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20.01.2013

19:18 Uhr

FDP holt zehn Prozent

Sieg auf Leihbasis

In Niedersachsen gelingt der FDP und ihrem Chef Philipp Rösler ein sensationelles Comeback. Um die zehn Prozent liegen die Liberalen bei Röslers „Schicksalswahl“. Die Freude scheint groß, aber ist sie bei allen echt?

Haben Grund zum Jubeln: FDP-Chef Philipp Rösler (r) und Stefan Birkner, Spitzenkandidat der FDP für die Landtagswahl in Niedersachsen. dpa

Haben Grund zum Jubeln: FDP-Chef Philipp Rösler (r) und Stefan Birkner, Spitzenkandidat der FDP für die Landtagswahl in Niedersachsen.

BerlinAls die große Zahl auftaucht, ist Philipp Rösler im dritten Stock des Thomas-Dehler-Hauses. Im Präsidiumszimmer haben sich die Schwergewichte der FDP versammelt. Um 18.00 Uhr starren alle auf die Fernseher. Viel geredet wird nicht. Dann die ersten Prognosen: 10.0 Prozent. Sicher im Landtag von Hannover, dazu das beste Ergebnis seit der Bundestagswahl 2009. Die Freude scheint groß, aber ist sie bei allen echt?

Unten im Foyer liegen sich die Anhänger in den Armen. Rösler zeigt sich noch nicht. Er will abwarten, ob es in Hannover auch für Schwarz-Gelb reicht. Um 18.24 Uhr schickt er seinen Generalsekretär allein vor die Kameras. „Heute Abend sind wir alle Niedersachsen“, freut sich Patrick Döring. Die FDP habe Nerven bewahrt und auf Programme, Konzepte und Persönlichkeiten gesetzt.

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Kommentar

Kein schöner Land ohne die FDP

Die FDP schneidet in Niedersachsen besser ab, als irgend jemand erwartet hat. Das überrascht nicht nur die Gegner von FDP-Chef Rösler. Es scheint, als wäre ein Land ohne die Liberalen doch nicht im Sinne der Republik.

Nach Putsch riecht es in der ersten Stunde des Wahlabends nicht mehr. „Philipp Rösler ist Niedersachsen. Ein Erfolg in Niedersachsen ist ein Erfolg Philipp Röslers“, ruft Döring in die Menge, die begeistert klatscht. Auch der Kieler Fraktionschef Wolfgang Kubicki räumt ein: „Philipp Rösler wackelt nicht.“ Die FDP werde nun in den nächsten Tagen „in aller Ruhe und mit Gelassenheit“ ihre Personalfragen entscheiden. Ein Vorziehen des Parteitags sei nach dieser Wahl vom Tisch.

Über neun Prozent – dem überregional unbekannten Spitzenkandidaten Stefan Birkner, ein Rösler-Freund und Ex-Richter, traute das in der Bundespartei niemand zu. Das Duo Birkner/Rösler toppt sogar die Siege aus dem Vorjahr, als die FDP-Popstars Christian Lindner und Kubicki je über acht Prozent in NRW und Schleswig-Holstein erreichten.

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Die FDP hat den Einzug in den Landtag klar geschafft, auf Kosten der CDU.

Doch wie groß ist Röslers Anteil an dem Sieg tatsächlich? Hinter den Kulissen flüstern am Abend die ersten Alphatiere, man dürfe sich von der großen Zahl nicht blenden lassen. Die CDU-Leihstimmen hätten die FDP gedopt. Für die Bundestagswahl im September ist dieser Sieg auch eine Gefahr. Kanzlerin Angela Merkel dürfte großes Interesse haben, dass ihre Union nicht noch einmal so viele Stimmen an die FDP verschenkt.

Mancher in der FDP-Spitze hätte insgeheim wohl eine Niederlage oder ein mageres Ergebnis rund um fünf Prozent in Kauf genommen – nur um Rösler rasch zu stürzen. Ein Königsmord aber nach fast 10 Prozent, das dürfte ziemlich schwierig sein.

Die Analyse in Präsidium und Vorstand am Montag verspricht Spannung. Wird der Parteitag noch von Mai auf März vorgezogen, wie es die Rösler-Gegner Brüderle und Lindner verlangt haben? Rösler könnte das kalt lächelnd abblocken. Warum soll er sich bewegen. „Rösler hat bewiesen: Er kann Wahlkampf“, sagt ein Vertrauter des Vizekanzlers.

Niedersachsen war intern als Schicksalswahl für den jungen Chef ausgerufen worden. Nun hat der 39-Jährige ein Traumergebnis in seiner Heimat geholt – wo einst sein rasanter Aufstieg vom vietnamesischen Waisenkind zum Vizekanzler begann.

Der Wirtschaftsminister aber muss jetzt aufpassen, seinen Erfolg nicht übermütig zu verspielen. Das passierte ihm nach der Bundespräsidentenwahl, als er sich nach dem Gauck-Coup über die Kanzlerin lustig machte.

Fairerweise müsste die Partei Rösler nun eine Weile in Ruhe lassen. Fair play aber gilt nicht unbedingt als Stärke in der FDP. Das gegenseitige Vertrauen ist äußerst begrenzt.

Von

dpa

Kommentare (6)

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Radek

20.01.2013, 19:48 Uhr

Zunächst einmal, "Leihstimmen" gibt es nicht, Stimmen können nicht "verliehen" werden, das bedeutete, diese Stimmen müssten und könnten auch wieder "zurückgegeben" werden. Das wäre ein Witz.
Es handelt sich hier um Wähler, die strategisch gewählt haben, weil sie die GrünSozi-Koalition nicht wollten und solches durch ihre Stimmabgabe zum Ausdruck brachten.
Das ist absolut legitim.
Man muss die FDP und auch Herrn Rösler nicht unbedingt mögen, um seine Partei gewählt zu haben, Leute wie der Steinbrück-Freund Kubicki und sein Wasserträger Niebel haben heute allerdings das Nachsehen, was man nicht unbedingt bedauern muß.

KeinPlatzFuerSchaumschlaeger

20.01.2013, 20:03 Uhr

Schaumschläger haben in der Politik Hochkonjunktur und dahingehend wird beständig jedes Wahlergebnis interpretiert. Deutschland ade.

Account gelöscht!

20.01.2013, 20:30 Uhr

Wenn eine Partei, die inhaltlich keiner will und keiner braucht, allein als Mehrheits-Beschaffer mehr als 10 Prozent der Stimmen bekommt, ist das für mich ein Tiefpunkt der Politik.

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