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20.04.2015

15:36 Uhr

Facebook-Diskussion zu Flüchtlingsunglücken

„Die Boote mit allen erdenklichen Mitteln am Auslaufen hindern“

VonTina Halberschmidt

Wie können weitere Bootstragödien mit Hunderten Vermissten und Toten vermieden werden? Eine Frage, die die Menschen bewegt – und auf der Facebook-Page des Handelsblatt kontrovers diskutiert wird.

Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa (Archivbild). dpa

Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa (Archivbild).

DüsseldorfImmer neue Flüchtlingsunglücke auf dem Mittelmeer erschüttern Europa. Viele Menschen reagieren schockiert und ratlos. Bei Facebook haben wir die Frage gestellt, was passieren müsste, damit weitere Bootstragödien mit Hunderten Vermissten vermieden werden können.
„Wie in der EU bereits diskutiert: Auffangcamps in Nordafrika für Flüchtlinge, damit diese keinen Anreiz mehr haben, auf maroden Booten über das Mittelmeer zu reisen“, meint Robert Blum. In den Camps solle dann auch über ein Asylrecht entschieden werden. „Unabhängig davon sollte man die Lage vor Ort stabilisieren, denn es ist ja nicht die Lösung, wenn die afrikanische Bevölkerung mehrheitlich nach Europa auswandert, dann brechen dort erst recht die Systeme zusammen.“

Tod im Mittelmeer: Flüchtlingstragödien

EU im Kreuzfeuer der Kritik

Nach den jüngsten Flüchtlingstragödien im Mittelmeer mit hunderten Toten steht die EU im Kreuzfeuer der Kritik. Hilfsorganisationen werfen ihr Untätigkeit angesichts der dramatischen Lage vor. Die EU-Außenminister setzten bei ihrem Treffen in Luxemburg nun ein Krisengespräch an.

Wie viele Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr nach Europa? (1)

Wegen gewaltsamer Konflikte wie in Syrien, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen machen sich immer mehr Menschen auf den Weg nach Europa, wo sie sich Schutz und Hilfe erhoffen. Nach Angaben der EU-Grenzbehörde Frontex gab es 2014 rund 278.000 illegale Grenzübertritte – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.

Wie viele Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr nach Europa? (2)

170.000 Menschen kamen dabei von Libyen aus über das Mittelmeer. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR starben im vergangenen Jahr 3500 Menschen bei dem Versuch, über den Seeweg nach Europa zu gelangen.

Wie viele Flüchtlinge werden dieses Jahr erwartet?

Frontex-Chef Fabrice Leggeri rechnet mit einer neuen Rekordzahl von Flüchtlingen, vor allem aus Libyen. „Unsere Quellen berichten uns, dass zwischen 500.000 und einer Million Migranten bereit sind, Libyen zu verlassen“, sagte Leggeri Anfang März.

Woran entzündet sich die Kritik an der EU?

Amnesty International beschuldigt die EU, das Leben tausender Flüchtlinge zu gefährden, weil sie Ende 2014 die italienische Seenotrettungsoperation „Mare Nostrum“ auslaufen ließ, die sich bis vor die Küste Libyens erstreckte. Auch Organisationen wie Pro Asyl kritisieren, dass der EU-Nachfolgeeinsatz „Triton“ unter Leitung von Frontex primär der Grenzsicherung dient und nur die Gewässer 30 Seemeilen (55,6 Kilometer) vor der italienischen Küste überwacht.

Was tut die EU bisher?

Angesichts weiter steigender Flüchtlingszahlen hat die EU im Februar die „Triton“-Mission bis Jahresende verlängert. Im März zog die EU-Kommission den Termin für ihre neue Flüchtlingsstrategie von Juni auf Mitte Mai vor. Sie setzt neben verstärkter Grenzsicherung und besseren Möglichkeiten für legale Einwanderung auch auf die Zusammenarbeit mit Transit- und Herkunftsländern bei der Bekämpfung der Fluchtursachen und beim Vorgehen gegen Schlepper.

Könnten Aufnahmezentren in Afrika eine Lösung bieten?

In der EU wird seit Monaten kontrovers über die Frage diskutiert, ob Aufnahmezentren für Flüchtlinge direkt in Afrika eingerichtet werden sollen. Dort könnten Flüchtlinge einen Asylantrag stellen, ohne sich auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer zu machen. Bei einer Ablehnung könnten sie Anreize – etwa Geldzahlungen – bekommen, um in ihre Heimat zurückzukehren. Kritiker halten die Pläne jedoch nicht für praktikabel und verweisen auch auf fehlende Garantien für rechtsstaatliche Verfahren in den in Frage kommenden Ländern.

Warum kommen die meisten Flüchtlinge über Libyen? (1)

Von der libyschen Küste bis zur vorgelagerten italienischen Insel Lampedusa sind es nur rund 300 Kilometer. Zudem fehlt es in Libyen an einer Regierung, die willens oder in der Lage wäre, den Schleppern das Handwerk zu legen.

Warum kommen die meisten Flüchtlinge über Libyen? (2)

Im Sommer vergangenen Jahres eroberten islamistische Milizen die Hauptstadt Tripolis. Die international anerkannte Regierung floh nach Tobruk im Osten des Landes. Die chaotische Lage hat sich nochmals verschärft, seitdem sich auch die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Libyen ausbreitet.

Was planen die EU-Außenminister im Falle Libyens?

Die EU will die Stabilisierung des Landes unterstützen, auch wegen des Flüchtlingsproblems. Diskutiert wird auch ein ziviler oder auch begrenzter militärischer Einsatz. Mögliche Einsatzgebiete sind die Überwachung einer vereinbarten Waffenruhe, eine Marinemission vor der Küste Libyens oder Hilfe bei der Grenzkontrolle. Voraussetzung ist aber, dass sich die Konfliktparteien auf eine Regierung der nationalen Einheit einigen. Entsprechende Gespräche unter UN-Vermittlung führen aber seit Wochen nicht zum Erfolg.

Jochen Mößner ist der Meinung, es sei „der falsche Weg, wenn wir und alle europäischen Staaten die Flüchtlinge aufnehmen“. Denn dadurch eskaliere die Situation erst recht. Es müsse vor Ort geholfen werden, damit die Menschen erst gar nicht aus ihrer Heimat flüchten müssten. „So wie es im Moment läuft, wird den Betroffenen nicht geholfen, sondern es werden nur kriminelle Schlepperbanden unterstützt. Dagegen muss etwas unternommen werden.“

Reinhard Herrmann berichtet von der Situation vor Ort: „Ich lebe hier zeitweise mehrere Monate in der Elfenbeinküste und bekomme hautnah mit was in punkto ‚Ausreise‘ in die EU unternommen wird. Ganze Familien verschulden sich und verkaufen ihr ganzes Hab und Gut zu Schleuderpreisen, um es einem der Ihren zu ermöglichen, in die doch so hochgelobte EU zu kommen.“

Sei das Familienmitglied dann in Europa angekommen, sähe es sich mit „niemals zu erfüllenden Erwartungen konfrontiert“. Mit einem Hilfsarbeiterjob könne ein Flüchtling „nie und nimmer“ tausende von Euro pro Jahr in die alte Heimat schicken.

„Das schürt dann das Misstrauen zusätzlich zu schon vorhandener sozialer Eifersucht gegenüber der Familie, die 'jemanden in der EU' hat.“ Europa sei vor allem für Un- und Halbgebildete immer „noch das Schlaraffenland“. Deswegen, meint Reinhard Herrmann, müssten die Boote „mit allen nur erdenklichen Mitteln“ schon am Auslaufen gehindert werden. „Sonst endet das nie und wird nur noch schlimmer.“

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Sie rufen um Hilfe. Dann kentert das Fischerboot vor der Küste Libyens. Hunderte Menschen ertrinken. Das Entsetzen in Europa ist groß, obwohl das Drama nicht das erste ist. Fragen und Antworten zum Unglück in Mittelmeer.

Jörg de Bruyn sieht das anders: „Hier muss sich das Konsumverhalten grundlegend ändern, während dort das Bildungsangebot verbessert sowie Produktions- und Industriezweige eröffnet werden müssen“, schreibt der Facebook-Nutzer. „Demokratie findet im Kopf statt, nicht mit dem Gewehrlauf.“

Und Mandy Sommer kommentiert: „In den Ländern muss sich was ändern, mit den Leuten zusammen, nicht wegrennen und Asyl beantragen, sondern Hilfen annehmen und das Land umgestalten und aufbauen.“

Was ist Ihre Meinung? Was müsste passieren, damit weitere Bootstragödien mit Hunderten Vermissten und Toten vermieden werden können? Welche Lösungen sehen Sie? Schreiben Sie uns!

Kommentare (3)

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Herr Markus Bullowski

20.04.2015, 16:07 Uhr

Gegen das Sterben von Menschen können WIR keine Lösung anbieten, da dies zu einem großen Teil mit dem Bevölkerungswachstum einhergeht.

Fakt ist: Die Welt ist endlich, Land ist endlich, Ressourcen sind es. Arbeitsplätze/Wohnungen/Infrastruktur sind zwar nicht endlich, wachsen aber nicht schnell genug mit. Wenn nun die Bevölkerung exponentiell wächst und schon am Limit ist, was dann? Wenn es deswegen Kriege und Hunger gibt?
Es wird - solange das Bevölkerungswachstum anhält - immer darauf hinauslaufen, dass irgendwann ein Limit erreicht wird, bei dem Menschen unfreiwillig zu Tode kommen. Denn unbegrenztes Wachstum ist von Natur aus unmöglich. Ändern können das nur die betroffenen Länder selbst, wir können ja keine Familienpolitik erzwingen.

Wir haben nur zwei Alternativen. Entweder wir öffnen die Grenzen, dann findet solange Migration statt bis wir hier das gleiche Niveau haben, wie in den Herkunftsländern: Armut, Überbevölkerung, Elend.

Die andere Variante ist abschotten. Doch natürlich werden - immer - Menschen sterben, aber das passiert so oder so bei ständig wachsender Bevölkerung. Wenn nicht an den Grenzen, dann eben durch Hunger oder Konflikte in den Heimatländern. Ändern müssen sich die Herkunftsländer selbst, das ist die einzige Lösung - aber das liegt nicht in unserer Macht.

Frau Margrit Steer

20.04.2015, 16:22 Uhr

Der Beitrag stimmt.
Es muß aber noc mehr getan werden. Bis ins letzte afrikan. Dorf muß übe TV verkündet werden, dass niemand mehr in Deutschland Asyl erhält.
Außerdem muß die westliche Welt aufhören den afrikan. Kontinent auszubeuten

Herr peter Spirat

20.04.2015, 16:25 Uhr

Es gibt noch immer die Möglichkeit, dass wir die Regierungssystem beseitigen, die hierfür verantwortlich sind und zwar am Ursprungsort in Schwarz-Afrika.

Als es ums Öl ging, hatte der Westen auch kein Problem, die Regierungen in Nordafika und Irak zu beseitigen, aber jetzt wo es um die Menschlichkeit geht, da argumentiert man damit, dass man sich nich in fremde angelegenheiten einmischen kann.

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