Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.09.2012

21:16 Uhr

EZB-Präsident ausgezeichnet

Schäuble, der widerspenstige Laudator

VonDonata Riedel

Bei einer Preisverleihung an EZB-Chef Mario Draghi in Potsdams Schloss Sanssouci drückt sich Schäuble um ein Lob für das nur Stunden zuvor verabschiedete Anleihe-Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank.

Finanzminister Wolfgang Schäuble und EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstagabend in Potsdam. Reuters

Finanzminister Wolfgang Schäuble und EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstagabend in Potsdam.

PotsdamAls die Stadt Potsdam im Verbund mit der Presse vor Monaten ihre jährliche Preisverleihung plante, da wusste noch niemand, dass der 6. September zum bedeutenden Tag für die Euro-Rettung werden würde. Finanzminister Wolfgang Schäuble sagte denn auch gleich zu Beginn seiner Laudatio, dass er in dem Fall noch einmal darüber nachgedacht hätte, ob er wirklich ausgerechnet für diesen Abend eine Lobrede auf EZB-Präsident Mario Draghi hätte zusagen sollen. „Denn die Notenbank ist unabhängig, da sollte sich der Finanzminister zurückhalten“, sagte er.

Auch Draghi hätte sich für den M100 Medienpreis vielleicht lieber einen ruhigeren Tag ausgesucht als den der EZB-Ratsentscheidung über die in Deutschland umstrittenen Anleihekäufe, und begann deshalb mit einem Augenzwinkern. „Die Preis-Annahme ist innerhalb des Mandats der EZB und dient der Stabilisierung des Euro“, scherzte er – um dann seinerseits ein Loblied zu singen auf Schäuble. „Sie sind ein großer Europäer, der Europa nach vorne denkt“, sagte er. Und es sei eine Ehre, ihn, den Karlspreisträger, bei der Preisverleihung dabei zu haben. Dann sprach er über große europäische Ziele. „Wir brauchen mehr demokratische Teilhabe“, so Draghi.

Bundesbank-Präsident Weidman: Das 23. Rad am Wagen

Bundesbank-Präsident Weidman

Das 23. Rad am Wagen

Bundesbank-Präsident Weidmann ist einsamer Gegner der Anleihenkäufe im EZB-Rat. Öffentlich warnt er vor den Folgen des von Mario Draghi voran getriebenen Programms. Die Zeit der vornehmen Notenbanker ist vorbei.

Kurzfristig absagen ließ sich der große Event im Raffaelsaal des Orangerieschlosses in Potsdam sowieso nicht mehr. Und dass Draghi nach den Kriterien des M100 – das Kürzel steht für 100 Medien- und Meinungsmacher - zu den preiswürdigen Menschen zählt, „die in Europa und der Welt Spuren hinterlassen haben“, wollte gerade an diesem Tag auch Schäuble, bei aller grundsätzlichen Skepsis über Anleihekäufe, dann gar nicht bestreiten. „Eigentlich ehren wir Mario Draghi ja auch als großen Europäer, der mit daran arbeitet, Europa und seine Institutionen zu stärken“, sagte Schäuble. Nein, zum EZB-Rat wolle er jetzt wirklich nichts sagen. Und: „Wir haben die Unabhängigkeit der Notenbank, weil wir nicht den bequemen Weg über die Notenpresse gehen wollen.“

„Nur eine Gegenstimme“: EZB-Rat beschließt unbegrenzte Anleihekäufe

„Nur eine Gegenstimme“

Grünes Licht für EZB-Anleihekäufe

Die Kampfansage von Draghi an die Märkte ist eindeutig: „Der Euro ist unumkehrbar“.

M100 steht für 100 Medienleute und Meinungsmacher. Die Gruppe, geleitet von Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs und Lord George Weidenfeld, veranstaltet seit 2005 immer Anfang September eine Konferenz, an deren Ende die Preisverleihung steht. Geehrt werden Verdienste um die freie Meinungsäußerung, die Demokratie und die europäische Verständigung. Unter den Preisträgern sind Reichskuppelbauer Norman Foster, der Musiker Bob Geldof und die kolumbianische Politikerin Ingrid Betancourt. Und nun also Mario Draghi.

Biografie: Was Sie über Schäuble noch nicht wussten

Biografie

Was Sie über Schäuble noch nicht wussten

Bald feiert Wolfgang Schäuble seinen 70. Geburtstag. Dazu hat ein Wegbegleiter eine bemerkenswerte Biografie über den Politiker geschrieben. Mit Neuigkeiten über Kohl, Merkel und das Attentat, das alles veränderte.

Auch er ging auf die Details des am Nachmittag verkündeten Anleiheprogramms nicht mehr ein und knüpfte nur sehr indirekt an das Programm an, das den Politikern ja Zeit verschaffen soll, Europa tragfähigere Institutionen zu geben. Alle Europäischen Regierungen hätten es in den Jahren seit Gründung der Währungsunion aus nationalem Denken heraus versäumt, die Währungsunion zu vollenden. Er setze nun auf Fortschritte – und dabei ganz auf Schäuble.

Es blieb dann Ferrari-Präsident Luca de Montezemolo überlassen, die echte Laudatio auf Draghi zu halten, mit dem er schon zur Schule gegangen sei. Immer Draghi als Ökonom darauf gedrängt, dass der Euro eine stabile Währung sein müsse. „Stabilität, Stabilität, Stabilität hat er gepredigt, gerade auch in Italien“, sagte Montezemolo. Und dies finde doch auch inzwischen überall in der Euro-Zone Gehör. Weshalb auch die Entscheidung dieses Tages als Ergänzung zu Reformen die richtige sei. Sprach’s und verließ als erster das Gala-Dinner in im Schloss – im Ferrari natürlich. Denn am Freitag muss er in Monza das Autorennen eröffnen.

Geteilte Reaktion auf EZB-Entscheidung zu Staatsanleihen

Video: Geteilte Reaktion auf EZB-Entscheidung zu Staatsanleihen

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

06.09.2012, 21:30 Uhr

Schäuble als Laudator für Draghi - herlich wie das Leben einen mitspielen kann...

Fortunio

07.09.2012, 00:09 Uhr

Einn Treppenwitz in der Geschichte der so beliebten "europäischen" Preisverleihungen.Gerade im Schloss des grossen Preussenkönigs wird ein Mann "geehrt" , der soeben die Deutsche Bundesbank und deren Stabilitätsgeschichte begraben und in die Bedeutungslosigkeit versenkt hat und dazu auch noch Herrn Weismann auf beispiellose Weise der Lächerlichkeit preisgegben hat.
Und ein W.Schäuble ist der Laudator für diesen "Preisträger". Das passt. Denn es war die deutsche Regierung selber, die die Kastration einer bedeutenden deutschen Institution, der deutschen Bundesbank,nachhaltig und mit "Überzeugung" betrieben hat.

GoToHELLas

07.09.2012, 01:26 Uhr

Schäuble hat nichts aus seinem Attentat gelernt und steckt nun auch noch Draghi an. Wie perfide von ihm...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×