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01.05.2013

14:14 Uhr

Evangelischer Kirchentag

Der Kirchentag als Wahlkampfarena

VonMaike Freund

Merkel, Schäuble, Steinbrück: Heute beginnt der Evangelische Kirchentag und die Politikerprominenz groß. Doch was hat die eigentlich auf einem Kirchenevent verloren? Der Historiker Thomas Großbölting weiß die Antwort.

Bundespräsident Joachim Gauck (Mitte), Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD, 3.v.r) und Ellen Ueberschär (3.v.ll), Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages beim Eröffnungsgottesdienst. dpa

Bundespräsident Joachim Gauck (Mitte), Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD, 3.v.r) und Ellen Ueberschär (3.v.ll), Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages beim Eröffnungsgottesdienst.

DüsseldorfEs ist das Kirchenevent, das ab heute in Hamburg stattfindet: Zum diesjährigen Evangelischen Kirchentag unter dem Motto: „Soviel du brauchst“ könnten bis zu 400.000 Menschen nach Hamburg strömen. Bis Sonntag stehen 2.500 Veranstaltungen auf dem Programm. Doch nicht nur Kircheninteressierte besuchen die Veranstaltungen, traditionell finden sich auch jede Menge Politiker ein. Dieses Jahr haben sich Bundekanzlerin Angela Merkel (CDU), Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, Grünen-Spitzenkandidaten Katrin Goering-Eckhardt, CDU-Politiker Thomas de Maizière und Hamburgs Oberbürgermeister Olaf Scholz (SPD) angekündigt. Und Bundespräsident Joachim Gauck wird die Eröffnungsworte sprechen. Doch warum eigentlich? Der Historiker und Professor Thomas Großbölting erklärt im Interview, warum der Kirchentag eine Plattform für den Wahlkampf ist:

Von Merkel bis Schäuble, von Steinbrück bis Göring-Eckardt: Zum Kirchentag in Hamburg kommen die großen der deutschen Politik. Warum?
Für den Besuch des Kirchentags haben Politiker viele gute Gründe: Sie treffen hier auf eine Besucherschaft, die prinzipiell auf die großen gesellschaftsübergreifenden Fragen gut anzusprechen ist. Wie die Politik hat auch die Religion die Tendenz, sich für das Ganze zu interessieren. Soziale Gerechtigkeit und Nächstenliebe, Ökologiebewegung und Bewahrung der Schöpfung… es gibt viele Themen, die die politische Arbeit mit dem religiösen Feld verbindet. Damit lässt sich dann einerseits durch den Auftritt unter den jeweiligen Stammwählerschaft werben, andererseits aber auch ein Ideenaustausch initiieren, der auch in die Politik hinein wieder fruchtbar sein kann.

Historiker Prof. Dr. Thomas Großbölting. Foto: Exzellenzcluster „Religion und Politik“, Julia Holtkötter.

Historiker Prof. Dr. Thomas Großbölting. Foto: Exzellenzcluster „Religion und Politik“, Julia Holtkötter.

Der Kirchentag liegt knapp ein halbes Jahr vor der Bundestagwahl. Ist Hamburg eine Plattform für den Wahlkampf?
Ja natürlich. Etwas anstößiges sehe ich darin nicht. Wo sonst sollen Politiker für ihre Positionen werben, wenn nicht auch auf dem Kirchentag? Es wird eher umgekehrt zum Problem: Religiöse Gemeinschaften sind dann erfolgreich, wenn sie sich aktiv in die Diskussionen einschalten, die die Gesellschaft insgesamt bewegt. Sie müssen dabei aber aufpassen, dass sie ihren eigenen Markenkern, die Bindung an eine Transzendenz, nicht verlieren. Nur wenn sich die Kirchen dadurch deutlich unterscheiden von anderen Bewegungen und Gemeinschaften, bleiben sie für religiös Suchende aktiv. Wenn also die religiöse Veranstaltung immer weniger von einem politischen Event oder einem allgemeinen Stadtfest zu unterscheiden ist, dann kann das auf Dauer keine gute Entwicklung für die Kirche sein.

Die Kirche müssen mit immer weniger Mitgliedern zurechtkommen - auch die Evangelische. 2011 waren etwa 23,6 Millionen Menschen in Deutschland evangelisch. Zehn Jahre zuvor waren es noch drei Millionen Mitglieder mehr. Nutzt die Kirche die prominenten Politiker vielleicht auch als Marketing-Hilfe?
Ein größerer Teil der Teilnehmer wird den Kirchentag sicher auch deshalb besuchen, weil er dort die Politiker zu Gesicht bekommt, die er sonst nur auf dem Bildschirm oder in der Zeitung sieht. Umgekehrt sollte man auch nicht den Celebrity-Status von Politikern überschätzen. Würde man von Seiten des Generalsekretariats des Kirchentages vor allem auf einen Marketingeffekt setzen, dann würde man andere Stars und Sternchen engagieren, die vielleicht stärker die „Massen“ anziehen.

Welche Bedeutung und welchen Einfluss hat Kirche für Politik heute noch?
Kirche hat vor allem an den Stellen weiterhin Einfluss, an denen er institutionell abgesichert ist. Mit der Verabschiedung des Grundgesetzes hat sich in der Bundesrepublik eine „hinkenden Trennung“ von Kirche und Staat etabliert: Trotz einer grundsätzlichen Trennung beider Größen wurden die christlichen Religionsgemeinschaften in genuin staatliche Belange mit einbezogen, so zum Beispiel im Bereich der öffentlich-rechtlichen Medien wie auch im Bildungswesen. Diese Einflussmöglichkeiten halten sich bis heute. Darüber hinaus sind es informelle Strukturen: Insbesondere in die CDU hinein, die sich selbst religiöse Grundsatzdebatten über das C in ihrem Namen nicht leisten will, gibt es starke und breite Kanäle. Wirtschaftlich sind die Kirchen über Diakonie bzw. Caritas auf dem wachsenden Markt der Krankenversorgung und der Pflege ein starker Faktor. Die Zeiten aber, in denen Geistliche von den Kanzeln Wahlempfehlungen gaben und dabei auf Erfolg hoffen konnten, sind gottlob vorbei.

Katholiken oder Protestanten: Wer hat mehr Einfluss auf die Politik?
Während es früher deutliche Zuordnungen gab – CDU tendenziell katholisch und lutherisch, SPD näher an bestimmten Teilen des Protestantismus – lösen sich diese Zuordnungen zunehmend. Auch wenn es statistisch nach wie vor bestimmte Zusammenhänge gibt – Kirchenmitglieder wählen häufiger als Nichtkirchenmitglieder, Katholiken wählen in der Tendenz häufiger CDU und so weiter – werden auch die konfessionsgebundenen Christen mehr und mehr zu Wechselwählern, was demokratietheoretisch eine gute Entwicklung ist. So kann man sicher nicht von der jeweiligen Regierungspartei ableiten, welche der beiden Großkirchen automatisch einflussreicher ist. Als politischer Machtfaktor bringt die katholische Kirche vielleicht aus Sicht der Politik etwas mehr Gewicht in die Waagschale, da es ihr wegen ihrer starken Hierarchisierung eher als der Evangelischen Kirche Deutschlands gelingt, mit einer Stimme zu sprechen.

Katrin Göring-Eckardt ist Spitzenkandidatin der Grünen und Präses der EKD-Synode, auch wenn sie das Amt gerade ruhen lässt. Ist es eigentlich gut für einen Politiker, so nah bei einer Kirche zu stehen?
Der jüngste Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung hat ergeben, dass auch diejenige Mehrheit, die selbst nicht religiös engagiert ist, es gutheißt, wenn Politiker religiös sind. Darin bricht die Überzeugung durch, dass Religion prinzipiell gut und religiöse Überzeugungen für den Einzelnen durchaus positiv sind. So nach dem Motto: Wer betet, wird schon kein schlechter Mensch sein. Zudem wird eine Wählergruppe, die der Kirchengebundenen, mit der Kirchennähe eines Politikers fast automatisch angesprochen. Dieser Zusammenhang funktioniert aber nur so lange wie diese Religiosität unspezifisch bleibt und keine klare Positionierung beinhaltet, die in der Allgemeinheit eher anecken. Was das bedeutet, sehen sie am anderen Ende des Parteienspektrums: Die Zeiten, in denen sich christdemokratische Politiker öffentlichkeitswirksam mit der Gesellschaft von prominenten katholischen Geistlichen schmückten, sind wohl vorbei. Dieser Zusammenhang funktioniert nur noch im christsozialen Bayern. Umgekehrt würde auch Frau Göring-Eckardt sich entscheiden müssen, wenn die Evangelische Kirche gegen alle Erwartungen irgendwelche steilen Positionen bezöge, die in die Wählerschaft hinein nicht zu vermitteln wären.

Thomas Großbölting ist Professor für Geschichte an der Uni Münster und Mitglied des Exzellenzclusters der Universität. Der Zusammenspiel von Kirche und Politik ist eines seiner Steckenpferde und auch Thema seines Buches „ Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945“, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 320 Seiten, 29,99 Euro.

Kommentare (12)

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so-ist-es

01.05.2013, 14:42 Uhr

Die Evangelische Kirche ist von ihrem geistlichen Auftrag so weit entfernt, wie unsere Galaxie zur nächsten Galaxie.
Eine Veranstaltung, die mit dem eigentlichen Auftrag nichts, gar nichts mehr zu tun hat.

Es wäre ehrlicher, diese "Innung" bekennt und ernennt sich zur Partei von Systemanbetern.

Account gelöscht!

01.05.2013, 17:08 Uhr

Was SPD und Grüne auf den Kirchentag wollen, ist mir ein Rätsel. Sie wären besser in einer Moschee aufgehoben. Bewahren der Schöpfung?Das ich nicht lache. Göring Eckart
gehört einer Partei an die Abtreibung stark unterstützt hat, wo seit Einführung der Abtreibung
pro Jahr 120 000 Tausend Kinder abgetrieben werden und zurück gerechnet über Millionen. Hallo...Bewahren der Schöpfung?? Das Politiker den Kirchentag wo junge Leute
sich fröhlich versammeln mit ihrer Anwesenheit den Charm
und die Unschuld nehmen ist unerhört. Gerade die Grünen
haben auf den Kirchentag überhaupt nichts zu suchen.

Billyjo

01.05.2013, 18:09 Uhr

Ist es nicht bei uns so, daß bei uns im Lande Politik und Kirche (Glaube) streng zu trennen sind?
Was hat die Politik bei den Märchenerzählern zu suchen, oder ist das mit der Trennung doch nur ein Lippenbekenntnis?

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