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27.07.2017

14:46 Uhr

Facebook und Falschnachrichten

Merkel beliebtes Ziel von Fake-News-Attacken

VonDietmar Neuerer

Kanzlerin Merkel scheint ein beliebtes Ziel von Fake-News-Produzenten zu sein. Bei Facebook finden Artikel über sie rasante Verbreitung, die wenigsten entsprechen aber der Wahrheit. Was bedeutet das für den Wahlkampf?

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): 7 der 10 erfolgreichsten Artikel über Angela Merkel auf Facebook sind Fake News. dpa

Angela Merkel.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): 7 der 10 erfolgreichsten Artikel über Angela Merkel auf Facebook sind Fake News.

Berlin„Das Internet vergisst nie“ – dieser Satz ist immer dann zu hören, wenn sich mal wieder ein Politiker in den sozialen Netzwerken im Ton vergriffen hat. Je nach Verlauf des dann folgenden Shitstorms wird dann mitunter sogar die weitere politische Karriere des Betroffenen infrage gestellt. Dabei ist es in der Regel „nur“ die gepostete Meinung, die für Erregung sorgt. Freilich breit gestreut in den Weiten des World Wide Webs.

Solche Vorgänge können auch Wahlkämpfe beeinflussen. Deutlich schwerer wiegen in Wahlkampfzeiten aber wohl die vielen Falschnachrichten, die tagtäglich im Netz gepostet werden. Auch das vergisst das Internet nämlich nicht. Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen betonte in diesen Tagen denn auch, dass seine Behörde eine mögliche Beeinflussung der Bundestagswahl durch Desinformation und Cyberangriffe „sehr genau im Blick“ habe. Auch die Parteien sind vorbereitet und notfalls auch in der Lage, umgehend gegen Fake News einzuschreiten.

Wie brisant das Thema ist, zeigt eine Analyse der deutschen Ausgabe der amerikanischen Online-Plattform Buzzfeed. Die Digitalexperten haben die vielen Artikel über Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in den Blick genommen, die tagtäglich bei Facebook gepostet werden. Mit dem Ziel, herauszufinden, welche Inhalte die größte Leserresonanz haben, also am meisten Interaktionen (Reaktionen, Kommentare, Shares) hervorrufen. Dazu nahm Buzzfeed mit Hilfe des Content-Marketing-Tools Buzzsumo die Interaktionen aller auf Facebook geteilten Artikel über Merkel über einen Zeitraum von fünf Jahren in den Blick und erstellte ein Ranking. Der Befund ist ernüchternd.

Es kam heraus, dass sich unter den zehn erfolgreichsten Artikeln über die Kanzlerin sieben Falschnachrichten befanden. In der Auswertung fällt zudem auf, dass nur drei der zehn erfolgreichsten Artikel von klassischen Medien stammen. Artikel über Merkel, die in „Bild“, beim „Spiegel“, dem „Stern“ der „Süddeutsche  Zeitung“ oder der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ erschienen, erzielten demnach eine deutlich geringere Resonanz als Falschnachrichten über die Kanzlerin.

Insbesondere Fake News zum Thema Flüchtlinge haben es laut der Buzzfeed-Recherche „sehr viel leichter“ sich bei Facebook zu verbreiten, als Inhalte traditioneller Medien. Dabei geht es längst nicht nur um Falschnachrichten deutscher Webseiten. Unter den erfolgreichsten Artikeln seien auch ein Video eines neurechten kanadischen Youtube-Accounts sowie mehrere Satire-Artikel, „die von den Nutzern offenbar nicht als Satire verstanden werden“, schreibt die Plattform.

Als Top-Fake-News haben die Buzzfeed-Experten eine Geschichte identifiziert, die Zitate von Merkel zu kriminellen jugendlichen aufgreift, die aus einer Videobotschaft der Kanzlerin vom 18. Juni 2011 stammen. Merkel machte seinerzeit deutlich, dass Jugendkriminalität und Gewalt unter Migranten ein größeres Problem als unter deutschstämmigen Jugendlichen seien.

Wörtlich sagte sie, sie werde sich mit den Länderinnenministern darüber unterhalten „wie wir sicherstellen können, dass es in Deutschland keinen Raum gibt, in dem die Polizei nicht die Sicherheit der Menschen und der Bevölkerung reagieren kann. Hierbei geht es darum, Sicherheit vor Ort zu gewährleisten und gleichzeitig die Ursachen von Gewalt in der Gesellschaft zu bekämpfen. Das gilt für alle Bereiche der Gesellschaft, aber wir müssen akzeptieren, dass die Zahl der Straftaten bei jugendlichen Migranten besonders hoch ist“. Deshalb sei das Thema Integration eng verbunden auch mit der Frage der Gewaltprävention in allen Bereichen unserer Gesellschaft.

Ein Youtube-Klon mit dem Namen Gloria.tv mit Sitz in Moldavien und einer Kontaktadresse in Moskau verbreitete nur einen Schnipsel aus der Videobotschaft und zwar die Formulierung „… aber wir müssen akzeptieren, dass die Zahl der Straftaten bei jugendlichen Immigranten besonders hoch ist... Der Sieben-Sekunden-Clip wurde mit der Überschrift gepostet „Angela Merkel: Deutsche müssen Gewalt der Ausländer akzeptieren“. Und fand sein Publikum.

Rund 273.000 Facebook-Interaktionen registrierte Buzzfeed. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum hätten die erfolgreichsten Merkel-Artikel großer deutscher Zeitungen deutlich weniger Interaktionen: Bei „Stern“ stellten die Digitalexperten 269.000 Interaktionen fest, der „Bild“ 235.000, der FAZ 160.000, der „Welt“ 144.000, beim „Spiegel“ 122.000 oder der „Süddeutschen“ 99.300.

Die eigentliche Aussage der Kanzlerin wurde durch die verkürzte Darstellung im Video und durch die falsch intoniert Überschrift verfälscht. Denn Merkel hat nicht etwa für die Akzeptanz von Migranten-Gewalt geworben, sondern vielmehr um eine bessere Integration und Gewaltprävention in diesem Bereich.

Kommentare (24)

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Reiner Blumenhagen

27.07.2017, 15:39 Uhr

Na ja, von den Leuten, die aus dem Zusammenhang gerissene Uralt-Zitatfetzen in einen völlig anderen Kontext stellen gibt es hier ja auch reichlich. Wundert mich eh, wo die alle bleiben. Fast eine Stunde ein Artikel mit "Merkel" im Titel und noch gar keine Hetz-Posts?

Herr Holger Narrog

27.07.2017, 15:59 Uhr

Wo Lüge und Betrug den Normalfall darstellen sind Vermutungen und Gerüchte nicht weit.

Die Problematik der Regierungspolitiker ist das deren Aussagen und deren Handeln vielfach weit auseinander fallen. Die Intentionen der Regierungspolitiker bleiben regelmässig verborgen bzw. es ist anzunehmen dass Aussage und Intention auseinanderfallen.

Beispiel: Nirgends wird seitens der Systempolitiker und der verbundenen Qualitätsmedien eine Begründung für die Masseneinwanderung gegeben. Damit ist es naheliegend anhand deren Handelns darüber zu spekulieren.

Die im Artikel als falsch bezeichneten Aussagen, dass Fr. Merkel in Afrika für Einwanderer wirbt und dass Deutsche die Kriminalität ihrer Gäste zu dulden haben mögen nicht aus dem Munde der Kanzlerin kommen. Aufgrund ihres Handelns liegt eine derartige Absicht/Einstellung jedoch sehr nahe.

Interessant für die Leser ist, dass die Google Suchfunktion regierungsfreundliche Beiträge systematisch vorne platziert und regierungskritische Beiträge weit hinten. Somit sollte Fr. Merkel sich wegen der Fake News wenig Sorgen machen.

Herr Tomas Maidan

27.07.2017, 16:21 Uhr

Jeder weiß, dass Merkel bei den Rechten noch sehr viel verhasster ist als Hillary Clinton. Natürlich wird Putin versuchen, mit gezielter Desinformation, Merkel zu schaden.

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