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09.09.2012

17:22 Uhr

Fachkräftemangel

Ostdeutsche Firmen haben Nachwuchsprobleme

VonDietrich Creutzburg, Thomas Sigmund

Der Wettbewerb um die besten Köpfe des Landes ist hart. Wenn der Osten nicht schnell aufholt, fehlt es langfristig an Nachwuchs. Als Beispiel könne laut Roland Berger das System aus NRW dienen.

Ostdeutsche Firmen müssen ihren Nachwuchs besser an sich binden. dpa

Ostdeutsche Firmen müssen ihren Nachwuchs besser an sich binden.

Wenn die ostdeutschen Länder im Wettbewerb um gute Fachkräfte nicht aufholen, können sie den gerade erst erreichten Schwung beim Aufbau innovativer Wirtschaftsstrukturen nicht halten. Doch so klar die Analyse ist, so schwierig ist die Lösung.

Die Berater von Roland Berger empfehlen Baden-Württemberg als Vorbild bei der Fachkräftesicherung. Dank des leistungsfähigen dualen Ausbildungssystems und des engen Netzes praxisorientierter Fachhochschulen fänden Unternehmen dort reichlich qualifizierten Nachwuchs. "Der enge Kontakt mit den Unternehmen während der Ausbildung sorgt dafür, dass die Berufsstarter mit hoher Wahrscheinlichkeit im Land und in den Unternehmen bleiben", heißt es in der Studie.

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Die Aufholjagd des Ostens kommt zum Erliegen. Außer einigen „Leuchtturmprojekten“ hat Ostdeutschland kaum Erfolge vorzuweisen. Die ersten Politiker treten mit mehr Investitionsforderungen auf den Plan.

Dagegen finden aufstrebende Firmen in Ostdeutschland immer weniger Berufsnachwuchs. Während die Zahl der Lehrstellenbewerber in Deutschland laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag (DIHK) seit 2007 um 30 Prozent gesunken ist, betrug das Minus im Osten 50 Prozent. Und das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass der Anteil der Ostdeutschen im Erwerbsalter demografisch bedingt von bisher rund 66 Prozent auf nur noch 53 Prozent im Jahr 2050 sinken wird. Für Thüringen erwarten Experten bis 2020 einen Bedarf von mindestens 200 000 Fachkräften.

Zugleich kämpfen ostdeutsche Firmen beim Werben um qualifizierte Arbeitskräfte weiter gegen eine schier übermächtige Konkurrenz aus dem Süden und Westen: Wenn Daimler, Siemens & Co. mit Spitzengehältern und ihrem Weltruf locken, gehen allen anderen leicht die Argumente aus. Seit der Wende sind rund eine Million Menschen in den Westen umgezogen oder arbeiten als Pendler dort. Mit Rückkehragenturen und Kampagnen für gute Arbeitsbedingungen werben Landesregierungen für den Standort Ost.

Fragen und Antworten zum Länderfinanzausgleich

Was ist eigentlich der Finanzausgleich?

Das Hauptziel ist laut Grundgesetz die „Vereinheitlichung der Lebensverhältnisse“. Soll heißen: Die Starken helfen den Schwachen. Denn jedes der 16 Bundesländer hat aufgrund seiner wirtschaftlichen, geografischen und regionalen Besonderheiten unterschiedlich hohe Einnahmen. So regelt der Finanzausgleich seit Jahrzehnten die Verteilung der Einnahmen zwischen Bund, Ländern und Kommunen.

Und wie funktioniert das Ganze?

Zunächst werden die Steuereinnahmen zwischen Bund, Ländern und Kommunen aufgeteilt. In der ersten Stufe bekommen die „armen“ Länder etwas aus dem Topf mit den Umsatzsteuereinnahmen. Stufe zwei ist der Länderfinanzausgleich im engeren Sinn: Hier gleichen die starken Länder untereinander Einnahmeunterschiede aus. Und in der dritten Stufe schließlich beteiligt sich der Bund mit Zuweisungen.

Wer sind die „reichen Onkel“ und wer die „armen Schlucker“?

Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 7,308 Milliarden Euro zwischen den Ländern umverteilt - wobei vier Geberländern zwölf Nehmerländer gegenüberstanden. Am meisten musste Bayern „bluten“ - mit 3,66 Milliarden Euro. Hessen folgte mit rund 1,8 Milliarden Euro, dann Baden-Württemberg mit 1,78 Milliarden Euro. Die wohlhabende Hansestadt Hamburg steuerte noch rund 62 Millionen Euro bei. Größter Empfänger war Berlin mit über 3 Milliarden Euro. Bayern hing bis 1986 selbst am Tropf des Finanzausgleichs - wobei die Bayern betonten, dass sie heute Jahr für Jahr das einzahlen, was sie zuvor über Jahrzehnte insgesamt bekommen haben.

Was kritisieren die großen Geberländer?

Der Mechanismus hat mittlerweile dazu geführt, dass Bayern die Hälfte des Ausgleichs stemmen muss und Berlin knapp die Hälfte bekommt. Die Geber stoßen sich aber auch daran, dass zusätzliche Steuereinnahmen abgeschöpft werden. So hätten die Nehmer gar keinen Anreiz, sich mehr anzustrengen. Ein Dorn im Auge der Kritiker sind auch die „Privilegien“ der Stadtstaaten: Jeder Bremer, Hamburger und Berliner zählt beim Finanzausgleich das 1,35-fache eines normalen Bundesbürgers, um Sonderbelastungen einer Großstadt auszugleichen.

Was will Bayern mit seiner Klage nun erreichen?

Bayern hatte zusammen mit Baden-Württemberg und Hessen versucht, die Nehmerländer zu Gesprächen über eine einvernehmlichen Reform zu bewegen - hat diese Versuche nun aber für gescheitert erklärt. Nun will der Freistaat erreichen, dass Karlsruhe Bund und Länder zu einer raschen Reform verdonnert. Zwar läuft der jetzt geltende Finanzausgleich ohnehin 2019 aus - doch das ist Bayern zu spät. In der Sache fordert Bayern eine tiefgreifende Reform des gesamten Systems - mit mehr Leistungsanreizen für ärmere Länder und einer finanziellen Belastungsobergrenze für die Geberländer. Zudem will der Freistaat die Privilegien für die Stadtstaaten überprüft wissen.

Bayern hat schon einmal geklagt - doch was hat diese Klage gebracht?

1999 errangen die Geberländer in Karlsruhe einen Teilerfolg - mit der Folge, dass seit 2005 stärkere Leistungsanreize gelten. Die erhoffte Wirkung blieb aber weitgehend aus. Die bayerische Staatsregierung verweist aber darauf, dass die Klage dem Freistaat Jahr für Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag eingebracht habe.

Um die Region weiter voranzubringen, empfiehlt Roland Berger in dem Konzept "Zukunft Ost", das Hochschulwesen so durchlässig wie möglich zu machen. Als Vorbild gilt hier Nordrhein-Westfalen, das mit dem Projekt "Studium ohne Abitur" mehr Studienanfänger und damit akademisch ausgebildete Fachkräfte gewonnen hat. Die Studie empfiehlt auch eine Qualifizierungsoffensive für Geringverdiener und Hilfen für Jugendliche, die nicht reif für die Ausbildung sind.

Werben sollen die Länder zudem um Fachkräfte aus Griechenland, Spanien und Italien. Dazu sollten sie "systematische Anwerbe- und Berufsintegrationsprogramme" auflegen.

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