Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.08.2013

15:15 Uhr

Fachkräftemangel

Kitas buhlen um Erzieherinnen

VonSebastian Schaal

In Kitas fehlt es an Erzieherinnen – nicht nur wegen des von heute an geltenden Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz. Die Träger der Kitas buhlen jetzt um qualifiziertes Personal – mit ungewöhnlichen Lockangeboten.

Kita in Leipzig: In der Tageseinrichtung „Forum Thomanum“ kümmern sich neben der Leiterin neun pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie fünf Sprachassistentinnen und Sprachassistenten um die 18 Krippen- und 82 Kindergartenkinder. dpa

Kita in Leipzig: In der Tageseinrichtung „Forum Thomanum“ kümmern sich neben der Leiterin neun pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie fünf Sprachassistentinnen und Sprachassistenten um die 18 Krippen- und 82 Kindergartenkinder.

Düsseldorf30.000. So viele Erzieher und Erzieherinnen fehlen in deutschen Kindertagesstätten – schätzt die Arbeiterwohlfahrt. Ein Grund ist auch der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz ab dem zweiten Lebensjahr, der seit heute bundesweit gilt. Mit dem Ausbau der Kitas sind die Träger größtenteils weit fortgeschritten. Doch eines fehlt: gut ausgebildete Erzieherinnen.

Bereits heute können sich qualifizierte Fachkräfte vielerorts ihre Stellen quasi aussuchen: Passt ihnen die Arbeitsstätte oder das Umfeld nicht, sind sie nach wenigen Wochen wieder weg.

Einen neuen Arbeitsplatz finden sie schnell. Städte wie Köln oder Düsseldorf locken Interessenten zum Beispiel mit unbefristeten Verträgen, Frankfurt mit einem höheren Einstiegsgehalt, die Stadt München hilft interessierten Erzieherinnen bei der Wohnungssuche. „Allein an der Tatsache, dass es solche Lockangebote gibt, wird klar, dass wir zu wenig qualifizierte Erzieher und Erzieherinnen haben“, sagt Gabriele Maahn von der Gewerkschaft Verdi Handelsblatt Online. Das Bundesfamilienministerium betone zwar immer wieder, dass es keinen Fachkräftemangel gebe. „Das mag auf dem Land teilweise zutreffen, in Großstädten ist die Lage aber anders.“

Fakten zur Betreuung

Was tun, wenn Eltern für ihr Kleinkind leer ausgehen?

Man kann vor dem Verwaltungsgericht (VG) auf einen Platz klagen. Gerade erst hat Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) Eltern geraten, von diesem Klagerecht Gebrauch zu machen. Weil eine Klage vielen aber zu langwierig ist, empfehlen Rechtsanwälte, ein Eilverfahren anzustrengen. So ist die Stadt Köln vor zwei Wochen per Eilentscheid verpflichtet worden, zwei Kleinkindern einen Platz zu verschaffen. So manche Kanzlei scheint ein Geschäft zu wittern und wirbt: „Wir klagen Ihr Kind in die Kita ein!“ Andere Anwälte halten es für sinnvoller, selbst initiativ zu werden, das Kind privat - oft teurer - unterzubringen und die Mehrkosten via Schadenersatzverfahren von der Kommune einzufordern.

Können Eltern immer zwischen Kita und Tagesmutter wählen?

Laut Gesetz besteht ein Recht auf Frühförderung in einer Tageseinrichtung oder in der Kindertagespflege. Manche Rechtsexperten bewerten das ausdrücklich als Entweder-Oder-Wahlrecht. Thomas Meysen vom Institut für Jugendhilfe und Familienrecht sagt dagegen, man müsse auch die jeweils andere Alternative akzeptieren, wenn nicht beide Varianten zur Verfügung stehen. Und das wird nach Ansicht des Städtetags definitiv nicht überall der Fall sein. Laut Kölner VG-Eilentscheid ist der Elternwille entscheidend. Die unterlegene Stadt Köln hat aber Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht eingelegt. Viele glauben, dass dieses die VG-Entscheidung kassieren wird.

Welche Variante ist denn besser?

Kita und Tagespflege stehen gleichwertig nebeneinander. Der Bund geht davon aus, dass gut zwei Drittel aller Plätze in einer Tageseinrichtung und rund 30 Prozent bei Tagesmüttern oder -vätern bereitstehen. In Kitas muss mindestens eine Kraft ausgebildete Erzieherin sein. Gruppengröße und Betreuer-Kind-Schlüssel legen die Länder fest. Tagesmütter können maximal fünf Kinder daheim aufnehmen oder kommen mitunter auch in den Haushalt der Eltern. Sie werben mit Flexibilität und Familienähnlichkeit. Tagesmütter müssen eine 160-Stunden-Qualifizierung absolvieren und brauchen vom Jugendamt eine Pflegeerlaubnis.

Wie steht es um die Qualität der U3-Betreuung?

Die umfassende und viel beachtete Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (Nubbek-Studie) kam im Frühjahr zu ernüchternden Ergebnissen. Die pädagogische Arbeit in deutschen Kitas sei „im Durchschnitt nur mittelmäßig“. Quantität gehe vor Qualität. Die Kommunen betonen bei ihren Ausbau-Anstrengungen stets, dass sie Qualitätsansprüche hochhalten. Experten raten, genau auf den Schlüssel zu achten, wie viele ausgebildete Erzieherinnen auf wie viele Kleinkinder kommen.

Was ist wichtig für das Wohl der Kleinsten?

Kontinuität und Verlässlichkeit gehören dazu. Wird ein einjähriges Kind nur an zwei Tagen in der Woche gebracht, bleibt es immer fremd in der Gruppe. Regelmäßigkeit im Tagesablauf gibt den Kleinsten Sicherheit. Umstritten ist die Übernacht-Betreuung. Das Kind sollte niemals im Schlaf oder Halbschlaf in die Einrichtung kommen und immer von derselben Betreuungsperson zu Bett gebracht werden, die es dann am nächsten Morgen auch weckt. Mehr als 45 Wochenstunden externe Betreuung gelten als nicht förderlich.

In welchem Umfang haben Eltern Anspruch auf Betreuung?

In der Regel werden Halbtagsplätze angeboten. Ein- und zweijährige Kinder haben darauf auch dann einen Anspruch, wenn deren Eltern nicht arbeiten gehen. Das Angebot soll dem Eltern-Bedarf entsprechen. Wem ein Halbtagsplatz nicht reicht, der muss seinen erhöhten Bedarf nachweisen. Ob dabei Schichtarbeiter auch ein Übernacht-Angebot beanspruchen können, muss möglicherweise individuell geklärt werden.


Was gilt als zumutbar?

Der Platz muss in zumutbarer Nähe liegen - bisher wird das überwiegend definiert mit rund einer halben Stunde Zeitaufwand für eine Strecke. Bei speziellen Wünschen wie einer integrativen Gruppe oder Montessori-Pädagogik sind Absagen wohl angesichts geringer Kapazitäten hinzunehmen.

Zumindest für Köln trifft das nicht zu. Das Angebot einer unbefristeten Stelle scheint attraktiv genug, zumindest in städtischen Einrichtungen gibt es keinen Erzieher-Mangel. „Wir sind mit der Personalsituation in unseren Kitas zufrieden“, sagt eine Sprecherin der Stadt Köln. „Wir haben frühzeitig mit dem Land Kontakt aufgenommen, um die Kapazitäten in den drei pädagogischen Schulen in der Stadt aufzustocken.“ Das Ergebnis: 300 Nachwuchskräfte kommen jetzt in ihr letztes Lehrjahr, das sie als Anerkennungspraktikum in einer Kita oder einem Kindergarten absolvieren.

Auf dieses Anerkennungsjahr setzt auch Aachen bei ihrem Erzieher-Nachwuchs. „Wir haben die Anzahl an solchen Praktikumsplätzen ausgebaut und bieten danach in der Regel auch eine Übernahme an“, sagt ein Sprecher der Stadt. Wenn sich an der Situation nichts ändere, drohe künftig ein Personalengpass bei Erziehern. „Die Belastung ist schon heute hoch, dann kommen noch Krankheitsfälle und Urlaube dazu.“

Kurzfristig will Aachen in seinen städtischen Einrichtungen zumindest punktuell Betreuungsengpässe beseitigen: in der Mittagszeit. Küchenhilfen sollen künftig um die Essensausgabe kümmern, damit die Erzieherinnen mehr Zeit fürs Kind haben.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

01.08.2013, 16:39 Uhr

Na, dann buhlt man schön, denn von 700,- netto kann niemand leben. Kein Wunder dass es zu wenig Erzieherinnen gibt.

Verdreifacht einfach die Löhne, statt es den Griechischen Banken und den Russischen Oligarchen hinterher zu werfen und schon habt ihr eure Erzieherinnen.

Account gelöscht!

01.08.2013, 18:21 Uhr

Und was wir jetzt bräuchten wären Kinderpflegeinnen für die Kleinen untr 3.
Aber diesen Beruf hat diese dämlich v.d.L ja kaputt gemaht und auch die Weiterbildung zur Erzieherinen können diese Kräfte nicht mehr machen.
Noch blöder geht nicht mehr

Nachwuchs

01.08.2013, 19:10 Uhr

In Berlin-Wilmersdorf werden Dank der Grünen Kitas geschlossen. Außerdem haben die berliner Politiker die Erzieher/innen vertrieben, indem sie die Beiträge explodieren ließen und die Erzieher/innenbezüge auf unter Hartz IV-Niveau drücken wollten/wollen. Die echten Erzieher/innen ( Ausbildungszeit 5 Jahre?) will man nicht sondern nur Quereinsteiger mit Ausbildungszeit "3 Tage". Von dem Minilohn sollen Erzieher/innen auch noch Familien gründen und ernähren. Als Ausgleich werden kriminelle Asylanten, die gegen unsere Rechtsordnung verstoßen noch unterstützt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×