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09.01.2008

10:35 Uhr

Ex-Kanzler meldet sich zurück

Zwei Stunden hinter Moskau

VonKarl Doemens

Gerhard Schröder ist wieder da: Lange Zeit hat sich der Ex-Kanzler auf der politischen Bühne rar gemacht, doch pünktlich zu den bevorstehenden Landtagswahlen meldet sich Deutschlands bester Kanzlerdarsteller zurück.

BERLIN. Das Wolfs-Lachen ist noch da. Der knallharte Machtinstinkt. Und das in der irritierenden Wahlnacht 2005 schon verloren geglaubte Gespür für das richtige Timing. Lange hat sich Ex-Kanzler Gerhard Schröder auf der Kammerbühne der Innenpolitik rar gemacht. Zwischen Moskau, Zürich, Damaskus und Hannover spielt sich das neue Leben des Bestsellerautors und Gas-Lobbyisten ab. Doch pünktlich zu den Landtagswahlen in Hessen, Niedersachsen und Hamburg meldet sich Deutschlands bester Kanzlerdarsteller zurück: Der "Wahlkampfhetze" bezichtigt er den Hessen Roland Koch und der Blindheit gegen den Rechtsextremismus die CDU-Kanzlerin.

Gestern Abend zeigte sich Schröder dort, wo der Vollblutredner schon immer am besten war - auf der Bühne eines vollen Marktplatzes oder Saals. Wetterbedingt wurde der Kampf um die Bürgerschaft vor hunderten Genossen im Hamburger Congress Center eingeläutet. Kurz zuvor hatte Schröder schon der "Bild"-Zeitung ein Interview gegeben. Und am Sonntag griff er beim Empfang der SPD im Hannoveraner Rathaus zum Mikrofon, um die Unions-Kampagne für ein schärferes Strafrecht zu geißeln.

Die Attacken verfehlen ihre Wirkung nicht. Am Rande der Flegelhaftigkeit bewege sich der Altkanzler, wetterte gestern CSU-Wirtschaftsminister Michael Glos. Und CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla verwahrte sich gegen wirklichkeitsferne Meinungsäußerungen eines Polit-Pensionärs, der von Leibwächtern geschützt und "in gepanzerten Limousinen" herumgefahren werde, was freilich auch für aktive Politiker gilt.

Doch während sich Schröder in den nächsten Wochen in Hamburg noch einige Male mit seinem Ex-Kulturstaatsminister Michael Naumann zeigen wird, ist mit öffentlichen Auftritten in Hessen und Niedersachsen kaum zu rechnen. Zu scharf hatte die hessische Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti einst die Agenda 2010 kritisiert. Zu abfällig hatte Schröder die Ober-Revoluzzerin ("diese Ypsilantis") behandelt.

"Euch mach? ich fertig!", soll Schröder auf dem Bochumer Parteitag 2003 auch Wolfgang Jüttner, dem heutigen Spitzenkandidaten der Niedersachsen-Genossen, nach einer Beinahe-Abstimmungsniederlage gedroht haben. Im altersmilden Rückblick des 63-Jährigen wird daraus zwar ein kameradschaftliches: "Wolfgang, wir waren ja nicht immer einer Meinung." Trotzdem engagiert sich Schröder auch in seiner Heimat eher im Hintergrund. Für Jüttner hat er in Celle eine Künstlerinitiative mobilisiert.

SPD-Chef Kurt Beck dürfte nicht sonderlich traurig über die mediale Zurückhaltung sein. Mit wenigen Sätzen, in denen er die Sicherheitspolitik von Ex-Minister Otto Schily gegen "diesen merkwürdigen Menschen" aus Hessen namens Koch ausspielte, hatte Schröder am Sonntag seinen Nach-Nach-Nachfolger rhetorisch deklassiert. Die Wehmut der Reporter währte gleichwohl nicht lang. Als einer von ihnen beim anschließenden Smalltalk bemerkte, in Moskau sei es nun schon eine Stunde später, pflaumte Schröder den Provinzschreiber mit wölfischem Grinsen an: "Es sind zwei Stunden. Aber so schreibt ihr ja auch!"

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