Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.11.2011

13:05 Uhr

Euro-Krise

Scheidender Chefvolkswirt Stark stellt sich gegen den EZB-Kurs

In einer Rede in Luzern rechnet Jürgen Stark mit der Politik der Europäischen Zentralbank ab. Als Notenbank solle sie für Preisstabilität sorgen - und könne nicht zur Lösung der Schuldenkrise beitragen.

EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark. Reuters

EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark.

Düsseldorf/Frankfurt/LuzernDer scheidende EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark hat die Notwendigkeit solider Staatsfinanzen zur Lösung der Schuldenkrise betont. Die Europäische Zentralbank (EZB) sei weder befugt noch in der Lage diese Aufgabe zu übernehmen. „Wollen die Mitgliedsstaaten des Euro wirtschaftliche Stabilität, Wachstum und Beschäftigung auf Dauer sichern, so müssen sie ihre Haushalte in Ordnung bringen und durch Reformen Beschäftigung fördern“, sagte Stark am Dienstag laut Redetext in Luzern.

„Die EZB kann ihnen diese Verantwortung nicht abnehmen.“ Die Notenbank dürfe nicht über ihr Mandat hinausgehen: „Nur für die Sicherung der Preisstabilität besitzt sie demokratische Legitimation und wurde sie unabhängig von politischem Einfluss gestellt.“

Die Instrumente der EZB

Veränderung des Leitzinses

Mit der Veränderung des Leitzinses reagiert die EZB in erster Linie auf die Inflation im Euro-Raum. Steigen die Preise deutlich, zieht die Notenbank die geldpolitischen Zügel in der Regel an. Höhere Zinsen verteuern aber auch Kredite. Daher können sie Gift sein für die lahmende Wirtschaft von Krisenländern wie Griechenland oder Portugal. Die EZB muss also die Inflation bekämpfen, ohne die Konjunktur in den 17 Mitgliedstaaten des Euro-Raums abzuwürgen. Die Zinspolitik ist normalerweise das herausragende Instrument der Notenbank. In Krisenzeiten greift sie aber auch zu unkonventionellen Maßnahmen.

Ankauf von Wertpapieren

Nach dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise 2010 hat die EZB die Notenpresse angeworfen, um im großen Stil Staatsanleihen von Euro-Krisenstaaten zu kaufen. Die Währungshüter reagieren damit auf steigende Renditen für Anleihen der Schuldensünder. Für Portugal, Irland, Griechenland und zuletzt auch für Spanien und Italien war es dadurch teurer geworden, sich frisches Geld zu besorgen. Nach dem Einschreiten der EZB sanken die Renditen. Die Notenbank hat derzeit Anleihen von Problemstaaten im Volumen von 156,5 Milliarden Euro in ihren Büchern stehen, die sie auf dem sogenannten Sekundärmarkt gekauft hat, also beispielsweise bei Banken. Die EZB lässt sich ihr Engagement verzinsen. Gehen die Länder pleite, bleibt sie aber zumindest auf Teilen ihrer Forderungen sitzen.

Liquidität

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor drei Jahren versorgt die EZB die Banken großzügiger mit Geld als sonst. Sie stellt ihnen Kredite mit verschiedenen Laufzeiten zur Verfügung. Zuletzt drehte die EZB den Geldhahn wieder weit auf, weil die Kreditinstitute zögern, sich gegenseitig Geld zu leihen. Banken konnten sich für sechs Monate zum Leitzins von 1,5 Prozent so viel Geld borgen wie sie wollten (Vollzuteilung). In „normalen Zeiten“ sind die Laufzeiten kürzer und es wird nur eine festgelegte Summe versteigert. Daneben vergibt die EZB Darlehen mit kürzerer Laufzeit und mit begrenzter oder voller Zuteilung. Kritiker werfen der Notenbank vor, den Markt mit Geld zu fluten und damit neuen Finanzspekulationen Vorschub zu leisten.

Intervention an Devisenmärkten

Starken Wechselkursschwankungen können die Notenbanken mit dem Kauf oder Verkauf von Devisen begegnen. Die EZB setzte dieses Instrument im Jahr 2000 ein, als der Euro gegenüber dem Dollar einen Schwächeanfall erlitt. Im Kampf gegen einen zu starken Franken, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie belastet, hatte die Schweizer Nationalbank SNB erstmals seit mehr als 30 Jahren eine Obergrenze für den Frankenkurs eingeführt, die sie unter allen Umständen verteidigen will, indem sie Franken auf den Markt wirft und damit Euro kauft. Bei massiven Attacken gegen eine Währung können allerdings auch Notenbanken in die Defensive geraten. So wettete der legendäre Hedge-Fonds-Gründer George Soros im Jahr 1992 erfolgreich gegen das britische Pfund und zwang die Bank of England in die Knie.

Kommunikation

EZB-Präsident Mario Draghi ist äußerste Aufmerksamkeit gewiss, wann immer er sich äußert. Manchmal reicht schon die Andeutung, dass die Notenbank aktiv werden könnte, um Spekulationen beispielsweise auf den Devisenmärkten zu beenden. Zugleich ist die EZB bemüht, die Märkte mit ihren Zinsentscheidungen nicht unnötig zu überraschen. Die EZB will - zumindest für Finanzprofis - berechenbar bleiben, damit nicht starke Wechselkurs- oder Aktienkursschwankungen das Vertrauen der Bürger in die Gemeinschaftswährung Euro erschüttern.

Stark gehört zu den schärfsten Kritikern der Staatsanleihenkäufe der Notenbank, mit denen sie indirekt Schuldenländer stützt. Mit dieser Position war er allerdings im EZB-Rat immer stärker isoliert und gibt deshalb sein Amt als Chefvolkswirt zum Jahreswechsel auf. Hinter dem Streit steht die Frage, ob die EZB die Staaten ihres Währungsraumes durch die Notenpresse finanzieren darf. Vertreter wie Jürgen Stark sehen die Anleihekäufe als Einstieg in die monetäre Staatsfinanzierung durch die Notenbank. Befürworter argumentieren hingegen, dass die EZB auch eine Verantwortung für die Finanzstabilität im Euroraum habe.

In der ersten Woche unter ihrem neuen Präsidenten Mario Draghi hat die EZB ihre Anleihekäufe deutlich gesteigert. Sie kaufte Staatspapiere im Wert von fast 10 Milliarden Euro - in der Vorwoche waren es lediglich rund vier Milliarden Euro. Allerdings hat die EZB zu Trichets Zeiten in einigen Wochen noch mehr Anleihen gekauft . So kaufte sie Mitte August in einer Woche Anleihen für 22 Milliarden Euro. Insgesamt besitzt die EZB nun Schuldpapiere von 183 Milliarden Euro.

Kommentare (20)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

08.11.2011, 13:20 Uhr

"Befürworter argumentieren hingegen, dass die EZB auch eine Verantwortung für die Finanzstabilität im Euroraum habe."

Gerade deshlab darf sie kein ungedecktes Falschgeld produzieren. Wo das hinführt sehen wir ja an der FED. Mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und ein wucherndes Kerebsgeschwür im Finanzsektor werden mit Billionen ungedeckten Falschgeldes zugesch.ssen und die Geldproduktion ersetzt ein mangelndes Geschäftsmodell in der Güterproduktion. Ergebnis: Inflation allerorten in Form der durch heiße Luft aufgeblähten Assetmärkte, zu Massenvernichtungswaffen entarteten Derivate und aufgeblasenen Bank- und Staatsbilanzen. Die angeblich zu bekämpfende Instabilität im so erzeugten Finanzkartenhaus wird also erst durch die gewählten Waffen nicht nur hervorgerufen sondern massiv verstärkt und das unter den Augen der führenden sogenannten Ökonomen (letztlich quacksalbernde Hochstapler und Betrüger -auch die Dummheit scheint Inflation zu haben)! Wenn jetzt auch die Endverbraucherpreise wie kaum noch vertuschbar zu "nachhaltigem Wachstum" ansetzen (US, UK, Eurozone) wird auch die politische Instabilität folgen.

Account gelöscht!

08.11.2011, 13:21 Uhr

Das mit der ersten Woche von Mario Draghi ist Schwachsinn-alle wissen warum die EZB die Käufe ausweiten müsste.Der dumme Grieche hat mit seinem Referendum,den EU Gipfelmarathon von voriger Woche für nichtig erklärt.Merkel und Sarkozy haben 10 Stunden mit anderen Länder und Banken verhandelt und er hat das alles über Bord geworfen,damit er besere Bedingungen für Griechenland auspresst.Da kann Draghi nichts machen-die Rendite für Italien ist trotzdem explodiert-um die Zinsen zu drücken muss die EZB 40-50 Mrd. pro Woche kaufen,das macht sie aber nicht,weil Deutschland klar gemacht hat,dass Berlusconi sich sonst nicht bewegt.Draghi ist das alles auch bewusst-er hat sich blau geprügelt mit Berlusconi in den letzten 3 Jahren wo er ständig Reformen angemahnt hat aber der Bunga-Held hat einfach nicht zugehört.

PeterJ

08.11.2011, 13:23 Uhr

Es ist mir unverständlich, dass dieses Problem zumindest von Leuten mit wirtschaftlichem Sachverstand nicht stärker thematisiert wird. Von Politikern erwarte ich das ohnehin nicht. Die Schuldpapiere sind mit Sicherheit in Zukunft keine 183 Mrd. Euro mehr wert, wenn sich herausstellt, dass die Schuldner die Papiere nicht mehr oder nicht mehr komplett bedienen können. Dann muss die EZB die Papiere abschreiben und das Eigenkapital der EZB muss wieder hergestellt werden. Von wem ? Richtig, von den Steuerzahlern

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×