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24.04.2011

08:58 Uhr

Essay

Die Entseelung der Gefolgschaft

VonRoman Pletter

Auf dem Weg der Kanzlerinnenwerdung hat Angela Merkel offenbar den Plan dafür verloren, was sie tun will, wenn sie Kanzlerin ist. Nun ähnelt ihre Ziellosigkeit schon jener des späten Helmut Kohl.

Helmut Kohl und Angela Merkel: vieles gemeinsam? Quelle: ap

Helmut Kohl und Angela Merkel: vieles gemeinsam?

Ist Angela Merkel eine Heldin? Dafür spricht nicht viel. Dabei hat ein Land es verdient, dass seine Berufspolitiker ein bisschen Heldenmut haben. Man muss nur bei dem Soziologen Max Weber nachschlagen, um zu sehen, wie wichtig das ist für eine Demokratie - und nur die Zeitung lesen, um zu sehen, wie Angela Merkel sich geradezu darum drückt, eine Heldin zu sein, nur um dranzubleiben an der Macht und nichts zu riskieren.

Zum Schluss seiner vor 92 Jahren veröffentlichten Abhandlung "Politik als Beruf" schreibt Max Weber von der Notwendigkeit politischer Führung, die mehr will, als sich mit dem Erreichbaren zufriedenzugeben: "Es ist ja durchaus richtig, (...) daß man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre. Aber der, der das tun kann, muß ein Führer und nicht nur das, sondern auch - in einem sehr schlichten Wortsinn - ein Held sein."

So ein Held, schreibt Weber dann, müsse auch Verletzungen riskieren für seine Überzeugungen: "Nur wer sicher ist, daß er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, daß er all dem gegenüber: ,dennoch!' zu sagen vermag, nur der hat den ,Beruf' zur Politik."

Die Geschichte der deutschen Kanzler ist tatsächlich eine Geschichte lauter Dennochs. Willy Brandt hat "dennoch!" gerufen, als er die Ostpolitik betrieb, Helmut Schmidt hat "dennoch!" gerufen, als er Raketen stationieren ließ, Helmut Kohl hat "dennoch!" gerufen, als er die Wiedervereinigung forderte, und Gerhard Schröder hat "dennoch!" gerufen, als er seine Sozialreformen durchsetzte.

Angela Merkel hat als Kanzlerin niemals "dennoch!" gerufen - und verliert nun Wähler an die Grünen. Die wollen seit 30 Jahren raus aus der Atomkraft. Sie haben länger als alle anderen "dennoch!" gerufen und die Verletzung des Scheiterns riskiert. Offenbar mögen viele Wähler das. Es zahlt sich nun aus.

Kommentare (29)

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RalphFischer

24.04.2011, 12:17 Uhr

Kohl hat auf diese Weise 16 Jahre regiert, also was soll falsch daran sein ?

azaziel

24.04.2011, 13:12 Uhr

Eine ueberzeugungslose, ideenlose und uncharismatische Frau krempelt die Partei Ludwig Erhards in kuerzester Zeit um. Alle fuehrenden Koepfe lassen sich widerspruchslos die Baellchen nehmen und uebrig bleiben nur noch Leute mit der Standhaftigkeit von einem halben Pfund Softeis. Eine Makulatur Partei!

Sollte nicht jede Partei von engagierten Buergern getragen werden, die ihre Ueberzeugungen zum Wohl der Gesellschaft entwickeln und einsetzen? Sollte nicht eine Blaupause fuer die Zukunft in jeder Partei verankert sein? Kann eine Partei von herz- seelen- und geistlosen Lemmingen ueberhaupt eine politische Fuehrung hervorbringen?

Morchel

24.04.2011, 13:50 Uhr

Wer so agiert wie Kohl/Merkel/die Renten sind sicher die sollten sehr schnell das C aus ihren Namen nehmen und es ersetzen mit den L für Lobby, Lügen. Was da abging von der Treuhand bis zu den blühenden Landschaften, wo es sehr vielen schlechter geht, nicht besser, die diesem Geschwafel glauben geschenkt haben.Gleichzeitig eine der grössten Umverteilung eingeleitet haben, sollten sich bis ans ende ihrer Tage fragen lassen warum sie die Armut in Deutschland eingeführt zu haben.

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