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31.03.2016

21:39 Uhr

Ex-Polizist Christian Schaaf zu Einbrüchen

„Der Schutz meines Eigenheims ist nicht Aufgabe der Polizei“

VonLeonidas Exuzidis

Steigende Einbruchszahlen beunruhigen die Öffentlichkeit. Der Polizei fehle das notwendige Personal für mehr Schutz, heißt es. Doch hauptverantwortlich sei immer noch der Hausbesitzer selbst, sagt ein Experte.

Viele Häuser und Wohnungen sind nicht gut genug gesichert, sagt Experte Christian Schaaf – das mache Deutschland attraktiv für kriminelle Profis. dpa

Leichtes Spiel

Viele Häuser und Wohnungen sind nicht gut genug gesichert, sagt Experte Christian Schaaf – das mache Deutschland attraktiv für kriminelle Profis.

BerlinWohnungseinbrüche sind angesichts deutlich steigender Fallzahlen – ein Plus von zehn Prozent im Jahr 2015 - längst kein Phänomen mehr. Die heutigen Sicherheitsstandards in Häusern und Wohnungen sieht Christian Schaaf auf dem Stand der 1970er-Jahre. Für organisierte Profibanden sei es oft ein Leichtes, in unzureichend gesicherte Gebäude einzubrechen, sagt der Geschäftsführer von Corporate Trust, einer Unternehmensberatung für Sicherheitsdienstleistungen. Fast 20 Jahre lang war Schaaf bei der Polizei beschäftigt, unter anderem als verdeckter Ermittler. Im Interview spricht er über die Einbrecher von heute, die richtige Sicherung und die Rolle der Polizei.

Herr Schaaf, die Einbruchzahlen gingen in den vergangenen Jahren stets nach oben. Woran liegt das?
Zum einen ist es für die Tätergruppen heute einfacher, sich unbemerkt ins Ausland abzusetzen. Dann ist die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Fahndung verschwindend gering. Zum anderen ist Deutschland attraktiv für solche Taten: Viele Wertgegenstände werden zuhause gelagert und die Häuser und Wohnungen sind vergleichsweise schlecht geschützt.

Woran machen Sie den mangelhaften Schutz denn fest?
Die wenigsten Immobilien entsprechen den notwendigen Sicherheitsstandards. Da fehlt es schlicht an den richtigen Investitionen an der richtigen Stelle. Nachrüstungen sind auch wichtig, doch in vielen Fällen unzureichend.

Wie man sich vor Wohnungseinbrüchen schützen kann

Zugang erschweren

Polizeistatistiken belegen, dass Einbrecher keine Zeit vergeuden und Aufsehen vermeiden. Sind sie nicht binnen fünf Minuten in der Wohnung, wird ihnen die Entdeckungsgefahr meist zu groß und sie suchen sich andere Ziele. Empfehlenswert sind daher massive Türblätter, Türschlösser mit Schutzbelag und mehrfach im Mauerwerk verankerte Schließbleche. Polizei und andere Experten raten zu qualitätsgeprüften sogenannten einbruchhemmenden Türen. Die staatliche Förderbank KfW etwa fördert den Einbau solcher Türen und die Nachrüstung mit Rollläden und Zusatzschlössern sogar.

Wertsachen sicher verwahren

Nicht ständig benötigte Wertsachen sollten wenn möglich nicht zu Hause, sondern besser in einem sicheren Bankschließfach aufbewahrt werden. Andernfalls ist eventuell auch die Anschaffung eines fest verankerten Tresors eine Möglichkeit. Wertsachen sollten zudem samt einer genauer Beschreibung oder einem Foto in einem eigenen Verzeichnis katalogisiert werden, um im Fall von Diebstähle eine mögliche Wiederbeschaffung zu erleichtern und den Schaden besser regulieren zu können

Mit Nachbarn zusammentun

Nachbarn und Freunde sollten wissen, wann Bewohner zu einer Reise aufbrechen und wie sie im Notfall erreichbar sind. Die Erfahrungen der Polizei zeigen generell, dass eine aufmerksame Nachbarschaft entscheidend hilft, Einbrechern die Tour zu vermasseln. Sie ruft deshalb dazu auf, sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam auf verdächtige Aktivitäten zu achten. Entgegen der weit verbreiteten Meinung schlagen viele Einbrecher auch tagsüber zu, etwa bei kurzen Abwesenheiten. Es gibt sogar professionelle Haushüter, die etwa in Urlaubszeiten engagiert werden können.

Auch Kleinigkeiten bedenken

Alltägliche Gewohnheiten und unscheinbare Details können Tätern mitunter ebenfalls das Leben erleichtern und sollten daher im Zweifelsfall neu überdacht werden. Haustüren sollten laut Polizei-Empfehlung selbst bei kurzzeitigem Verlassen abgeschlossen und nicht nur zugezogen werden. Profi-Einbrecher öffnen sie sonst innerhalb von Sekunden. Fenster sollten nie offenbleiben. Selbst Mülltonnen oder Pflanzenrankgitter können Dieben als Leiterersatz dienen und Einbrüche über die oberen Etagen erleichtern. Anrufbeantworter sollten niemals Hinweise auf Abwesenheit liefern.

Anwesenheit vortäuschen

Überquellende Briefkästen, geschlossene Rollläden und ein ungemähter Rasen signalisieren, dass niemand zu Hause ist und die Bewohner zum Beispiel länger im Urlaub weilen. Daher sollte zum Beispiel die Zeitung abbestellt oder nachgesendet werden. Anwesenheit vorgetäuscht werden kann auch, indem Licht per Zeitschaltuhr regelmäßig an- und ausgeht. Es gibt inzwischen sogar kleine Fernseh-Simulatoren. Das sind kleine LED-Projektoren, die in einem Raum ein möglichst realistisches Fernsehlicht erzeugen. Sie schalten sich dabei zu zufälligen Zeiten ein.

Alarmanlangen

Eine Alarmanlage verhindert zwei von drei Einbrüchen. Bei einer sogenannten Fallenüberwachung werden bestimmte Bereiche im Gebäude-Inneren durch Bewegungsmelder überwacht. Der Alarm wird dabei allerdings erst dann ausgelöst, wenn Einbrecher bereits eingedrungen sind. Eine andere Möglichkeit ist die sogenannte Außenhautüberwachung, bei der die Fenster und Türen mit Kontakten überwacht werden. Diese ist aber in der Regel relativ teuer. Abschreckend wirken können außerdem auch Lichtalarmanlagen, bei denen Bewegungssensoren eine Außenbeleuchtung anschalten.

Ist sich die Bevölkerung der Gefahrenlage also nicht ausreichend bewusst?
Diese Schlussfolgerung liegt nahe. Fast täglich lesen die Menschen in der Zeitung über weitere Einbrüche. „Das passiert allen anderen, nur nicht mir“, denken dann viele. Die Bereitschaft, etwas für die eigene Sicherheit zu tun, ist stark begrenzt. Viele vertrauen lieber auf das Prinzip Hoffnung.

Das ist falsch, wie die Einbruchzahlen zeigen …
Genau. Von dem Bewusstsein, dass eine Nachrüstung notwendig ist bis zur tatsächlichen Umsetzung ist es ein großes Gefälle. Da spielt auch der Versicherungsschutz eine Rolle. Wertgegenstände sind verschmerzbar und oft gegen Diebstahl versichert. Das anschließende Gefühl ist allerdings von viel größerer Bedeutung. Der Gedanke, dass ein Fremder in meiner Wäsche gewühlt hat, ist nicht so einfach wegzustecken. Wenn das Gefühl der eigenen Sicherheit fehlt, ist es enorm unangenehm.

Wie hat sich das Täterprofil eines Einbrechers zuletzt gewandelt?
Heutzutage wird teilweise massive Gewalt angewandt. Für immer mehr Täter ist es weniger wichtig, ob sich jemand in der Wohnung befindet oder nicht. Es gibt zahlreiche Fälle, bei denen Einbrecher die Bewohner überraschen, etwa in der Nacht. Wenn dann jemand aufwacht, wird Gewalt angewandt. Risiko, Brutalität und Rigorosität haben enorm zugenommen.

„Der Gedanke, dass ein Fremder in meiner Wäsche gewühlt hat, ist nicht so einfach wegzustecken. “ Pressefoto

Christian Schaaf

„Der Gedanke, dass ein Fremder in meiner Wäsche gewühlt hat, ist nicht so einfach wegzustecken. “

Plump gefragt: Wie hab ich mein Eigenheim denn vernünftig zu sichern?
Hier gibt es grundsätzlich keinen Königsweg – maßgeblich sind individuelle Konzepte. Erstens geht es darum, die Schutzzonen zu identifizieren. Was ist das Schutzziel, was will ich sichern? Das gesamte Grundstück oder nur die Außenfassade? Und sollte ich auch den Garten schützen? Im Folgenden muss man sich genau überlegen, auf welche Art und Weise man sich schützt.

Eine einfache Gefahrenmeldeanlage reicht also nicht mehr aus?
Auch das ist abhängig vom Schutzobjekt. Für eine Mietwohnung im fünften Stock ist eine solche Anlage womöglich ausreichend, bei einem Einfamilienhaus mit großem Anwesen vielleicht nicht ganz. Problematisch ist jedoch, dass viele Betroffene nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen.

Inwiefern?
Geht man zum Elektriker oder zum Alarmanlagenbauer um die Ecke, wenn man ein solches Schutzbedürfnis hat? Welcher Ansprechpartner ist wirklich der richtige Partner? Die Kriminalpolizei gibt Hinweise zu verschiedenen Sicherungsmöglichkeiten. Für die praktische Umsetzung wiederum ist der Häuslebauer selbst verantwortlich. Ob ein Produkt allerdings individuell passend ist, steht auf einem anderen Blatt. Es wird zu wenig auf die individuellen Bedürfnisse eingegangen.

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