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07.01.2011

12:57 Uhr

Fachkräftemangel

Laptop kontra Lederhose

VonSven Afhüppe, Dietrich Creutzburg

Dem High-Tech-Standort München droht ab 2015 ein beispielloser Fachkräftemangel. Während die bayerischen Firmen ein neues Gesamtsystem für den Zuzug von Fachkräften fordern, will es die CSU notfalls auf einen offenen Konflikt im Regierungslager ankommen lassen. Sie verteidigt Kultur und Tradition – und setzt auf eine Frontalopposition.

Parteichef Horst Seehofer und die CSU wollen sich beim Thema Zuwanderung auf keine Neuregelungen einlassen. dpa

Parteichef Horst Seehofer und die CSU wollen sich beim Thema Zuwanderung auf keine Neuregelungen einlassen.

WILDBAD KREUTH/BERLIN. Wenn gut qualifizierte Arbeitskräfte knapper werden, dann schrillen in München und Umgebung mehr Alarmglocken als anderswo – in keiner anderen Region drängen sich so viele High-Tech-Firmen auf einem Fleck. Nach einer Studie der bayerischen Wirtschaftsverbände werden schon 2015 allein im Freistaat eine halbe Million Fachkräfte fehlen. Das wäre fast ein Fünftel der befürchteten bundesweiten Fachkräftelücke.

Wenn es aber um Antworten auf diese Entwicklung geht, dann sorgt die einst sprichwörtliche bayerische Erfolgskombination von Laptop und Lederhose inzwischen immer öfter für Disharmonie. Bayerns Wirtschaft kämpft zusammen mit der FDP und der norddeutschen Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) beharrlich für eine Fundamentalreform des deutschen Zuwanderungsrechts – und stößt dabei auf eine Fundamentalopposition namens CSU.

„Ein klares Nein der CSU“

„Wir brauchen eine neue Willkommenskultur für qualifizierte Zuwanderer und ein schlüssiges Gesamtsystem für den Zuzug von Fachkräften, das sich stärker an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts orientiert“, mahnt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW).

Doch parallel hat sich der bayerische Teil der schwarz-gelben Koalition in Berlin gestern darauf festgelegt, es notfalls auf einen offenen Konflikt im Regierungslager ankommen zu lassen, falls sich dort Pläne für eine Zuwanderungsreform verdichten. „Wenn Frau von der Leyen mehr will als Erleichterungen bei der Vorrangprüfung von ausländischen Arbeitnehmer, gibt es ein klares Nein der CSU“, sagte Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich bei der Klausurtagung der bayerischen Bundestagsabgeordneten in Wildbad Kreuth.

Bei der Vorrangprüfung geht es eigentlich um eine Sofortmaßnahme, die aus Sicht der Arbeitsministerin nur der Auftakt zu weiteren Reformen sein sollte: Ausländische Fachkräfte, die nicht gleich einen Arbeitsvertrag mit 66 000 Euro Jahresgehalt vorweisen können, dürfen bisher nur ins Land, wenn die Arbeitsagentur nachweislich keinen vergleichbaren deutschen Bewerber finden kann. Von der Leyen will diese Einzelfallprüfung zumindest für Berufe mit offenkundigem Bewerbermangel aussetzen.

Kommentare (5)

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Kräftemangel

07.01.2011, 14:32 Uhr

Leute, wie sollen sich Fachkräfte mit 40.000.- Euro Jahreseinkommen in München eine Wohnung leisten, geschweige denn Wohneigentum oder eine Familie gründen???
Nochmal, es gibt keinen Fachkräftemangel!!! Was es bei uns gibt sind Dumpinglöhne. Und das soll nach dem Willen der Wirtschaft auch so bleiben. Einen schönen Tag.

Jürgen

07.01.2011, 15:33 Uhr

Jeder, der klar bei Verstand ist, muss eingestehen, dass es einen Fachkräftemangel gibt bzw. in verstärkter Form in der Zukunft geben wird.

ich führe drei Argumente an:

1. Schon ein blick auf die Geburtenraten zeigt: die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegsgeneration gehen ab 2010 (1945 + 65 Jahre Rentenalter) in den Ruhestande. Die Stärke der Jahrgänge aus den 80er und 90er Jahren, die jetzt auf dem Arbeitsmarkt drängt, ist bis zu 400 000 pro Jahr geringer als die babyboomer-Generation. Und Produktivitätszuwächse können auch nicht einen Wegfall von 400 000 pro Jahr komplett ausgleichen. Wir müssen also den Arbeitskräfterückgang durch Zuwanderer begrenzen.

2. Manche bilden sich anscheinend ein, dass man unsere Arbeitslosen in großem Stil zu ingenieuren umschulen kann. Mehr Realitätsferne ist schwer vorstellbar :)

3. Die einfachen Arbeitsschritte werden im Rahmen einer globalen Arbeitsteilung immer mehr in billiglohnländer verlagert. infolgedessen muss sich Deutschland auf Forschung und die Produktion von Hochtechnologie konzentrieren. Dafür brauchen wir aber besser ausgebildete Fachleute in einer größeren Anzahl, als die, die wir bei uns ausbilden können.

ich plädiere dafür für mehr Zuwanderung von Fachkräften und Forschern und freue mich auf eine Diskussion mit anderen Lesern auf einem hohen inhaltlichen Niveau, das sich keiner Pauschalaussagen oder Parolen bedient.



@Jürgen

07.01.2011, 17:09 Uhr

Solange man sich hier als gut ausgebildeter ingenieur mit weniger als 40k abfinden muss gibt es keinen Mangel.

Die einzigsten die händeringend nach Fachkräften suchen sind ingenieursdienstleister aber die zahlen eben nur Hungerlöhne

Persönlich darf ich mich gerade in einem Studentenprojekt um geeignete Offshore Länder für die Entwicklung kümmern. Dies wird hier wiederum eingesetzt, um die lokalen Löne weiter zu drücken.

ich habe zum Glück aber schon eine Stelle ab Sommer in der Schweiz gefunden.... den Lohn den ich dort erhalte würde ich hier in 10 Jahren noch nicht verdienen.

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