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29.08.2013

07:16 Uhr

Fernsehkritik Anne Will

Eine Talkshow, so vage wie der Außenminister

VonChristian Bartels

Wären schon internationale Bomben auf Syrien gefallen, hätte die ARD gestern eine spektakuläre Talkshow im Programm gehabt. Weil noch keine fielen, musste vieles in Anne Wills Studio unkonkret bleiben.

Talken mit Anne Will: Das Thema der Sendung war gut gesetzt und aktuell. Doch richtig diskutiert wurde trotzdem nicht. NDR

Talken mit Anne Will: Das Thema der Sendung war gut gesetzt und aktuell. Doch richtig diskutiert wurde trotzdem nicht.

„Syrien vor dem Angriff - bringen diese Bomben den Frieden?“ – unter dem Titel war bereits seit Dienstag die Anne-Will-Show angekündigt. Und wenn mit dem Abwurf „dieser Bomben“ auf syrische Regierungstruppen am selben Mittwoch begonnen worden wäre - es hätte eine denkwürdige Talkshow im Rahmen eines differenzierten Syrien-Themenabends werden können. Da es noch nicht dazu kam, wirkte das ARD-Programm im Gegenteil etwas redundant. Erst befassten sich die „Tagesthemen“ für gut die Hälfte ihrer Dauer mit Syrien, im Anschluss die halbstündige, „Brennpunkt“-artige Sondersendung „Syrien vor dem Angriff“ mit weiteren Korrespondenten-Berichten und Studiogästen, dann folgte die Will-Show. Aber wer möchte der ARD vorwerfen, wenn sie sich um Aktualität bemüht?

Eine grundsätzliche Crux der Talkshow über eventuelle Syrien-Angriffe: Während die vorhergehende Sendung darauf hingewiesen hatte, dass die Frage, ob die Giftgas-Angriffe in Syrien nachweislich Baschar al-Assads Regime zugeschrieben werden können, auch von den angriffswilligen Alliierten zumindest noch nicht öffentlich geklärt worden ist, ging es in Wills Studio darum kaum. Julian Reichelt, Chefreporter der „Bild“-Zeitung und einziger Studiogast, der Syrien kürzlich bereist hat, brachte das Argument aufs Tapet, „wenn man sich ein bisschen mit chemischen Waffen auskennt“, wisse man, dass solche Angriffe „eines professionellen Einsatzes“ bedürften, um zu so hohen Opferzahlen zu führen. „Das schafft keine Terrororganisation“.

Assads Streitkräfte gehörten zu den stärksten der arabischen Welt

Truppenstärke

In der Theorie verfügen die Streitkräfte über 178.000 Soldaten, davon 110.000 beim Heer, 36.000 bei der Luftabwehr, 27.000 bei der Luftwaffe und 5000 bei der Marine. 2009 wurde die Truppenstärke noch auf 325.000 Mann geschätzt, davon 220.000 beim Heer. Überläufe, Desertionen und Verluste hätten die Zahl reduziert, schreiben die IISS-Experten. Einige Brigaden seien auch "verschwunden", weil sie als politisch wenig verlässlich betrachtet worden seien.

Paramilitär und Miliz

Neben den regulären Truppen verfügte Machthaber Baschar al-Assad 2009 über geschätzte 108.000 paramilitärische Kräfte, die meisten von ihnen in der Miliz der Baath-Partei. Die Einheiten spielen im Kampf gegen die Aufständischen eine große Rolle. Wie hoch deren Zahl gegenwärtig ist, kann das IISS nicht einschätzen.

Struktur

Das Heer verfügt regulär über sieben Panzerdivisionen, drei Divisionen Panzergrenadiere, zwei Divisionen Spezialeinheiten und eine Division der Republikanischen Garde, die für Damaskus zuständig ist. Als besonders effizient gelten die Spezialkräfte und die Republikanische Garde, ihre Mitglieder gehören wie Assad den Alawiten an. Zusammengenommen wird die Zahl der Elitesoldaten auf 50.000 geschätzt.


Ausrüstung

Das Material der Streitkräfte stammt überwiegend aus Russland oder noch aus der Sowjetunion. Vor den Kämpfen verfügte das Heer über 4950 Panzer. Die Zahl sei inzwischen deutlich reduziert, schätzt das IISS. Das Kommando für das beachtliche Raketenarsenal befindet sich in Aleppo im Norden des Landes. Die Marine hat zwei Fregatten zur Verfügung. Bei der Luftwaffe gibt es zwar noch 365 Kampfjets. Ein großer Teil der Luftflotte sei aber vermutlich nicht richtig einsatzbereit, heißt es in der Bestandsaufnahme des Instituts. Von den Kämpfen am wenigsten geschwächt sei vermutlich die Luftabwehr. Die Kapazität wird auf tausende Boden-Luft-Raketen aus russischer Produktion geschätzt, darunter auch einige modernere Waffen.

Sahra Wagenknecht, stellvertretende Vorsitzende der Linken, wollte noch den Bericht der Uno-Inspektoren abwarten. Doch ausführlicher ging es um diese wichtige Frage nicht mehr. Fortan gab die Formulierung „das Assad-Regime, vorausgesetzt es war es wirklich, wovon ich ausgehe“ des ehemaligen Generalinspekteurs der Bundeswehr, Harald Kujat sozusagen die Hypothese vor.

Immerhin war mit Sir Peter Torry, bis 2007 britischer Botschafter in Berlin, ein Vertreter eines der Staaten anwesend, die den Angriff auf Syrien ausführen würden. Über Formulierungen wie „Ich gehe davon aus, dass wir militärische Ziele angreifen, wenn es dazu kommt“, ging er als ehemaliger Diplomat freilich nicht hinaus. Insofern musste in der Diskussion über das, „was jetzt vielleicht oder, wie viele sagen, ganz wahrscheinlich bevorsteht“ (Will), vieles vage bleiben.

Einzige entschiedene Gegnerin eines Angriffs war Wagenknecht, die dafür mit gewohnter Verve auftrat. „Ein Militärschlag ist auch Mord“, man solle „aufhören auf die Kriegslogik zu setzen“, sagte sie - vor dem Hintergrund anderer laufender Kriege im Nahen und Mittleren Osten keine schlechten Argumente. Der Hinweis, dass die Verhandlungen, die sie empfahl, in Syrien schon seit Jahren zu keinen Ergebnissen führen, brachte Wagenknecht so wenig aus der Argumentation, wie die anderen von ihren Positionen abrückten.

Torry und Kujat zeigten sich recht unisono als militärische Pragmatiker. Der Brite hielt „eine kurze Strafaktion“ für sinnvoll, und „die Depots anzugreifen, wo die Waffen gelagert sind“. „Ich persönlich würde den Akzent noch stärker auf den Abschreckungsfaktor setzen“, entgegnete Kujat und hielt aus militärischer Sicht das Bombardieren von Chemiewaffen-Depots für nicht unbedingt sinnvoll.

Kommentare (18)

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theaterkritik

29.08.2013, 08:11 Uhr

Quintessenz: die Kolonialmächte und Weltpolizei denken und handeln wieder in all den Schemata, die dem vorigen Jahrhundert so herrlich gewinnträchtige Kriege beschert haben. Der deutschen rechts-liberale Politkamarilla jucken die Pfoten zum Mitspielen, vorerst reicht's aber nur für Hurra-Gebrüll. Weiter so, Merkel und Konsorten !

Account gelöscht!

29.08.2013, 08:20 Uhr

Julian Reichelt, Chefreporter der „Bild“-Zeitung und einziger Studiogast, der Syrien kürzlich bereist hat, brachte das Argument aufs Tapet, „wenn man sich ein bisschen mit chemischen Waffen auskennt“, wisse man, dass solche Angriffe „eines professionellen Einsatzes“ bedürften, um zu so hohen Opferzahlen zu führen. „Das schafft keine Terrororganisation“.

Ja klar, ausgerechnet der Chefreporter der BZ als einziger Gast bei Fr. Will. Da hat er natürlich freien Lauf für die Anti-Syrien Kampagne. Hr. Reichelt kennt sich natürlich ein bisschen mit mit C-Waffen aus, denn BZ Reporter sind Multitalente und sprechen sogar mit Pferden. Darum kann er das selbstverständlich beurteilen, wer mit C-Waffen umgehen kann oder nicht. Lieber Gott lass Hirn regnen !! Für diesen Schwachsinn müssen wir auch noch Zwangsgebühren bezahlen. Welch eine Zumutung !!

birnbaum

29.08.2013, 08:58 Uhr

Sie denken eher in den Schemata des vorigen Jahrhunderts.
Kriegseinsätze und Bombardierungen durch BRD -Flugzeuge in den 1990 er und frühen 2000 er Jahren hatte erstmalig die linksgrüne "Kamarilla" auf den Weg gebracht. Das war natürlich aus humanitärer Verantwortung.

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