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21.05.2011

10:16 Uhr

Euro in der Krise

Wie kommen wir da raus?

VonMarc Brost, Mark Schieritz
Quelle:Zeit Online

Die Deutschen ringen um die Zukunft des Euro. Und keiner gibt zu, wie wenig er weiß.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble verteidigt die Hilfen für Griechenland. Quelle: dpa

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble verteidigt die Hilfen für Griechenland.

Berlin/BrüsselDie jüngste Niederlage hat ihn siegessicher gemacht. Frank Schäffler, 42 Jahre, Finanzexperte der FDP, Euro-Gegner und Parteirebell: Ginge es nach ihm, bekämen die Griechen schon lange kein Geld mehr aus Deutschland. Die deutschen Steuerzahler müssten auch nicht für Irland oder Portugal bürgen. 22 Milliarden Euro soll Deutschland vom Herbst an für den europäischen Rettungsfonds aufbringen. Für einen wie Schäffler sind das 22 Milliarden Euro zu viel.

Am vergangenen Wochenende, beim Landesparteitag der FDP Nordrhein-Westfalen, brachte er seine Forderungen als Antrag ein – und scheiterte knapp. Am kommenden Wochenende, beim Bundesparteitag in Rostock, werde die Abstimmung anders ausgehen, daran glaubt Schäffler fest. »Die Basis tobt«, sagt er. »Viele Delegierte wollen sich nicht länger hinhalten lassen.«

750 Milliarden Euro nahmen die Regierungen Europas vor genau einem Jahr in die Hand, um die Probleme der Krisenstaaten zu lösen. Nun ist das Geld fast weg, die Probleme aber sind immer noch da. Griechenland steht vor der Pleite, Portugal und Irland wackeln. Europaweit rebellieren Bürger und Parlamentarier. In Deutschland, in den Niederlanden, in Finnland, wo die Euro-Skeptiker bei den jüngsten Wahlen 22 Prozent der Stimmen abräumten.

Es hat sich eingebürgert, von Europa als »Schicksalsgemeinschaft« zu sprechen. Doch nun erlebt dieses Europa seine Schicksalstage. In der kommenden Woche treffen sich die Finanzminister der 17 Euro-Staaten, um zu beraten, ob man den Griechen überhaupt noch helfen kann – und wie. Möglich, dass die FDP zu diesem Zeitpunkt beschlossen haben wird, dass Deutschland nicht mehr mitmacht. Verweigert die Regierungspartei der eigenen Regierung die Gefolgschaft, wäre das ein dreifacher Schaden – für die Partei, für die Koalition, für Europa.

All das ist typisch für die Krise des Euro: Internationale Entscheidungen haben nationale Folgen, das Nationale drückt aufs Internationale. Die Regierungen agieren unter enormem Zeitdruck. Und mit jedem Versuch, das Problem zu lösen, erschaffen sie zig neue. Es ist wie in einer antiken Tragödie: Es mag zwar Alternativen geben – aber alle erscheinen sie schrecklich.

1. Drama, Baby, Drama

Wenn Frank Schäffler redet, klingt es, als könne man die Probleme Europas mit der Präzision eines Chirurgen lösen. Ein einziger Schnitt, und alles wäre vorbei. Die Griechen haben zu viele Schulden angehäuft? Dann werfen wir sie aus der Währungsunion! Oder lassen sie pleitegehen! Deutschland wäre nicht länger Zahlmeister, die Griechen könnten frei von Spardiktaten agieren. Statt mühsam die Löhne zu senken, um wieder konkurrenzfähig zu werden, könnten sie die Drachme wieder einführen. Der Vorteil für Griechenland: Man könnte die eigene Währung beliebig abwerten, damit würden griechische Waren im Ausland billiger. Die Abkehr vom Euro verspräche ein Exportwunder ohne Schmerzen.

Diese Option klingt so verlockend, dass sie auch in der Bundesregierung erörtert wird. In verschiedenen Ministerien beschäftigen sich Regierungsbeamte mit den Details. Und sie rechnen. Das Ergebnis: Verließe Griechenland die Euro-Zone, käme das Deutschland teuer zu stehen.

Die Griechen haben ihre Schulden in Euro aufgenommen. Diese blieben auch nach Wiedereinführung der Drachme bestehen. Würde die Drachme dann gegenüber dem Euro deutlich abgewertet, könnten die Griechen ihre Euro-Schulden erst recht nicht mehr bezahlen. Die Staatspleite wäre perfekt.

Weil deutsche Banken sehr viel Geld in Griechenland verliehen haben – geschätzte 17 Milliarden Euro allein an den griechischen Staat–, müsste die deutsche Regierung bei einer Staatspleite erst einmal einige deutsche Banken retten. Auch die Europäische Zentralbank ist in Griechenland engagiert – angeblich mit 153 Milliarden Euro. Auch sie bräuchte wohl eine Kapitalspritze. Und der europäische Rettungsfonds hat 37,9 Milliarden Euro verliehen, ein Drittel der Verluste müsste Deutschland tragen.

All das wären freilich nur die direkten Kosten. Die indirekten wären weitaus größer – für die Deutschen und für die Griechen. Wie hoch sie genau wären, ist unkalkulierbar.

In Griechenland würden die Bürger die Banken stürmen, aus Angst vor der Zwangsumstellung und dem Wertverlust ihrer Sparguthaben. Das Bankensystem würde kollabieren, der Zahlungsverkehr zusammenbrechen. Das würde auch in Irland, Portugal oder Spanien drohen. Auch dort müssten Bürger und Investoren um ihr Geld fürchten. Panik wäre die Folge. Ein Land nach dem anderen könnte aus dem Währungsverbund herausbrechen. Für Deutschlands Steuerzahler hieße das: noch mehr Verluste, noch höhere Kosten. Das Ende der Währungsunion würde auf dem ganzen Kontinent eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

Kommentare (30)

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Account gelöscht!

21.05.2011, 10:42 Uhr

Griechenland hat nur 340 Millarden Euro Schulden - insgesamt. Wieso versucht man uns einzureden, dass die Schulden unkalkulierbar seien?

Ich behaupte, dass Deutschland ganz alleine die Schulden Griechenlands übernehmen könnte, ohne dass sich irgend etwas verändern würde (außer die Zinsen). Im Augenblick haftet Deutschland mit etwa 20 Milliarden Euro. Soviel kosten ein paar Eurofighter. Geflossen ist kein Geld.

Und dann immer der "running gag" mit Spanien, das angeblich hochverschuldet ist. Dabei hat Spanien fast keine Schulden. Deutschland steht da schon viel schlechter da.

Wieso beliefert man ein Land, das nicht bezahlen kann und auch nicht zahlen wird? Meine persönliche Theorie: Deutschland will sich Abhängigkeiten schaffen, um in der EU noch mehr bestimmen zu können. Da macht es sich gut, wenn man die halbe EU "retten" darf, obwohl die Ursache durch den Exportüberschuss vorher selbst geschaffen wurde.

DASCHAUHER

21.05.2011, 11:16 Uhr

Was für ein Quatsch! Bald ist Game over, das weiß mittlerweile selbst das schlichteste Gemüt. Alles was jetzt noch kommt sind Durchhalteparolen u. theoretischer Unfug. Die Wirklichkeit wird unsere Parteien sehr schnell einholen. Die FDP versucht sich nun mit der Verweigerung neuer Hilfen selbst zu Retten u. kämpft damit ihren letzten Kampf. Warum haben sie den Hilfen für Portugal, Irland, Griechenland überhaupt zugestimmt? In Griechenland u. Spanien ist der Mob schon auf der Straße. Es dauert nicht mehr lange, dann hat selbst der dümmste in diesem Land kapiert dass Merkels, Westerwelles, Steinbrücks, Schröders, Fischers, Kohls, Schmidts u. Konsorten abgewirtschaftet haben! Der Systemcrash steht unmittelbar bevor!

Account gelöscht!

21.05.2011, 11:20 Uhr

Prof. Sinn und Herr Schäffler sehen die Probleme ganz nüchtern mit messerscharfem Sachverstand, ohne die Worthülsen der Politiker, die uns ganz bewusst anlügen, weil sie es nicht besser wissen und nur ihren Lobbyisten, den Bankstern, ihren Parteispendern alles nachplappern – incl. Schäuble!
Es geht nicht um die ca.400 Milliarden Euro, die wir abschreiben müssten. Diese Summe ist die Mindestsumme, die uns das Experiment Euro gekostet hat, dank Helmut.
Es geht um immer weitere Milliarden, die jeden Tag immer mehr werden und zwar in einer Dimension, die wir uns nicht mal vorstellen können.
Die meisten Schulden der Euro-Länder wurden in Schattenhaushalte ausgelagert, adäquat zu den Bankstern in irische Zweckgesellschaften, um sie vor der Finanzaufsicht zu verstecken.
Die Maastrichter Verträge zum Schutze des Euros, wurden außer Kraft gesetzt. Und auch hier wird kein Politiker zur Verantwortung gezogen.
Natürlich ist unser Wirtschaftsboom von einem Tag auf den anderen vorbei, wenn wir den PIIG(F)S keine weiteren Kredite mehr gewähren, damit die unsere Exportartikel kaufen können und wir dann anschließend noch diese Kredite selbst zurückzahlen müssen.
Das Ergebnis wäre exakt das selbe, wenn wir die Exportartikel verschenken würden. Wer hat da in der Schule nicht aufgepasst?
Allein in den letzten 3 Jahren hat die Deutsche Bundesbank den Zentralbanken der PIIG(F)S ca. 340 Milliarden Euro überwiesen, damit die weiterhin auf Pump leben können.

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