Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.03.2014

17:09 Uhr

Experten zum Russland-Konflikt

„Deutschland bei Gaslieferausfällen sehr verletzlich“

VonDietmar Neuerer

ExklusivWenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Dass Merkel und Gabriel uneins darüber sind, wie die Abhängigkeit von russischem Gas gesenkt werden kann, nützt vor allem Putin. Denn schnelle Alternativen gibt es nicht.

Deutschland ist von russischem Gas abhängig - Alternativen sind laut Experten noch lange nicht in Sicht. dpa

Deutschland ist von russischem Gas abhängig - Alternativen sind laut Experten noch lange nicht in Sicht.

BerlinNach Einschätzung von Experten ist Deutschland derzeit für mögliche Gaslieferausfälle aus Russland nicht gewappnet. „Deutschland hat derzeit keine Strategie wie man auf Lieferausfälle reagieren kann und ist damit sehr verletzlich“, sagte die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, Handelsblatt Online.

Ähnlich äußerte sich der Geschäftsführer des Außenhandelsverbandes für Mineralöl und Energie (AFME), Rainer Winzenried. Der AFME vertritt die Interessen konzernunabhängiger Energiehändler und -importeure aus den Bereichen Öl, Strom und Gas. Beim Erdgas gebe es „keine schnelle Lösung, um die Versorgung zu flexibilisieren und zu diversifizieren“, sagte Winzenried Handelsblatt Online. „Alle nachhaltigen Lösungen bedürfen großer Investitionen, deren Umsetzung viel Zeit erfordert.“ Nötig seien der Bau Terminals für verflüssigtes Erdgas (LNG), die Stärkung der heimischen Erdgasförderung, eine Krisenbevorratung nach dem Vorbild des so genannten Erdölbevorratungsverbandes sowie zusätzliche Pipelines.

Gastbeitrag: Deutschland braucht eine neue Energie-Außenpolitik

Gastbeitrag

Deutschland braucht eine neue Energie-Außenpolitik

Die Ukraine-Krise hat die Aufmerksamkeit auf geopolitische Faktoren gelenkt. Energieexpertin Kirsten Westphal meint, dass es weitere gute Gründe gibt, sich mit einer Energie-Außenpolitik neu zu positionieren.

Das fordert auch DIW-Ökonomin Kemfert. „Wir können russisches Gas nicht ohne weiteres ersetzen“, sagte sie. „Wir benötigen eine strategische Gasreserve genau ähnlich der strategischen Ölreserve.“ Deutschland müsse zudem verstärkt aus anderen Ländern Gas beziehen wie Norwegen Algerien oder Katar. Außerdem plädierte Kemfert neben einer beschleunigten Umsetzung der Energiewende auch für den Bau eines Flüssiggasterminals, „damit wir perspektivisch auch Gas aus den USA importieren können“.

Die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas und Öl

Gas

Deutschland kann aus eigenen Quellen gut zehn Prozent seines Bedarfs decken. Der Rest wird überwiegend aus Norwegen (gut ein Viertel) und den Niederlanden (knapp ein Fünftel) geliefert. In unterirdischen Speichern wird im Regelfall der Bedarf für mindestens zwei Monate vorgehalten. Russland ist somit größter Lieferant beider Brennstoffe für Deutschland. Beim Gas bezieht auch die EU insgesamt rund ein Viertel ihres Verbrauchs aus Russland.

Gastransport

Die Hälfte des russischen Gases nimmt den Weg über die Ukraine. Da beide Länder schon häufig über Preise, Transitgebühren und Lieferungen stritten und zeitweise die Versorgung unterbrochen war, wurden in Europa Alternativen gesucht. So wurde die Pipeline Nord Stream, die von Russland über den Ostseegrund direkt nach Deutschland führt, gebaut. Sie ist nicht ausgelastet und könnte weiteres Gas aufnehmen, sollte über die Ukraine nicht mehr geliefert werden. Daneben strömt ein großer Teil des Brennstoffes auch über die Jamal-Pipeline über Weißrussland und Polen nach Deutschland.

Ein weiterer Weg wäre der Import von flüssigem Erdgas etwa aus dem Nahen Osten über Tanker nach Deutschland. In der Bundesrepublik gibt es aber kein Terminal zum Entladen. Auch eine Einfuhr etwa über Rotterdam spielt kaum eine Rolle.

Gaseinsatz und -preis

Gas wird in Deutschland zum Heizen, für die Industrie und die Stromherstellung gebraucht. Letztere hat im Zuge der Energiewende an Bedeutung verloren, da die Kraftwerke durch Ökostrom-Anlagen verdrängt werden.

Daran ändert auch der Druck auf die Gaspreise weltweit nichts. Zwar steigt der Energiehunger in China und Indien. Auf der anderen Seite aber hat der Boom der Schiefergas-Gewinnung, dem sogenannten Fracking, die USA von Importen unabhängig gemacht. Das Land will nun sogar Gas ausführen. Auch die Ukraine wollte das Potenzial von Schiefergas nutzen und sich unabhängiger von Russland machen. Das erste Projekt zur Schiefergasförderung wurde Anfang 2013 zwischen der ukrainischen Regierung, dem Konzern Royal Dutch Shell und dem ukrainischen Partner Nadra geschlossen. Es geht um eine Fläche von der Größe des Saarlands. Der russische Gasmonopolist Gazprom hatte sich angesichts der Fracking-Konkurrenz zuletzt verstärkt bemüht, den Absatz nach Westeuropa zu sichern.

Öl

Russland ist auch Deutschlands größter Öllieferant. An Position zwei und drei liegen Großbritannien und Norwegen mit jeweils um die zehn Prozent. Auch Libyen, Nigeria und Kasachstan spielen ein Rolle. Gespeichert wird in Deutschland Öl für den Bedarf von mindestens 90 Tagen.

Transport

Der größte Teil des russischen Öls kommt über die Pipeline Druschba (Freundschaft) über Weißrussland und Polen ins brandenburgische Schwedt. Ein zweite Leitung führt über das Gebiet der Ukraine.

Öleinsatz und -preis

Öl wird als Treibstoff, für die Chemie, aber auch in vielen anderen Grundstoff-Industrien benötigt. Auch als Heizöl wird es in Deutschland oft eingesetzt. Der Preis ist nach jahrelangem Anstieg auf dem Weltmarkt etwas zurückgegangen. Die EU und Deutschland versuchen sich über den Einsatz von Biokraftstoffen und Elektroautos langfristig unabhängiger von Erdöl zu machen. Die Abhängigkeit bleibt aber für die kommenden Jahrzehnte hoch.

Insofern habe Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) Recht, wenn der derzeit zum Import von Erdgas aus Russland keine vernünftige Alternative sehe, sagte Kemfert weiter. Allerdings stimme sie auch Bundeskanzlerin Angela Merkels (CDU) Lösungsansatz zu. „Frau Merkel hat Recht, die Abhängigkeit aus Russland sollte vermindert werden.“

AFME-Chef Winzenried hält es ebenfalls für angebracht, die Erdgasversorgung auf eine breitere Basis zu stellen und sie zu flexibilisieren. „Am Erdgas selbst sollte aber nicht gerüttelt werden“, betonte er. Dieser Energieträger trage erheblich zur Klimaverträglichkeit des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland bei - und die Reserven seien riesig.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

28.03.2014, 18:06 Uhr

"Deutschland ist derzeit für mögliche Gaslieferausfälle aus Russland nicht gewappnet"

Was sagt uns das? - Man sollte nicht mit Steinen werfen solange man im Glashaus sitzt.

Warum sollte Russland uns das Gas abdrehen wenn wir dies auch weiterhin bezahlen ?

Wenn Deutschland auf russisches Gas so angewiesen ist, sollte Deutschland auch nicht mit dem Gedanken spielen Sanktionen zu verhängen.

Wenn, dann müssten höchstens gegenüber den USA Sanktionen verhängt werden für ihre Politik fremde Staaten zu destabilisieren (Maidan)!!!

Account gelöscht!

28.03.2014, 18:40 Uhr

Deutschland und verletzlich? Im Klartext: Frau Merkel will vorsätzlich den Niedergang Deutschlands. Von den Medien: Kampf gegen Russland wird Sie noch dabei unterstützt. Wo bleibt der Amtseid: Zum Wohle Deutschlands! Wieder bricht Sie ihn vorsätzlich! Alles nur, weil wir den Begriff " Staatsfeind Nr. 1" nicht haben. Ist diese Frau zu stoppen??

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×