.02.2017, 11:40 Uhr

Deckelt endlich die maßlosen Gehälter der Vorstände um mind. 50% der jetzigen Einkommen.
Wenn es denn sein muß,, auch mit Gesetzen.
Abgesehen davon sollen die Reserven und die heimlichen Rücklagen erst aufgebraucht werden.
Auch hier ist die Selbstbedienungsmentalität mindestens so ausgeprägt wie bei unseren jetzigen Politiker!!!!

Account gelöscht!

09.02.2017, 12:12 Uhr

Danke an Fr. Merkel für die Belastung unserer Sozialsystem durch ihr illegale Einwanderungs-Willkommensparty.
Der Deutsche Arbeitnehmer darf immer mehr bezahlen an Steuern und Abgaben nur das sich die Gäste von Merkel in Deutschland auch ins gemachte Nest (Hängematte) setzen können.

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