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23.08.2015

23:06 Uhr

Fernseh-Sommerinterviews

„Riesenschande“ ist Gabriel wichtiger als die K-Frage

VonChristian Bartels

In ihren Sommerinterviews zeigte sich Horst Seehofer streitlustig und Sigmar Gabriel staatsmännisch gegenüber den „K-Frage“-versessenen Journalisten. Einig waren sich die beiden in ihrer Kritik am Berliner Journalismus.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) vor Beginn des ARD-Sommerinterview am Sonntag in Berlin. dpa

ARD-Sommerinterview mit Sigmar Gabriel

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) vor Beginn des ARD-Sommerinterview am Sonntag in Berlin.

BerlinSommerinterviews satt gab es noch mal an diesem Sonntag. Zunächst wurde Sigmar Gabriel auf der Terrasse eines Bundestagsgebäudes über der Spree für die ARD befragt. Der SPD-Vorsitzende und Bundeswirtschaftsminister wollte nicht nur einmal aufs Thema Flüchtlinge zu sprechen kommen. Doch die Interviewer Tina Hassel und Rainald Becker wollten beharrlich erst mal ausgiebig die „heiß diskutierte K-Frage bei den Sozialdemokraten“ bereden, Gabriels „bleierne“ Umfragewerte und den schon lange überall durchkauten Vorschlag des Kieler Ministerpräsidenten Torsten Albig, die SPD solle bei der nächsten Wahl gegen Merkel auf einen eigenen Kandidaten zu verzichten.

Hassel fragte Gabriel sogar, ob er „hier und jetzt sagen“ wollen, dass er selber Kanzlerkandidat für 2017 werden will. Überraschung - das wollte Gabriel nicht. Geduldig gab er zurück, dass die SPD diese Entscheidung „in etwas mehr als einem Jahr“ treffen sollte. Dann hatte er sogar ein paar Thesen für die schlechten Bundestagswahlergebnisse seiner Partei parat, etwa die eines „Zusammenhangs zwischen Armut und Nichtwähler-Verhalten“ insbesondere in der SPD-nahen Wählerschaft.

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Es sind noch mehr als zwei Jahre bis zur Bundestagswahl, doch die SPD diskutiert bereits jetzt über Kanzlerkandidaten. Mit dem Ergebnis, dass sie keine hat, denen sie den Sieg zutraut.

Nach dem so obligatorischen wie überflüssigen Einspielfilmchen, das launig-flapsig noch einmal alles zusammenzufassen versuchte, was politikinteressierte Zuschauer ohnehin wissen, beschwerte Gabriel sich dann über „den Berliner Journalismus“, der Dinge in die Welt setze, die nicht stimmen. Zum Einen habe die SPD beim Thema Vorratsdatenspeicherung gar nicht ihre Meinung geändert, sondern die von 2011 beibehalten, zum Anderen habe er nicht bei einer Pegida-Veranstaltung diskutiert, sondern bei einer der Landeszentrale für politische Bildung. Zumindest über die Vorratsdatenspeicherungs-Frage hätte sich diskutieren lassen - doch zum Auseinanderdröseln schwierigerer Themen sind 20-minütige Sommerinterviews nicht gedacht.

Bezeichnend, wie die Interviewer auf Gabriels Kritik reagierten: überhaupt nicht. Offenbar haben andere Redakteure das Filmchen verantwortet. Hassel und Becker war die Kritik einfach gleichgültig.

Immerhin ging es anschließend um wichtigere Themen als den SPD-Kanzlerkandidaten 2017. Gabriel sprach staatsmännisch über die Flüchtlingsfrage als „größte Herausforderung seit der Wiedervereinigung“. Er lobte die “unfassbar große Hilfsbereitschaft“ der Deutschen und variierte seine Formulierung, dass die Haltung einer “Mehrzahl der EU-Mitgliedsstaaten“ zu den Flüchtlingen von anderen Kontinenten eine „Riesenschande“ darstelle. Da handele es sich wohl um ein Missverständnis der EU, die aber „keine Zugewinn-, sondern eine Wertegemeinschaft“ sei.

Seiner eigenen Anregung, auf die Flüchtlingsfrage nicht parteipolitisch zu reagieren, folgte Gabriel und machte den gelassen staatsmännischen Eindruck, den er sich vorgenommen hatte.

Fazit I: Gegen Ende der parlamentarischen Sommerpause, die im heißen Sommer 2015 wegen der an vielen Ecken brisanten Lage kaum aufgefallen ist, zeigte der SPD-Vorsitzende sich in erheblich besserer Form als die ARD-Hauptstadtreporter.

Auch an einem Fluss, aber etwa 500 Kilometer südlich im, wie Interviewer Thomas Walde es nannte, „herrlich unaufgeregten“ Altmühltal ging das Seehofer-Interview so los, wie Gabriel an der Spree es sich gewünscht hätte.

Walde konfrontierte den bayerischen Ministerpräsidenten mit “markanten Sprüchen“ von ihm und anderen CSU-Politikern, etwa dem vom “Sozialamt für die ganze Welt“, das Deutschland nicht sein könne.

Zahlen und Fakten zu Flüchtlingen

219.000 Menschen...

...flohen laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35.000.

3500 Menschen...

...kamen 2014 bei ihrer Flucht ums Leben oder werden vermisst; im laufenden Jahr sind es bis zum 20. April 1600.

170.100 Flüchtlinge...

...erreichten 2014 über das Meer Italien (Januar bis März 2015: mehr als 10.100); weitere 43.500 kamen nach Griechenland, 3500 nach Spanien, 570 nach Malta und 340 nach Zypern.

66.700 Syrer...

...registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex 2014 bei einem illegalen Grenzübertritt auf dem Seeweg, 34.300 Menschen kamen aus Eritrea, 12.700 aus Afghanistan und 9800 aus Mali.

123.000 Syrer...

...beantragten im vergangenen Jahr in der EU Asyl (2013: 50.000).

202.700 Asylbewerber...

...wurden 2014 in Deutschland registriert (32 Prozent aller Bewerber), 81.200 in Schweden (13 Prozent) 64.600 in Italien (10 Prozent), 62.800 in Frankreich (10 Prozent) und 42.800 in Ungarn (7 Prozent).

Um 143 Prozent...

...stieg die Zahl der Asylbewerber im Vergleich zu 2013 in Italien, um 126 Prozent in Ungarn, um 60 Prozent in Deutschland und um 50 Prozent in Schweden.

Mit 8,4 Bewerbern...

... pro tausend Einwohner nahm Schweden 2014 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge auf. Es folgten Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), Dänemark (2,6) und Deutschland (2,5).

600 000 bis eine Million Menschen...

...warten nach Schätzungen der EU-Kommission allein in Libyen, um in den nächsten Monaten die Überfahrt nach Italien oder Malta zu wagen.

Seehofer reagierte wie Gabriel auf den Einspieler reagiert hatte: mit grundsätzlicher Kritik am Journalismus, „den ich nicht für qualitätsorientiert halte“. Der greife immer einzelne Sätze heraus und stelle Themen „ausschnittartig“ dar, statt zu differenzieren.

Walde nahm das so nicht hin. Das in der Sache scharfe, in der Form freundliche Gegeneinander der beiden führte zu ein paar aufschlussreichen Momenten. So sprach Seehofer sich gegen Besuche von Spitzenpolitikern in Flüchtlingsheimen vor Kameras aus, um nicht „Öffentlichkeitsarbeit auf dem Rücken der Flüchtlinge“ zu machen. Ob er selbst aber tatsächlich ohne Kameras eines besucht hatte, wollte er nicht ausdrücklich sagen.

Kommentare (17)

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Frau Annette Bollmohr

24.08.2015, 08:22 Uhr

Gabriel ist Inhalt offenbar wichtiger als Form. Was nur für ihn spricht.
Zumal bis 2017 noch sehr vieles ändern kann - und muss!!

"Missverständnis dass EU (...) keine Zugewinn-, sondern eine Wertegemeinschaft“.
Da sagt er was. Aber wie will er da was dran ändern?
Also bleibt wohl alles erstmal so wie es ist.

Mit dem "Demokraten" Orbán in der Mitte...

So bräsig-arrogant wie bislang kann "die Politik" die Dinge jedenfalls nicht länger vor sich herlaufen lassen (bzw. vor sich herschieben).

Zu den Ausschreitungen Rechter:

Wenn Menschen in verzweifelter Lage mit Menschen zusammenprallen, die materiell zwar bessergestellt sind, sich in anderer Hinsicht aber offenbar in einer noch trostlos-perspektivloseren Lage befinden, knallt es offenbar immer. Im Osten scheint das noch weitaus häufiger der Fall zu sein als hier im Westen.

Da helfen keine "Ansagen von oben", da müssen die Leute selber und zusammen nach einer Lösung suchen.

Bis die strukturellen Voraussetzungen dafür geschaffen sind, das sie das auch können, hält man sie besser auseinander, statt sie aufeinander loszulassen!!!

Zur EU-Flüchtlingspolitik:
Stacheldrahtzäune, Tränengas, Knüppel.
Ekelhaft.

Hinzunehmen, wie derzeit immer häufiger mit anderen Menschen umgegangen wird, spricht jedem Anspruch, als zivilisiert zu gelten, Hohn. Und jeder Menschlichkeit auch.
Das sind keine Tiere, auf die es Jagd zu machen gilt. Das sind Menschen wie wir, die sich in einer weitaus unglücklicheren Situation befinden.

Es müssen endlich die URSACHEN der Flüchtlingsströme angegangen werden.
Die Flüchtlinge würden weiß Gott lieber zu Hause, in der vertrauten Heimat, bleiben, wenn sie nur könnten.
Können sie aber nicht.
Sie haben meistens nicht mal mehr eins, in das sie zurückkehren könnten (so wie wir uns nach dem Urlaub meist auf "zu Hause" freuen).

Und um sich so schnell wie irgend möglich ein neues aufbauen zu können, brauchen sie unsere Hilfe. Die sollten wir ihnen schon aus Eigeninteresse unbedingt gewähren.

Herr Helge Puhlmann

24.08.2015, 09:34 Uhr

@Bollmohr: "Es müssen endlich die URSACHEN der Flüchtlingsströme angegangen werden.
Die Flüchtlinge würden weiß Gott lieber zu Hause, in der vertrauten Heimat, bleiben, wenn sie nur könnten........."

Sorry, aber das sind doch Worthülsen.

In den Herkunftsländern hat sich in den letzten Jahrzehnten nichts geändert und da wird sich auch in der Zukunft nichts ändern. Jetzt importieren die Ihre Probleme zu uns (kulturelle Unterschiede, Bildungsdefizite usw.).

Unser Land wird absaufen und sich radikalisieren in einer Art, wie wir das alle nicht wollen. Was meinen Sie was sich schon bei der nächsten Bundestagswahl abspielt?

Außerdem, wer soll das eigentlich bezahlen? Schon dieses Jahr werden über € 10 Mrd benötigt und wenn nächstes und übernächstes Jahr eine ähnliche Anzahl kommt sind wir bei € 30 Mrd und das im Jahr!

Gegen echte Verfolgte, denen wir Hilfe gewähren, hat keiner was, aber gegen diese Flut nicht integrierbarer Zuwanderer (zumindest in diesen enormen Massen) haben sehr viele Bürger etwas…. und das zu Recht.

Herr Manfred Carter

24.08.2015, 09:38 Uhr

Mutig vom Habla, dass Sie den Kollegen vom GEZ-Fernsehen mal deren Albernheit und journalistische UN-Professionalität vorwerfen. Wenn Sie dazu noch deren Gehälter veröffentlichen würden, kann einem nur schlecht werden. Mein Vorschlag: die genannten Journalisten sofort entlassen und deren völlig überhöhtes Einkommen unseren Gemeinden zur Flüchtlingshilfe überweisen. Wäre sinnvoller als deren TV-Gesabber.

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