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20.02.2013

19:39 Uhr

Falsch deklarierte Tiefkühlgerichte

Frankreich verteilt Pferdefleisch an Arme

In 34 amtlichen Proben ist bereits falsch etikettiertes Pferdefleisch aufgetaucht. Ministerin Aigner sieht den Handel in der Pflicht. In Frankreich wollen Hilfsorganisationen die eingezogenen Tiefkühlgerichte verteilen.

Eine Probe aus einem Fertiggericht wird im Labor untersucht. dpa

Eine Probe aus einem Fertiggericht wird im Labor untersucht.

Im europaweiten Pferdefleischskandal haben sich nun mehrere französische Hilfsorganisationen zu Wort gemeldet: Sie bitten darum, die aus dem Handel gezogenen Tiefkühlgerichte an Bedürftige verteilen zu dürfen. Voraussetzung sei aber, dass die Gesundheitsbehörde eine Garantie für die Unbedenklichkeit der Produkte gebe, sagte ein Sprecher des französischen Verbandes der „Lebensmittelbanken“, die landesweit etwa in Supermärkten Lebensmittel sammeln und an Initiativen weiterleiten.

Die Organisation „Secours Populaire“, die im vergangenen Jahr 181 Millionen Gerichte an 2,4 Millionen Bedürftige verteilte, schließt eine Verwendung der aus den Regalen genommenen Produkte wie Tiefkühl-Lasagne ebenfalls nicht aus. Allerdings müsse deren Etikettierung korrekt sein und beispielsweise die Präsenz und Herkunft von Pferdefleisch angegeben werden, sagte ein Sprecher.

Auch die populären „Restos du Coeur“ kündigten an, sie würden besonders auf die Rückverfolgbarkeit von Fleisch in Fertigprodukten achten. Das Rote Kreuz in Frankreich schließt hingegen eine Weitergabe der aus dem Verkehr gezogenen Tiefkühl-Gerichte aus. „Dies ist eine Frage der Würde“, betonte ein Sprecher. Die Organisation wolle die Ärmsten nicht stigmatisieren. „Wenn man nicht genug zu essen hat, bedeutet dies nicht, dass man isst, was andere nicht wollen.“

Die deutschen Behörden entdecken unterdessen immer mehr undeklariertes Pferdefleisch in Lebensmitteln. Bisher seien 34 von 485 amtlichen Proben positiv gewesen, sagte Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) am Mittwoch. Sie betonte die Verantwortung des Handels für die Qualität der Produkte. „Jeder Pizzabäcker weiß, welche Zutaten er verarbeitet. Auch große Handelskonzerne, die unsere ganze Republik beliefern, müssen jederzeit wissen, was drin ist in ihren Produkten und woher es kommt“, sagte Aigner der „Bild“-Zeitung.

Der Handelsriese Rewe wies Kritik an mangelnden Qualitätskontrollen der Branche zurück. „Die Unternehmen des Handels machen heute schon hundertfach mehr eigene Kontrollen als die Lebensmittelbehörden“, sagte Rewe-Vorstand Manfred Esser der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Der Handel habe erhebliche wirtschaftliche Schäden und Rufschaden infolge von Betrugsfällen. „Wir hatten Rindfleisch bestellt und dafür bezahlt, und nun haben wir in einzelnen Fällen Pferdefleisch in den Regalen.“ Esser nannte es erschreckend, dass „beinahe reflexartig“ mit Schuldzuweisungen an den Handel reagiert werde, bevor die Politik alle Möglichkeiten der Aufklärung ausgeschöpft habe.

Wer alles Pferd gefunden hat

Aldi Nord

In „Tiefkühl Penne Bolognese 750 g“ und „Gulasch 540 g Dose, Sorte Rind“ hat Aldi Nord Anteile von Pferdefleisch nachgewiesen. Das Gulasch des Lieferanten Omnimax sei nur in den Regionalgesellschaften im Raum Magdeburg, im Raum Süd-Ost-Berlin, in Süd-Ost-Brandenburg und in Hoyerswerda vertrieben worden. Die „Tiefkühl Penne Bolognese“ eines anderen Lieferanten sei in allen deutschen Filialen von Aldi Nord verkauft worden.

Ende Februar nahm Aldi Nord zudem Zigeuner Hacksteaks des Lieferanten Wingert Foods aus dem Sortiment.

Aldi Süd

Aldi Süd nahm Dosen-Ravioli und -Gulasch aus den Regalen. Bei Analysen wurden bei den Produkten nach Angaben des Discounters "Anteile von Pferdefleisch" nachgewiesen. Es handelt sich demnach um "Ravioli, 800 g Dose (Sorte Bolognese)" der Eigenmarke "Cucina" vom Lieferanten BLM sowie um "Gulasch, 450 g Dose (Sorte Rind)" des Lieferanten Omnimax, das ausschließlich in Nordrhein-Westfalen verkauft wurde.

Edeka

Edeka stellte in Stichproben von Lasagne der Eigenmarke "Gut & Günstig" nach eigenen Angaben "geringe Pferdefleisch-Anteile" fest. Der Verkauf des Tiefkühlprodukts wurde gestoppt. Deutschlands größte Supermarktkette prüft weitere Artikel. Bei anderen Produkten liegen demnach aber bislang "keine Hinweise auf vergleichbare Probleme" vor. Laut Verbraucherzentrale Hamburg wurden auch Filialen der regionalen Supermarktkette Konsum Leipzig in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit der Edeka-Lasagne beliefert.

Eismann

Eismann stellte in zwei Lasagne-Produkten Pferdefleisch fest. Den Verkauf der betroffenen Ware stoppte der Tiefkühl-Heimservice nach einem ersten Verdacht. Verbraucher können die Ware Eismann-Verkäufern zurückgeben und bekommen das Geld zurück. Weitere Produkte neben der Lasagne sind laut Eismann nicht betroffen.

Ikea

Tschechische Behörden haben Ende Februar in gefrorenen Hackbällchen („Köttbullar“) Pferde-DNA nachgewiesen.

Kaiser's Tengelmann

Kaiser's Tengelmann nahm Lasagne der Eigenmarke A&P aus dem Verkauf. Die Supermarktkette rechnet inzwischen fest damit, dass das Tiefkühl-Produkt neben Rindfleisch auch Pferdefleisch enthält. Kaiser's Tengelmann wurde eigenen Angaben zufolge vom französischen Hersteller Comigel offiziell informiert, dass die von ihm für seine Kunden hergestellten Fertiggerichte "durchgängig Anteile von Pferdefleisch enthalten". Kaiser's Tengelmann hat auch eigene Tests beantragt, deren Ergebnis noch nicht bekannt ist.

Lidl

Lidl stoppte in Deutschland den Verkauf von Rindfleisch-Tortelloni der Eigenmarke Combino, nachdem Kontrolleure in Österreich darin Anteile von Pferdefleisch gefunden hatten. Der Hersteller der Nudelprodukte, Hilcona aus dem Fürstentum Liechtenstein, erklärte, er verarbeite selbst kein Frischfleisch, sondern beziehe dieses von Lieferanten. Das mit Pferdefleisch durchsetzte Rindfleisch für die Tortelloni lieferte demnach die Firma Vossko aus Ostwestfalen. Sie wiederum prüft nun, welcher ihrer Lieferanten rohes Pferdefleisch als Rindfleisch verkaufte.

Real

Real rief "TiP Lasagne Bolognese, 400g, tiefgekühlt" zurück. Bei Laboruntersuchungen mit dem Produkt der Eigenmarke war in "einzelnen Stichproben" Pferdefleisch gefunden worden.

Rewe

Rewe nahm sowohl Produkte aus dem Sortiment, welche die Supermarktkette unter ihrem eigenen Namen verkaufte, als auch Produkte eines Markenherstellers. Betroffen sind "Rewe Chili con Carne" und "Rewe Spaghetti Bolognese", die laut Rewe vom Unternehmen SGS Geniesser Service hergestellt wurden, sowie "Mou Lasagne Bolognese" und "Mou Cannelloni Bolognese" der Marke Tulip. Bei den Produkten der Eigenmarke und des Markenherstellers konnten die Produzenten Rewe zufolge nicht ausschließen, dass diese Anteile von Pferdefleisch enthalten.

Nestlé

Bei Tests sei Pferde-DNA in zwei Nudel-Produkten nachgewiesen worden, für die ein deutsches Unternehmen Fleisch geliefert habe, teilte der Schweizer Konzern in einer Erklärung mit. Die in Italien und Spanien verkauften Sorten Buitoni-Rindfleischravioli und Rindfleisch-Tortellini seien daraufhin sofort freiwillig vom Markt genommen worden. In Deutschland würden diese Gerichte nicht vertrieben.

Laut Bundesverbraucherministerium wurden in den amtlichen Proben jeweils mehr als ein Prozent Pferdefleisch festgestellt. Daher müsse nicht nur von Spuren, sondern von einer Beimischung gesprochen werden. Weitere 18 Untersuchungen von Pferdefleisch auf Rückstände von Tierarzneimitteln seien negativ ausgefallen.

Auch die Staatsanwaltschaft Oldenburg beschäftigt sich mittlerweile mit dem Lebensmittelskandal. Die Behörde ermittelt gegen das niedersächsische Fleischunternehmen Schypke. Es bestehe der Verdacht, dass in dem Betrieb Pferdefleisch verarbeitet worden sei, sagte eine Sprecherin. Dies könne ein Verstoß gegen das Lebensmittel- und Futtermittelgesetz darstellen. „Wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen, wir produzieren weiter“, sagte Schypke-Vertriebschef Manfred Diekmann.

Der Vorsitzende des Bundestags-Verbraucherausschusses, Hans- Michael Goldmann (FDP), nannte es überlegenswert, dass die Wirtschaft einen Geldtopf zur Mitfinanzierung von Kontrollen einrichtet. „Es darf nicht sein, dass Betrügern durch eine schwierige Finanz- und Personalsituation in den Überwachungsbehörden ein Hintertürchen auf Kosten der Verbraucher geöffnet bleibt.“

Die SPD kritisierte, Aigners Krisenplan enthalte vor allem Prüfaufträge. Nötig seien rechtliche Schutzvorschriften für Mitarbeiter, wenn sie Lebensmittelskandale aufgedeckten, forderte die SPD-Verbraucherpolitikerin Elvira Drobinski-Weiß. Das geltende Verbraucherinformationsrecht verhindere zudem, dass Behörden die Namen von Pferdefleischprodukten und Herstellern nennen dürften. Die Grünen-Abgeordnete Nicole Maisch forderte Aigner auf, konkrete Regelungen zum Abschöpfen unrechtmäßiger Gewinne bei Lebensmittelverstößen vorzulegen.

Kommentare (11)

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Gast

20.02.2013, 19:48 Uhr

Ich bin nicht ganz sicher was ich, persönlich, davon halten soll. Einerseits durchaus gut, haben die Leute was zu essen, andererseits...

kraehendienst

20.02.2013, 20:10 Uhr

Makaber! Französisch? Niemand will es, also an die Armen. Wohl zentralistisch aus Paris angeordnet?

Account gelöscht!

20.02.2013, 21:09 Uhr

... erst können die Reichen reiten, dann die Armen essen - effektive Verwertungskette :)

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