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08.01.2008

07:06 Uhr

FDP

Die Merz-Gerhardt-Connection

VonThomas Sigmund

ExklusivDie Debatte über ein Grundsatzpapier des früheren FDP-Parteichefs Wolfgang Gerhardt endete wie das Hornberger Schießen. Seine Parteifreunde schenkten dem Entwurf zwar wenig Beachtung, Gerhardt verschwieg ihnen dafür aber den ursprünglich vorgesehenen Mitautor. Denn dieser ist der wohl letzte bekannte und überzeugte CDU-Wirtschaftspolitiker.

Quelle: dpa

BERLIN. Geschichte wiederholt sich. Wie die des „Hornberger Schießens“. Das Städtchen in Baden-Württemberg ist weltberühmt durch folgende Begebenheit: Herzog Christoph von Württemberg plante 1564, seine Hornberger zu besuchen. Die treuen Untertanen wollten ihn mit Salut und allen Ehren empfangen. Als sich aus der Ferne eine große Staubwolke näherte, jubelten sie, und die Kanonen donnerten. Doch hinter der Staubwolke steckte nicht der Herzog, sondern es erschien nur eine Postkutsche.

Fast genauso spielte sich die Geschichte über ein Strategiepapier ab, diesmal zwar beim diesjährigen Dreikönigstreffen der Liberalen, dafür aber auch im Schwabenland in Stuttgart. Hinter der Staubwolke vermutete die Basis im voll besetzten Staatstheater statt des Herzogs den früheren hessischen Löwen und Parteichef Wolfgang Gerhardt. Der hatte im Vorfeld ein Papier mit dem Titel „Für Freiheit und Fairness“, gewürzt mit einer „One-Man-Show“-Bemerkung über seinen Nachfolger Guido Westerwelle, mit auf die Reise genommen.

Doch nachdem sich die Staubwolke verzogen hatte, kam keine Debatte über Inhalte oder das Erscheinungsbild der Partei heraus, sondern – nichts. Gerhardt saß bei seinem Einzug im Staatstheater bildlich gesprochen in der Postkutsche, winkte dem applaudierenden Volk zu, streckte den Daumen nach oben und schwieg. Westerwelle stand dagegen auf der Staatstheater-Bühne, sagte zu dem 18-seitigen Freiheitsprogramm seines Vordenkers kein einziges Wort, die Bemerkung zur „One-Man-Show“ bedachte er innerlich verärgert, äußerlich mit freundlichen Worten.

Parteifreunde von Gerhardt machten sich dagegen die Mühe und analysierten das „freiheitliche Politikangebot“: FDP-Fraktionsvize Birgit Homburger rümpfte die Nase: Darin stehe nichts Neues, über die dort erhobenen Forderungen gebe es eine große Übereinstimmung in der Partei. Der FDP-Finanzpolitiker Hermann Otto Solms meinte, inhaltlich lese man nur schon Bekanntes.

Ob die FDP-Parteispitze auch so reagiert hätte, wenn sie den Namen des ursprünglich vorgesehenen Mitautors des Papiers gekannt hätte? Zwar gab es harte Dementis aus der FDP, die für ziemliche Verwirrung in den Nachrichtenagenturen sorgten. Doch es ist nach sicherer Information des Handelsblatts Friedrich Merz. Der wohl letzte bekannte und überzeugte CDU-Wirtschaftspolitiker reiste Ende des Jahres zum Bundesparteitag in Leipzig verärgert über den Linksrutsch seiner Partei gar nicht an. Dafür traf er sich zuvor mit Gerhardt, um ein gemeinsames Positionspapier zu schreiben. Erscheinen sollte es sensiblerweise nach dem CDU-Parteitag. Nur dazu gekommen ist es nie. ,,Ich hätte gern ein gemeinsames Papier mit Friedrich Merz gemacht, weil es mit Sicherheit eine Wirkung erzielt hätte hinsichtlich der Marktwirtschaftspolitik der Großen Koalition“, sagte Gerhardt gestern dem Handelsblatt. Es hätte auch ein freiheitlicher, fraktionsübergreifender Politikentwurf von zwei Persönlichkeiten und damit ein Beitrag zur politischen Kultur sein können.

Doch Merz zog nach der Meldung der „Bild“-Zeitung „Größte Sensation des Jahres: Merz und Gerhardt verfassen gemeinsames Positionspapier“ überraschend zurück. „Daraufhin habe ich eine Neufassung geschrieben“, erzählte Gerhardt. Die Textpassagen habe er in aller Ruhe Satz für Satz selbst formuliert. „Ich wollte, dass das Papier authentisch von mir ist“, versicherte er. Zu den Ausstiegsgründen von Merz wollte er nichts sagen: „Das ist Merz’ Entscheidung gewesen.“

Der wollte auf Anfrage zunächst überhaupt nichts sagen, bestätigte dann aber die gemeinsamen Projektpläne. Immerhin ließ er sich zu dem Satz verleiten: „Gerhardt ist nichts hinzuzufügen“ – stieg in die Postkutsche und fuhr in die Staubwolke.

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