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11.11.2014

11:41 Uhr

FDP-Chef Lindner im Interview

„Viele wählen CDU – aber mit schlechter Laune“

VonNils Rüdel, Oliver Stock

Christian Lindner rechnet ab: Merkel wickle ihre Agenda-Politik ab, Taxifahrer verfluchten die Arbeitsministerin, die AfD mache „Biedermeier-Politik“. Der FDP-Chef im Interview über Prinzipien und Fehler seiner Partei.

Christian Lindner: Die FDP bei drei Prozent - „Abwarten!“, mahnt ihr Chef im Interview mit Handelsblatt Online. Lena Böhm

Christian Lindner: Die FDP bei drei Prozent - „Abwarten!“, mahnt ihr Chef im Interview mit Handelsblatt Online.

DüsseldorfChristian Lindner kommt ein paar Minuten zu spät zum Interview-Termin in seinem Büro im Düsseldorfer Landtag. Er wirkt aufgebracht, soeben hat er im Plenum die rot-grüne Landesregierung attackiert, wegen der geplanten Erhöhung der Grunderwerbsteuer. Für Familien sei das unzumutbar, schimpft der FDP-Chef, als stünde er noch am Rednerpult. Kurze Zeit später entspannt sich Lindner dann wieder. Jetzt habe er sich abgeregt, sagt er. Nun könne das Interview beginnen.

Herr Lindner, Deutschland ist genervt vom Bahnstreik und vom Chef der Lokführer-Gewerkschaft GDL. Sie auch?
Die Funktionäre der GDL und ein offensichtlich überambitionierter Vorsitzender haben das ganze Land für Partikularinteressen lahmgelegt. Die Koalitionsfreiheit des Grundgesetzes haben die verantwortungslos ausgelegt. Freiheit ohne Verantwortungsgefühl führt ins Chaos. Was diesen Mann reitet, ist mir schleierhaft. Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Hexenjagd auf den GDL-Vorsitzenden als Person mit Enthüllungen aus dem Privatleben ist einer zivilisierten Gesellschaft unwürdig.

Die Bundesregierung will mit der Tarifeinheit die Macht von Spartengewerkschaften wie der GDL eindämmen. Gut oder schlecht?
Ich bin zuerst gespannt, ob das verfassungsrechtlich Bestand haben wird. Die Hürden sind sehr hoch, denn eine Einheitsgewerkschaft kennt das Grundgesetz zu Recht nicht. Im Arbeitsrecht sind Klarstellungen denkbar. Es muss in unserer Gesellschaft erlaubt sein, von Entscheidungsträgern Verantwortungsbewusstsein zu verlangen. Im Übrigen gibt es für Reisende ja als Alternative eine Reihe von privaten Verkehrsangeboten.

Das ist Christian Lindner

Heimat

Christian Lindners Heimat ist das Bergische Land. Geboren wurde er am 7. Januar 1979 in Wuppertal, aufgewachsen ist er in Wermelskirchen.

Studium

Der Wermelskirchener studierte Politikwissenschaft, Öffentliches Recht und Philosophie an der Rheinischen Friedrich‐Wilhelms‐Universität Bonn und schloss sein Studium 2006 mit einem Magister Artium ab. In seiner Magisterarbeit am Institut für politische Wissenschaft beschäftigte er sich mit dem Thema „Steuerwettbewerb und Finanzausgleich. Kann die Finanzverfassung reformiert werden?“. Anschließend begann er mit der Abfassung seiner Dissertation, die er aufgrund seiner politischen Tätigkeit aber bisher nicht abgeschlossen hat.

Beruflicher Start

Von 1997 bis 2004 war Lindner Inhaber einer Werbeagentur sowie Mitgründer eines Internet‐Unternehmens. In dieser Zeit gab er zwei Fachbücher heraus.

Politischer Werdegang

Mit 16 trat er der FDP bei. Von 1996 bis 1998 war er Landesvorsitzender der Liberalen Schüler NRW und Vorstandsmitglied der Jungen Liberalen NRW.

Gestalter in Düsseldorf

Seit 1998 ist Linder Mitglied des NRW-Landesvorstandes der FDP. Von 2000 bis 2009 war er Abgeordneter des nordrhein‐westfälischen Landtags, wo er die Themen Generationen, Familie, Integration sowie Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie verantwortete, seit 2005 als stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Von 2004 bis April 2010 war Lindner zugleich Generalsekretär des FDP‐Landesverbandes Nordrhein‐Westfalen.

Von Düsseldorf nach Berlin

2009 wechselte Lindner in den Deutschen Bundestag und wurde zum Generalsekretär seiner Partei berufen. Dieses Amt gab er im Dezember 2011 zurück. Sein Bundestagsmandat gab er im Zuge der NRW‐Landtagswahl im Juli 2012 auf.

An die Spitze der FDP

Lindner ist seit der Landtagswahl im Mai 2012 Mitglied des Landtages (Rheinisch-Bergischer Kreis) sowie Vorsitzender der Landtagsfraktion und des Landesverbandes der FDP in Nordrhein‐Westfalen. Nach einer historischen Zäsur für die FDP bei der Bundestagswahl 2013 wurde er am 7. Dezember des selben Jahres zum Bundesvorsitzenden der FDP gewählt.

Privates

Lindner ist seit August 2011 mit der „Zeit“-Journalistin Dagmar Rosenfeld-Lindner verheiratet.

Aber viele sind es nicht. Wenn ich nach Frankfurt muss und nicht die Deutsche Bahn nehmen will, wird es schwierig.
Da haben sie aber eine andere Wahlmöglichkeiten. Es ist ein Liberalisierungserfolg meiner Partei, dass Sie neuerdings einen Fernbus nehmen können.

Schon mal probiert?
Steht auf meiner To-do-Liste. Ich höre von großer Zufriedenheit. Jedenfalls hat die Bahn, auch dank der FDP, einen Wettbewerber. Das ist der positive Nebeneffekt des Streiks: Man lernt plötzlich, dass es da auch andere Möglichkeiten gibt.

Ähnliches haben sich zuletzt wohl auch Wähler gedacht und ihr Kreuz woanders als bei der FDP gemacht. Wie sehr schmerzt es Sie, nicht mehr in der Bundespolitik dabei zu sein?
Natürlich würde ich gerne der Frau Bundeskanzlerin am Rednerpult des Deutschen Bundestags sagen, dass mich ihre Politik regelrecht empört. Deutschland hat die Chancen, unsere gegenwärtige Stärke für die Generation der Kinder und Enkel zu sichern. Wir müssen unser Wissen und unser Kapital klug investieren, die Wettbewerbsfähigkeit ausbauen und einen neuen Gründergeist fördern. Stattdessen wird die Agenda-Politik abgewickelt, der Wohlstand nur neu verteilt und ansonsten Besitzstandswahrung betrieben.

Andererseits denken ja viele: Kanzlerin Merkel macht einen guten Job, läuft doch eigentlich alles ganz okay in Deutschland.
Die Koalition lebt im Status Quo. Bei allem Respekt vor der Lebensleistung der Älteren: Wer nur Interessen und Ängste der Rentner bedient, versündigt sich an deren Enkeln. Der Deutsche Bundestag ist zur Vollversammlung der Sozialdemokratie geworden. Statt die Anpassungsfähigkeit für innovative Lösungen zu stärken, bekommen wir Preiskontrollen bei Löhnen und Mieten. Schwarz-Rot verfolgt eine planwirtschaftliche Energiepolitik, die den Fortschritt bremst, weil die Dauersubventionen alle Wettbewerbsanreize killen. Das Rentenpaket ist ein Frühverrentungsprogramm, das den Fachkräftemangel verschärft. Modern wäre, die Selbstbestimmung zu stärken und längeres Arbeiten attraktiv zu machen. Es werden zentrale Freiheiten der marktwirtschaftlichen Ordnung in der Tradition von Ludwig Erhard und Otto Graf Lambsdorff eingeschränkt. Mich überrascht, dass wenig Protest aus der Mitte der Gesellschaft gibt.

Kommentare (48)

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Frau Ute Umlauf

11.11.2014, 11:53 Uhr

LINDNER ... 2x Insolvenz angemeldet!
Der Vogel soll lieber schweigen. Die FDP ist Geschichte ... tot ... mausetot!

Frau Annette Bollmohr

11.11.2014, 12:06 Uhr

„Die FDP ist Geschichte“

Stimmt. Die hatten ihre Chance. Sie haben sie nicht genutzt.
Die FDP ist heute zur reinen Klientelpartei verkommen.
So eine Partei braucht kein Land.

Ich hoffe sogar, wir brauchen in nicht allzu ferner Zukunft überhaupt keine Parteien mehr.

G. Nampf

11.11.2014, 12:07 Uhr

„Viele wählen CDU – aber mit schlechter Laune“

Nein, viele FDP-Stammwähler wählen AfD (mit einem SEHR guten Gefühl).

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