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06.10.2011

09:29 Uhr

Euro-Krisenmanagement

„Trichet hat die Unabhängigkeit der EZB zerstört“

ExklusivInmitten der sich verschärfenden Euro-Schuldenkrise ist der EZB-Rat zur letzten Sitzung unter Trichet zusammengekommen. Für Ökonomen Anlass genug, das bisherige Krisenmanagement des Zentralbankchefs zu bilanzieren.

Noch EZB-Chef Jean-Claude Trichet. Reuters

Noch EZB-Chef Jean-Claude Trichet.

DüsseldorfDer Krisenökonom und Autor der Streitschrift „Stoppt das Euro-Desaster“, Max Otte, hat anlässlich der letzten von Jean-Claude Trichet geleiteten EZB-Ratssitzung scharfe Kritik am Euro-Krisenmanagement des Präsidenten der Europäischen Zentralbank geäußert. Trichet sei es nie um die Rettung des Euro gegangen. „Trichet hat die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank de facto zerstört und den soliden Wirtschaften in Europa enorme Risiken aufgebürdet“, sagte Otte Handelsblatt Online. Deswegen seien der frühere Bundesbankchef Axel Weber und EZB-Chefökonom Jürgen Stark zurückgetreten. „Es ist zweifelhaft, ob die EZB wieder auf den Pfad der geldpolitischen Tugend zurückkehren kann.“

Die Instrumente der EZB

Veränderung des Leitzinses

Mit der Veränderung des Leitzinses reagiert die EZB in erster Linie auf die Inflation im Euro-Raum. Steigen die Preise deutlich, zieht die Notenbank die geldpolitischen Zügel in der Regel an. Höhere Zinsen verteuern aber auch Kredite. Daher können sie Gift sein für die lahmende Wirtschaft von Krisenländern wie Griechenland oder Portugal. Die EZB muss also die Inflation bekämpfen, ohne die Konjunktur in den 17 Mitgliedstaaten des Euro-Raums abzuwürgen. Die Zinspolitik ist normalerweise das herausragende Instrument der Notenbank. In Krisenzeiten greift sie aber auch zu unkonventionellen Maßnahmen.

Ankauf von Wertpapieren

Nach dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise 2010 hat die EZB die Notenpresse angeworfen, um im großen Stil Staatsanleihen von Euro-Krisenstaaten zu kaufen. Die Währungshüter reagieren damit auf steigende Renditen für Anleihen der Schuldensünder. Für Portugal, Irland, Griechenland und zuletzt auch für Spanien und Italien war es dadurch teurer geworden, sich frisches Geld zu besorgen. Nach dem Einschreiten der EZB sanken die Renditen. Die Notenbank hat derzeit Anleihen von Problemstaaten im Volumen von 156,5 Milliarden Euro in ihren Büchern stehen, die sie auf dem sogenannten Sekundärmarkt gekauft hat, also beispielsweise bei Banken. Die EZB lässt sich ihr Engagement verzinsen. Gehen die Länder pleite, bleibt sie aber zumindest auf Teilen ihrer Forderungen sitzen.

Liquidität

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor drei Jahren versorgt die EZB die Banken großzügiger mit Geld als sonst. Sie stellt ihnen Kredite mit verschiedenen Laufzeiten zur Verfügung. Zuletzt drehte die EZB den Geldhahn wieder weit auf, weil die Kreditinstitute zögern, sich gegenseitig Geld zu leihen. Banken konnten sich für sechs Monate zum Leitzins von 1,5 Prozent so viel Geld borgen wie sie wollten (Vollzuteilung). In „normalen Zeiten“ sind die Laufzeiten kürzer und es wird nur eine festgelegte Summe versteigert. Daneben vergibt die EZB Darlehen mit kürzerer Laufzeit und mit begrenzter oder voller Zuteilung. Kritiker werfen der Notenbank vor, den Markt mit Geld zu fluten und damit neuen Finanzspekulationen Vorschub zu leisten.

Intervention an Devisenmärkten

Starken Wechselkursschwankungen können die Notenbanken mit dem Kauf oder Verkauf von Devisen begegnen. Die EZB setzte dieses Instrument im Jahr 2000 ein, als der Euro gegenüber dem Dollar einen Schwächeanfall erlitt. Im Kampf gegen einen zu starken Franken, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie belastet, hatte die Schweizer Nationalbank SNB erstmals seit mehr als 30 Jahren eine Obergrenze für den Frankenkurs eingeführt, die sie unter allen Umständen verteidigen will, indem sie Franken auf den Markt wirft und damit Euro kauft. Bei massiven Attacken gegen eine Währung können allerdings auch Notenbanken in die Defensive geraten. So wettete der legendäre Hedge-Fonds-Gründer George Soros im Jahr 1992 erfolgreich gegen das britische Pfund und zwang die Bank of England in die Knie.

Kommunikation

EZB-Präsident Mario Draghi ist äußerste Aufmerksamkeit gewiss, wann immer er sich äußert. Manchmal reicht schon die Andeutung, dass die Notenbank aktiv werden könnte, um Spekulationen beispielsweise auf den Devisenmärkten zu beenden. Zugleich ist die EZB bemüht, die Märkte mit ihren Zinsentscheidungen nicht unnötig zu überraschen. Die EZB will - zumindest für Finanzprofis - berechenbar bleiben, damit nicht starke Wechselkurs- oder Aktienkursschwankungen das Vertrauen der Bürger in die Gemeinschaftswährung Euro erschüttern.

Nach Einschätzung von Otte, der als Professor an der Fachhochschule Worms allgemeine und internationale Betriebswirtschaftslehre lehrt, hat sich die Politik der EZB immer mehr an den Belangen der spekulativen Finanzmarktakteure ausgerichtet. „Die Niedrigzinspolitik nutzt Investmentbanken, Hedgefonds und Schattenbanken, und sie schadet Versicherungen und Privatanlegern“, sagte er und fügte mit Blick auf den designierten Nachfolger Trichtes hinzu: „Von Mario Draghi, ex Goldman Sachs, ist zu erwarten, dass diese Politik fortgesetzt wird.“

Vor Otte ging auch schon Deutschlands oberster Wirtschaftsweiser, der Vorsitzende des Sachverständigenrates Wolfgang Franz, hart mit der Europäischen Zentralbank ins Gericht. "Wohin es führt, wenn ordnungspolitische Prinzipien zugunsten eines vermeintlich alternativlosen Pragmatismus über Bord geworfen werden, lehren die Finanzmarktkrise und die Euro-Krise", wetterte der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt.

Vor allem die EZB habe sich schwere Fehler geleistet, schreibt Franz. Seit ihrer Entscheidung vom Mai 2010, griechische Staatsanleihen anzukaufen, bewege sie sich "auf einer abschüssigen Bahn". Noch gravierender seien Bedenken in Bezug auf die Vernetzung der EZB-Anleihenkäufe mit der staatlichen Schuldenpolitik. Die Finanzierung von Staatshaushalten gehöre zu den "Todsünden einer Zentralbank".

Kommentare (39)

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Machiavelli

06.10.2011, 07:28 Uhr

Das der Herr Otte Professor an der Fachhochschule Worms ist bedeutet bestimmt nicht dass er den Zeitgeist verstanden hat.
Seine deutsch-nationale Einstellung macht ihn blind für Visionen und für die Zukunft Europas.
Trichet hat keine andere Wahl gehabt und hat wissentlich die Unabhängigkeit der EZB für die Zukunft Europas geopfert.
Und obwohl Frankreich und Deutschland hauptverantwortlich für die Schieflage der Eurozone sind sage ich „Hut ab, Herr Trichet, ein Glück dass kein Deutscher Präsident der EZB gewesen ist“.

Italiano

06.10.2011, 07:37 Uhr

Die deutsche-französische Achse hat den anderen Euroländer die heutige Regeln diktiert. Das Prinzip der eigenen Verantwortung konnte zu keinem anderen Ergebnis führen als zu der heutigen Krise.
Das deutsche-französische Diktat muss unbedingt beendet werden. Es gibt 17 Länder die der Eurozone angehören, Deutschland und Frankreich sind nur zwei davon, nicht mehr und nicht weniger.
Die Wiedereinführung einer 10% Exportsteuer innerhalb der Eurozone halte ich für eine mögliche Lösung um die schwachen Wirtschaften der Eurozone vor der übermächtigen deutsche Wirtschaft zu schützen.

Chrissi

06.10.2011, 08:02 Uhr

Wer zahlt bestimmt, wo's lang geht!

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