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04.05.2015

17:06 Uhr

Erzieher und Sozialarbeiter

Unbefristeter Kita-Streik ab Freitag

Die Mehrheit ist überwältigend: Mehr als 96 Prozent der Beamtenbund-Mitglieder sind für einen unbefristeten Kita-Streik. Ab Freitag bleiben die Kitas geschlossen – vorerst allerdings nicht überall in Deutschland.

Ab Freitag soll der unbefristete Streik in einigen Städten und Regionen beginnen. dpa

Kita-Streiks

Ab Freitag soll der unbefristete Streik in einigen Städten und Regionen beginnen.

BerlinDie Eltern in Deutschland stehen vor unbefristeten Streiks in Kitas. Als erste der beteiligten Gewerkschaften gab der Beamtenbund dbb am Montag das Ergebnis seiner Urabstimmung im aktuellen Tarifkonflikt bekannt. 96,5 Prozent der Beschäftigten sind für zeitlich unbegrenzte Arbeitskampfmaßnahmen, wie der dbb-Verhandlungsführer Andreas Hemsing in Berlin mitteilte.

Bis Wochenmitte werden noch die Ergebnisse der Gewerkschaften Verdi und GEW erwartet, die mehr Mitglieder im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst haben. Eine Zustimmung zu Streiks gilt auch hier als sicher.

Hemsing sagte: „Die hohe Zustimmung zu unbefristeten Streiks ist ein Ausdruck der großen Wut, die sich bei den Beschäftigten angestaut hat.“ Der DBB ist bei den betroffenen Kommunalbeschäftigten schwerpunktmäßig in Nordrhein-Westfalen, aber etwa auch in Teilen Niedersachsens vertreten.

Fakten zur Betreuung

Was tun, wenn Eltern für ihr Kleinkind leer ausgehen?

Man kann vor dem Verwaltungsgericht (VG) auf einen Platz klagen. Gerade erst hat Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) Eltern geraten, von diesem Klagerecht Gebrauch zu machen. Weil eine Klage vielen aber zu langwierig ist, empfehlen Rechtsanwälte, ein Eilverfahren anzustrengen. So ist die Stadt Köln vor zwei Wochen per Eilentscheid verpflichtet worden, zwei Kleinkindern einen Platz zu verschaffen. So manche Kanzlei scheint ein Geschäft zu wittern und wirbt: „Wir klagen Ihr Kind in die Kita ein!“ Andere Anwälte halten es für sinnvoller, selbst initiativ zu werden, das Kind privat - oft teurer - unterzubringen und die Mehrkosten via Schadenersatzverfahren von der Kommune einzufordern.

Können Eltern immer zwischen Kita und Tagesmutter wählen?

Laut Gesetz besteht ein Recht auf Frühförderung in einer Tageseinrichtung oder in der Kindertagespflege. Manche Rechtsexperten bewerten das ausdrücklich als Entweder-Oder-Wahlrecht. Thomas Meysen vom Institut für Jugendhilfe und Familienrecht sagt dagegen, man müsse auch die jeweils andere Alternative akzeptieren, wenn nicht beide Varianten zur Verfügung stehen. Und das wird nach Ansicht des Städtetags definitiv nicht überall der Fall sein. Laut Kölner VG-Eilentscheid ist der Elternwille entscheidend. Die unterlegene Stadt Köln hat aber Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht eingelegt. Viele glauben, dass dieses die VG-Entscheidung kassieren wird.

Welche Variante ist denn besser?

Kita und Tagespflege stehen gleichwertig nebeneinander. Der Bund geht davon aus, dass gut zwei Drittel aller Plätze in einer Tageseinrichtung und rund 30 Prozent bei Tagesmüttern oder -vätern bereitstehen. In Kitas muss mindestens eine Kraft ausgebildete Erzieherin sein. Gruppengröße und Betreuer-Kind-Schlüssel legen die Länder fest. Tagesmütter können maximal fünf Kinder daheim aufnehmen oder kommen mitunter auch in den Haushalt der Eltern. Sie werben mit Flexibilität und Familienähnlichkeit. Tagesmütter müssen eine 160-Stunden-Qualifizierung absolvieren und brauchen vom Jugendamt eine Pflegeerlaubnis.

Wie steht es um die Qualität der U3-Betreuung?

Die umfassende und viel beachtete Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (Nubbek-Studie) kam im Frühjahr zu ernüchternden Ergebnissen. Die pädagogische Arbeit in deutschen Kitas sei „im Durchschnitt nur mittelmäßig“. Quantität gehe vor Qualität. Die Kommunen betonen bei ihren Ausbau-Anstrengungen stets, dass sie Qualitätsansprüche hochhalten. Experten raten, genau auf den Schlüssel zu achten, wie viele ausgebildete Erzieherinnen auf wie viele Kleinkinder kommen.

Was ist wichtig für das Wohl der Kleinsten?

Kontinuität und Verlässlichkeit gehören dazu. Wird ein einjähriges Kind nur an zwei Tagen in der Woche gebracht, bleibt es immer fremd in der Gruppe. Regelmäßigkeit im Tagesablauf gibt den Kleinsten Sicherheit. Umstritten ist die Übernacht-Betreuung. Das Kind sollte niemals im Schlaf oder Halbschlaf in die Einrichtung kommen und immer von derselben Betreuungsperson zu Bett gebracht werden, die es dann am nächsten Morgen auch weckt. Mehr als 45 Wochenstunden externe Betreuung gelten als nicht förderlich.

In welchem Umfang haben Eltern Anspruch auf Betreuung?

In der Regel werden Halbtagsplätze angeboten. Ein- und zweijährige Kinder haben darauf auch dann einen Anspruch, wenn deren Eltern nicht arbeiten gehen. Das Angebot soll dem Eltern-Bedarf entsprechen. Wem ein Halbtagsplatz nicht reicht, der muss seinen erhöhten Bedarf nachweisen. Ob dabei Schichtarbeiter auch ein Übernacht-Angebot beanspruchen können, muss möglicherweise individuell geklärt werden.


Was gilt als zumutbar?

Der Platz muss in zumutbarer Nähe liegen - bisher wird das überwiegend definiert mit rund einer halben Stunde Zeitaufwand für eine Strecke. Bei speziellen Wünschen wie einer integrativen Gruppe oder Montessori-Pädagogik sind Absagen wohl angesichts geringer Kapazitäten hinzunehmen.

Hemsing warb bei den Betroffenen um Verständnis für die kommenden Streiks. „Qualifiziertes und motiviertes Personal ist in unser aller Interesse, damit das starke Netz aus sozialer Arbeit und Kindererziehung nicht löchrig wird.“

Nach fünf Runden hatten die Gewerkschaften die Tarifverhandlungen für die bundesweit 240 000 Erzieher und Sozialarbeiter in kommunalen Einrichtungen für gescheitert erklärt. Verdi, GEW und dbb fordern eine finanzielle Aufwertung der Sozial- und Erziehungsberufe unter anderem durch eine höhere Eingruppierung. Nach Angaben der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) beläuft sich die Gesamtforderung auf 1,2 Milliarden Euro.

Die VKA kritisierte die geplanten Arbeitskämpfe scharf. „Die angekündigten Streiks sind vollkommen unangemessenen und überzogenen“, sagte Hauptgeschäftsführer Manfred Hoffmann der „Rheinischen Post“ (Montag). „Mit den Streiks in Kindertagesstätten sorgen die Gewerkschaften immer wieder für massive Belastung von Kindern und Eltern, ohne dass dies die Verhandlungen inhaltlich weiterbringt.“

Die Verdi-Fachbereichsleiterin Manuela Schmidt sagte in Leipzig, dass es etwa in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wahrscheinlich ab Freitag unbefristete Streiks geben werde. Zunächst solle nicht flächendeckend, sondern nur in einigen Städten und Regionen gestreikt werden.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Herr Markus Gerle

04.05.2015, 20:27 Uhr

Irgendwie ist das schon witzig. Erst tut der Staat alles dafür, dass Eltern ihre Kinder möglichst schnell in staatliche Obhut geben. Und dann funktioniert es natürlich wieder mal nicht. Unsere Staatsbeschäftigten sehen den Staat ja immer mehr als Selbstzweck an. Dabei ist die Kinderbetreuung durch staatliche Einrichtungen aufgrund sozialistischer Umverteilungsdenke ja jetzt in den meisten Kommunen schon unverschämt teuer. Zumindest für diejenigen, die sowieso schon die staatlich Beschäftigten mit ihren exorbitant hohen Steuern alimentieren. An alle Gutverdiener: Tut Euch einfach zusammen und organisiert die Kinderbetreuung privat. Ich kenne viele, die dies bereits tun. Es ist deutlich günstiger, zuverlässiger und auch besser für die Kinder. Der Staat kann es einfach nicht.

Herr J.-Fr. Pella

05.05.2015, 12:16 Uhr

Egal ob Beamter oder Angestellter im öffentlichen Dienst, ein jeder fühlt sich unterbezahlt obwohl schon sehr hohe Einkommen erzielt werden
Wenn man dann betrachtet, daß die meisten k e i n Studium haben ist dies schon erstaunlich.
Sie sollten mal die Einkommen junger Dipl.-Betriebs- oder Volkswirte in der freien Wirtschaft kennen lernen; aber es ist wie immer: die öffentlichen Einrichtungen werden als Selbstbedienungsladen gemolken und VERDI macht fleißig mit.
Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht...........

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