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02.05.2012

19:09 Uhr

Erwartungen an Gipfeltreffen

Merkel in der Energieklemme

VonDietmar Neuerer

ExklusivDie Energiewende kommt nicht voran. Viele offene Fragen bremsen das schwarz-gelbe Projekt. Bei einem Spitzentreffen versucht Merkel den Befreiungsschlag. Der Druck ist groß – auch in den eigenen Reihen.

Angela Merkel. AFP

Angela Merkel.

BerlinPolitiker von CDU, SPD und Grünen haben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angesichts des von ihr anberaumten Energiegipfels im Kanzleramt unter Handlungsdruck gesetzt. Er erwarte, dass das Thema steigende Energiekosten noch stärker in den Fokus rücke, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der Unions-Fraktion im Bundestag, Joachim Pfeiffer, Handelsblatt Online. „Denn der geplante Umbau des Energiesystems darf nicht zu Lasten der Industrie gehen“, so der Politiker. „Ein weiterer unkontrollierter Anstieg der Energiekosten gefährdet den Industriestandort Deutschland - und damit die Grundlagen unseres Wachstums und Wohlstandes.“

Mit Blick auf die Energiewende sprach Pfeiffer von großen Aufgaben, die zu bewältigen seien. „Der Umbau der Energieversorgung ist kein Sprint sondern ein Marathonlauf. Hier stehen wir derzeit vor verschiedenen Großbaustellen, zum Beispiel dem Netz- und Speicherausbau, dem Bau zusätzlicher grundlastfähiger Kraftwerke, der zügigen Heranführung der Erneuerbaren an den Markt oder die steigenden Energiekosten“, sagte der CDU-Politiker. Von dem heutigen Treffen im Bundeskanzleramt erwartete er daher, „dass Bundesregierung und Industrie gemeinsam Lösungen finden, wie der erforderliche Ausbau sicherer Kraftwerkskapazitäten in den nächsten Jahren erfolgen kann“.

Kommentar: Die Energiekanzlerin ist gefordert

Kommentar

Die Energiekanzlerin ist gefordert

Die Energiepolitik der Kanzlerin läuft mehr und mehr aus dem Ruder.

Nach Einschätzung des SPD-Umweltexperten Matthias Miersch versuchte Merkel mit ihrem Energie-Spitzentreffen das „organisatorische Desaster“ in den Griff zu bekommen, das ihre Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) bei der Energiewende angerichtet hätten. „Viel zu lange hat sie der Hinhaltetaktik ihrer Minister zugesehen“, sagte Miersch Handelsblatt Online. Dabei dränge sich der Eindruck auf, dass Schwarz-Gelb nie wirklich von der Energiewende überzeugt gewesen sei, sondern nur aus purer Taktik gehandelt habe: „Der Netzausbau lahmt, Offshore-Windparks können nicht angeschlossen werden, die Solarbranche wird an die Wand gefahren, wirksame Energieeffizienz-Richtlinien werden weiter verhindert“, kritisierte der SPD-Politiker. Neue Kraftwerke würden dieses strukturelle Problem nicht lösen. „Schwarz-Gelb fehlt es nicht nur an interner Koordination und Führungsstärke, sie haben schlicht keine tragfähige Vision für eine zukunftsfähige Energieversorgung“, sagte Miersch. Daran werde auch die „Gipfel-Mentalität“ der Kanzlerin nichts ändern.

Merkels Baustellen bei der Energiewende

Kosten

Im Jahr 2013 drohen für einen normalen Haushalt mit einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden Ökoförder-Kosten von bis zu 175 Euro (derzeit 125). Der Hintergrund: Die zuständigen Netzbetreiber rechnen mit einem deutlichen Anstieg der von allen Stromverbrauchern zu zahlenden Umlage zum Ausbau der erneuerbaren Energien. Der Grund liege auch in immer mehr Ausnahmen für Industriebetriebe und in einer neuen, sehr teuren Marktprämie für Wind- oder Solarparkbesitzer, die ihren Strom selbst vermarkten.

Stromnetz

Die 4450 Kilometer an neuen Stromautobahnen, die laut Deutscher Energie-Agentur gebraucht werden, gelten schon wieder als überholt. Das Wachstum der erneuerbaren Energien erfolgt zwar rasant. Dies treibt aber die Förderkosten - und es fehlen schlicht Netze zum Abtransport, gerade vom Norden in den Süden. Zudem bremsen technische Probleme die Anbindung der See-Windparks. Bisher ist unklar, wie der Netzausbau stärker auf den Ausbau der erneuerbaren Energien abgestimmt werden könnte. Im bisher Atomenergie-lastigen Süden gibt es zu wenig Ökoenergie und im Norden und Osten vielerorts zu viel.

Kraftwerksbau

Zwar gibt es nach der vom Branchenverband BDEW erstellten neuen Kraftwerksliste 84 Kraftwerksprojekte (Wind, Gas, Kohle) mit einer Leistung von 42.000 Megawatt. Aber bisher fehlen immer noch Dutzende Gaskraftwerke, um gerade nach 2022 den Ausfall aller Atomkraftwerke aufzufangen. Da jetzt schon an einigen Tagen Wind und Sonne den Bedarf fast decken können, gibt es eine zu große Unsicherheit, ob neue Kraftwerke genug Produktionsstunden bekommen. Sie sind aber notwendig, um zu jeder Tages- und Nachtzeit und zu allen Wetterlagen die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Gefordert werden daher besondere finanzielle Anreize.

Speicher

Dieses Thema hängt eng mit den Kraftwerksplänen zusammen. Bisher gibt es erst rund 6400 Megawatt Speicherkapazitäten in Pumpspeicherkraftwerken. Hier kann überschüssiger Strom bei zu viel Wind und Sonne durch das Heraufpumpen von Wasser in ein höher gelegenes Becken gespeichert werden. Bei Flaute und Wolken stürzt das Wasser herunter und treibt stromerzeugende Turbinen an. Das Potenzial ist hier aber begrenzt, daher ruhen Hoffnungen auf neuen Ideen wie der Wind-zu-Gas-Technologie. Aber: Das Ganze braucht Zeit. Gibt es einen Durchbruch bei Speichern, dann dürfte die Ökowende weltweit Nachahmer finden. Aber ohne Speicher bleibt die Stromproduktion aus Wind und Sonne schlicht unkalkulierbar und sehr teuer.

An dem Treffen im Kanzleramt sollten am Mittwochnachmittag unter anderem Spitzenvertreter von RWE, Eon, Siemens und des Stadtwerkeverbunds Thüga teilnehmen. Auch Michael Vassiliadis, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) war eingeladen. Neben Problemen beim Netzausbau sollte es vor allem darum gehen, welche konventionellen Kraftwerke die Stilllegung von neun Atomkraftwerken bis 2022 auffangen könnten. Bisher gibt es kaum Pläne für neue Kraftwerke. Nach dem Treffen hieß es in Regierungskreisen: „Die Gespräche waren getragen von einem Geist, dass alle die Energiewende wollen und gemeinsam nach Lösungen suchen.“

Für die Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn stand schon vorher fest: „Der Energiegipfel ist zum Scheitern verurteilt, weil der Bundesregierung die Konzepte fehlen, wie sie den Atomausstiegsbeschluss umsetzen will.“ Man könne keine sinnvollen Kapazitätsplanungen machen, wenn die Einsparpotenziale ungenutzt bleiben, sagte Höhn Handelsblatt Online. So untergrabe die Bundesregierung in Brüssel derzeit die Effizienzvorgaben (20 Prozent Energieeinsparung bis 2020), die die Kanzlerin selbst während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft propagiert habe. Zudem hielten die Koalition und die SPD auch weiter an Kohlekraftwerken fest, obwohl diese wegen ihrer trägen Regulierung „völlig ungeeignet“ seien, kurzfristig entstehende Lücken bei den Erneuerbaren Energien aufzufangen. „Dass die zuständigen Minister nicht anwesend sind, spricht Bände“, sagte Höhn und fügte hinzu: „Energiepolitik findet in Deutschland nicht erst seit heute ohne die Minister Rösler und Röttgen statt.“

Kommentare (9)

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Matthes

02.05.2012, 15:49 Uhr

Merkel an ihre Aussage erinnern!
Dass die Energiepreise nicht teurer werden. Denn man sollte schon erwarten können, dass sie vor solchen Entscheidungen wie der Abschaltung der Kernreaktoren die Konsequenzen kennt.

bjarki

02.05.2012, 16:01 Uhr

Merkel steck in keiner Energieklemme! Schon fordert Kretschmann Gaskraftwerke. Die Rechnung geht auf. Gas statt Atom, Osteepipeline. So bekommt Russlands Putin die Deutschen in den Griff. Abschalten und erpressen ist die Zukunft. Wer das nicht sieht ist bewusst blind

Account gelöscht!

02.05.2012, 16:30 Uhr

Martin Kannegiesser. Der„Bild“-Zeitung sagte er: „Die Art, wie die Energie-Wende gelaufen ist, ist problematisch“.

Was ist wo gelaufen? Beschlossen ist nur der Atomausstieg, sonst gar nichts.

Jetzt geht es drum, welche Kraftwerke werden wo gebaut und was bedarf es an Netz. Merkel in der Klemme? Achwo, die sind doch im Zeitplan, sind sie nicht? EON und RWE sind vor 1 Monat gerade mal aus Atomprojekten in UK ausgestiegen. Der Atomausstieg ist gerade mal ein Jahr alt. M.E. alles im Zeitplan. Jetzt verhandeln die großen Konzerne, wie es weiter geht. Wie kommt man darauf, dass hier irgendwas stockt? Das muss doch erst mal geplant werden. Das wird ne Sache von Jahrzehnten!

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