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07.01.2016

17:30 Uhr

Fakten zu Köln

Opfer, Täter und viele offene Fragen

VonJakob Blume

Eine Woche nach den massenhaften sexuellen Übergriffen auf Frauen in Köln bringt ein internes Polizei-Protokoll mehr Licht ins Dunkel. Was wir wissen – und was nicht: Der Überblick.

Merkel zu Silvester-Vorfällen in Köln

„Das sind widerwärtige und kriminelle Taten“

Merkel zu Silvester-Vorfällen in Köln: „Das sind widerwärtige und kriminelle Taten“

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KölnEin internes Protokoll der Bundespolizei, das dem „Spiegel“ und der „Bild“-Zeitung vorliegt, sorgt für Furore: Es steht im krassen Widerspruch zu den Aussagen des Kölner Polizeipräsidenten Wolfgang Albers, wonach die Polizei „nicht überfordert“ gewesen sei. Ein Überblick zur Faktenlage:

Der Einsatz

Was wir wissen: Neues Licht in die Ereignisse der Silvesternacht bringt ein Protokoll des Einsatzleiters einer Hundertschaft der Bundespolizei, das dem „Spiegel“ und der „Bild“-Zeitung vorliegt. Darin beschreibt der Beamte einen „Spießrutenlauf“ durch eine alkoholisierte Männermasse, den Frauen über sich ergehen lassen mussten. Eine Identifizierung der Täter sei unmöglich gewesen, weil zu viel zur gleichen Zeit geschehen sei.

Beamte sollen sogar durch enge Menschenringe daran gehindert worden zu sein, zu Hilferufenden vorzudringen. Feuerwerkskörper und Flaschen wurde in die Menge gefeuert. Angesichts der chaotischen Lage rechneten die Beamten mit zahlreichen Verletzten und sogar Toten. Diese Eindrücke stehen in krassem Wiederspruch zu den Äußerungen des Kölner Polizeipräsidenten. Der hatte versichert: „Wir waren nicht überfordert“.

Die Chronologie der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof

21.00 Uhr

Auf dem Bahnhofsvorplatz und der Domtreppe kommen nach Polizeiabgaben 400 bis 500 augenscheinlich betrunkene Menschen zusammen, sie sind teilweise aggressiv. Unkontrolliert werden Böller und Raketen abgebrannt.

23.00 Uhr

Gedränge vor dem Hauptbahnhof, mittlerweile sind mehr als 1000 Menschen zusammengekommen. Es handelt sich „ausschließlich um junge Männer“, wie die Polizei später berichtet. Nach wie vor werden Raketen abgeschossen, einige davon absichtlich in die Menge. Polizeidirektor Michael Temme beschreibt die Stimmung im Nachhinein als „aggressiv“.

23.15 Uhr

Teile der Menge werden von einigen Menschen eingekreist. Mehrere Handys sollen dabei gestohlen worden sein. Weiterhin werden Raketen und Böller gezündet.

23.30 Uhr

Die Polizei räumt die Domtreppe und den Bahnhofsvorplatz, aus Sicherheitsgründen und um eine Panik zu vermeiden, wie es heißt. Nach ihren Angaben beruhigt sich die Situation.

00.30 Uhr

Nach Angaben des „Kölner Stadt-Anzeigers“ herrscht am Hauptbahnhof eine aggressive Stimmung: Mindestens 200 angetrunkene junge Männer mit ausländischem Hintergrund pöbeln in der überfüllten Bahnhofshalle Passanten an und belästigen zahlreiche Frauen.

00.45 Uhr

Die Lage beruhigt sich laut Polizei zunächst. Der Zugang zum Hauptbahnhof wird wieder freigegeben, der Platz füllt sich erneut. Erste Strafanzeigen von betroffenen Frauen wegen Diebstahls, einige von ihnen berichten laut Polizei von sexuellen Übergriffen aus den Gruppen heraus auf Passanten. Es werden alle Beamten vor dem Hauptbahnhof zusammengezogen, knapp 150 Polizisten sollen im Einsatz sein. Frauen ohne Begleitung werden angesprochen und zum Bahnhofseingang begleitet. Es soll aber auch im Bahnhof Übergriffe geben. Dort ist allerdings nicht die Kölner Polizei zuständig, sondern die Bundespolizei.

04.00 Uhr

Nach Einschätzung der Polizei beruhigt sich die Lage wieder.

08.57 Uhr

In einer Pressemitteilung schreibt die Polizei, die Silvesterfeier „auf den Rheinbrücken, in der Kölner Innenstadt und in Leverkusen [sei] friedlich“ verlaufen. Die Vorgänge am Dom werden nicht erwähnt.

02. Januar, 17.00 Uhr

Kölns Polizei informiert jetzt auch über die Übergriffe. Es seien Anzeigen von 30 Betroffenen erstattet worden, eine Ermittlungsgruppe wird eingerichtet.

Was wir nicht wissen: Das Einsatzprotokoll ist offenbar ein internes Papier der Bundespolizei. Völlig unklar ist, wie die beiden Behörden Bundespolizei und NRW-Landespolizei zu diesen völlig unterschiedlichen Einschätzungen der Lage in der Silvesternacht kommen. Auch ist bislang unklar, wie die Kooperation der für den Bahnhof zuständige Bundespolizei und die für den Domvorplatz zuständige NRW-Landespolizei funktioniert hat. Ob bessere Absprachen zwischen Bundes- und Landesbehörden das Chaos hätte verringern können, bleibt ebenfalls zu klären.

Die Ermittlungen

Was wir wissen: Schon am zweiten Januar hat die Kölner Polizei eine neunköpfige Sonderermittlergruppe zusammengestellt. Diese wurde nach Polizeiangaben zunächst auf 30 Personen  aufgestockt und soll auf bis zu 80 Beamte anwachsen. Gegenüber Handelsblatt Online wies eine Polizeisprecherin den Vorwurf von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) kurz nach den Vorfällen zurück, die Polizei warte lediglich auf Anzeigen. Die Ermittler seien derzeit unter anderem damit beschäftigt, Videomaterial zu sichten und Zeugen zu vernehmen. Details wollte die Sprecherin aus ermittlungstaktischen Gründen nicht nennen.

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Die Kölner Polizei kommt mit ihren Ermittlungen voran. Gleichzeitig steigt die Zahl der Strafanzeigen.

Was wir nicht wissen: Unklar ist, wie die Polizei dem Verdacht der „Organisierten Kriminalität“ nachgeht. Es gilt zu klären, ob sich die Männer zu den massenhaften sexuellen Übergriffen verabredeten. Die Sprecherin der Kölner Polizei wollte nicht sagen, ob die Ermittler dafür auch auf Telefonüberwachung setzten. Unsicher ist ebenfalls, ob die Ermittlungen tatsächlich zu Verurteilungen führen. Der Kölner Bezirkschef des Bundes der Kriminalbeamten, Rüdiger Thust, räumt den Ermittlungen nur geringe Aussichten auf Erfolg ein.

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