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22.12.2016

18:31 Uhr

Familie über Terrorverdächtigen Amri

„Unser Junge war nie religiös“

Europaweit wird wegen des Attentats in Berlin nach dem 24-jährigen Tunesier Anis Amri gefahndet. Seine Familie ist erschüttert über die Nachrichten – sie hatte ihm 2011 bei der Ausreise aus Nordafrika geholfen.

„Wir können es alle nicht glauben“, sagt die Schwester. „Anis war nie religiös. Er hat getrunken, er hat gefeiert, er hat Popmusik gehört.“ dpa

Die Familie des mutmaßlichen Attentäters Anis Amri

„Wir können es alle nicht glauben“, sagt die Schwester. „Anis war nie religiös. Er hat getrunken, er hat gefeiert, er hat Popmusik gehört.“

TunisIn einem schmucklosen Zimmer in einer kleinen Stadt in den tunesischen Bergen hat sich die Familie des mutmaßlichen Berlin-Attentäters um einen niedrigen Tisch versammelt. Der kalte Wind weht durch die offene Tür, durch die pausenlos Nachbarn kommen. Alle fünf Schwestern sind da, zwei seiner Brüder, die Mutter mit den Berbertätowierungen im Gesicht, der alte Vater, der die linke Hand reicht, weil ihm der rechte Arm fehlt. Auf dem Tisch steht ein Bild von Anis, dem Jüngsten von insgesamt neun Geschwistern. „Ich kann es gar nicht glauben, dass Anis so etwas gemacht haben soll“, sagt die 28-jährige Schwester Najwa. Er habe doch noch am Sonntag angerufen. Einen Tag, bevor er in Berlin einen Lkw in einen Weihnachtsmarkt gesteuert und mindestens zwölf Menschen getötet haben soll.

„Wir können es alle nicht glauben“, sagt die Schwester, die mit Kopftuch und im Trainingsanzug in dem kleinen Zimmer sitzt. „Anis war nie religiös. Er hat getrunken, er hat gefeiert, er hat Popmusik gehört.“ Er sei ein ganz normaler Junge gewesen.

Wer ist Anis A.?

Seit wann ist er in Deutschland?

Anis A. kam im Juli 2015 nach Deutschland. Er sei „hochmobil“ gewesen, berichtet Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD). Er tauchte zunächst in Freiburg in Baden-Württemberg auf, dann in Nordrhein-Westfalen und Berlin – dort habe er seit Februar 2016 überwiegend gelebt.

Wie ist sein Status?

Sein Asylantrag war im Juni dieses Jahres vom zuständigen Bundesamt abgelehnt worden, die Behörden in Kleve (NRW) betrieben seine Ausweisung. „Der Mann konnte aber nicht abgeschoben werden, weil er keine gültigen Ausweispapiere hatte“, sagt Jäger. Tunesien habe zunächst bestritten, dass es sich um seinen Staatsbürger handele. Schließlich stellte das nordafrikanische Land aber doch Ersatzpapiere aus – sie seien an diesem Mittwoch eingetroffen – zwei Tage nach dem Anschlag. „Ich will diesen Umstand nicht weiter kommentieren“, sagt der NRW-Innenminister. Er hatte zuvor bereits mehrfach beklagt, wie schwierig es ist, nordafrikanische Straftäter in ihre Heimatländer abzuschieben.

Was weiß man über ihn?

Dem Geburtsdatum zufolge, dass für ihn angegeben ist, wird er an diesem Donnerstag 24 Jahre alt. Zuletzt tauschten sich die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern im November im Terrorismusabwehrzentrum in Berlin über ihn aus. Er verwendete mehrere Alias-Namen und wurde von mehreren Behörden als islamistischer Gefährder beobachtet. Er habe Kontakt zur radikal-islamistischen Szene gehabt, berichtet Innenminister Jäger. Die „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR berichteten von Kontakten zum Netzwerk des kürzlich verhafteten Hildesheimer Salafisten-Predigers Abu Walaa, laut Jäger der „Chefideologe“ der Salafisten-Szene. In Berlin war vom dortigen Generalstaatsanwalt gegen Anis A. ermittelt worden – wegen Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat. Initiiert worden sei dies vom Landeskriminalamt NRW, sagt Jäger. Das Verfahren sei möglicherweise zwischenzeitlich eingestellt worden, berichten Ermittler.

Gibt es Parallelen?

Ermittler sehen auffällige Parallelen zum Fall von Tarik B. Der Tunesier war im Alter von 24 Jahren im vergangenen Januar in Paris von der Polizei erschossen worden, als er Polizisten mit einem Schlachterbeil und dem Ruf „Allah ist groß“ angriff. Der Asylbewerber kam damals aus einer Unterkunft in Recklinghausen. Er hatte in sieben europäischen Ländern Asylanträge gestellt und 20 verschiedene Identitäten vorgetäuscht.

Zusammen mit vier anderen Jungs aus dem Viertel macht Anis Amri sich den Erzählungen seiner Familie zufolge im März 2011 auf den Weg über das Mittelmeer. Der Arabische Frühling ist gerade erst drei Monate alt. „Wir haben alle nicht damit gerechnet, dass sich irgendwas hier ändert“, erzählt die Schwester Najwa. Die Familie habe das Geld für den Schlepper von der Küstenstadt Sfax Richtung Italien zusammengekratzt, damit er es schafft. Anis ist damals 17 Jahre alt und ihm droht eine mehrjährige Haftstrafe wegen Diebstahls. Er soll einen Lkw geklaut haben, so die Anklage.

Zehntausende brechen damals an der tunesischen Küste auf. Viele kommen aus ähnlichen Verhältnissen wie Anis, aus kleinen Dörfern wie der 8000-Einwohner Stadt Oueslatia, wo die Straßen staubig sind, die Häuser niedrig und die Zukunft ungewiss. Sie hoffen auf ein besseres Leben in Europa. Für Anis Amri endet die Reise zunächst in einem Flüchtlingslager in Italien, dann folgen mehrere Jahre Haft in Italien, wie die Familie berichtet.

In dieser Zeit muss Amri radikalisiert worden sein, vermutet der Professor für Zeitgeschichte und Experte für Dschihadismus, Alaya Allani, von der Manouba Universität in der tunesischen Hauptstadt Tunis. „Er war jung und kam aus einer armen Familie, die Eltern waren getrennt, er hat die Schule nach acht Jahren verlassen“, sagt Allani. „Seine Radikalisierung steht im Zusammenhang mit seiner sozio-ökonomischen Situation“.

Tatverdächtiger Amri erschossen

Eindeutige Videoaufnahmen – Amri bekannte sich zum IS

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Zwar gilt Tunesien weltweit als einer der größten Exporteure von Kämpfern für den Islamischen Staat (IS) - Amerikanische Denkfabriken schätzen, dass bis zu 7000 Tunesier aufseiten der Terrormiliz in Syrien, im Irak und Libyen kämpfen - aber die große Radikalisierungswelle habe erst in den Jahren nach der Revolution, zwischen 2011 und 2014 stattgefunden. Da war Anis Amri in Italien in Haft.

Als er aus der Haft entlassen wird, die italienischen Behörden ihn aber nicht abschieben können, reist er nach Deutschland weiter. Er habe regelmäßig angerufen oder Nachrichten über Facebook geschrieben, erzählt seine Schwester Najwa. Einmal habe er auch ein Paket geschickt: Ein Handy und Schokolade. „Aber es war schwer für ihn. Er kam nicht gut zurecht, er wollte zurück nach Tunesien, das hat er in jedem Telefonat gesagt.“ Er habe sogar einen Anwalt eingeschaltet, damit seine drohende Haftstrafe aus der Jugend ausgesetzt wird. Die Mutter holt ein Schreiben vom 9. September diesen Jahres hervor: Ein Zeuge widerruft darin eine frühere Aussage, in der er Anis belastet hatte. Die Familie nimmt ernst, dass ihr Junge wirklich zurückkommen will und versucht alles, ihm zu helfen.

„Was ich nicht verstehe“, sagt Najwa: „Wenn Anis wirklich so gefährlich war und observiert wurde, warum hat man ihn nicht festgenommen?“ Die Frage schwebt unbeantwortet im Raum. Ein paar Wochen nachdem Anis in Deutschland ankommt, schickt er den Schwestern ein Foto: Er mit einer jungen blonden Frau im Arm. „Seine Freundin“, habe er gesagt. Für die Familie wäre das in Ordnung gewesen. So wie es für ihn egal gewesen sei, ob seine Schwestern Kopftuch tragen oder nicht.

„Ich will nur, dass die Wahrheit herauskommt“, sagt Anis Mutter Nur el-Houda. Sie weint die ganze Zeit mit den Schwestern: um den Sohn, weil sie das schlimmste befürchtet. „Wir beten mit den Opfern, so oder so.“

Von

dpa

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