Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.01.2017

06:12 Uhr

Fernsehkritik Anne Will

Heißer Brei mit Martin Schulz

VonChristian Bartels

Als Solo-Gast in Anne Wills Talkshow zeigte sich der SPD-Kanzlerkandidat kraftstrotzend. Und es gab ein paar Hinweise, dass der Wahlkampf gegen die „sozialdemokratisierte“ Bundeskanzlerin spannend werden könnte.

Martin Schulz, designierter Kanzlerkandidat der SPD, am 29.01.2017 im Gespräch mit Moderatorin Anne Will während der ARD-Talksendung "Anne Will" zum Thema "Der Kandidat - Können Sie Kanzler, Herr Schulz?" in den Studios Berlin-Adlershof. dpa

ARD-Talkshow „Anne Will“ mit Martin Schulz

Martin Schulz, designierter Kanzlerkandidat der SPD, am 29.01.2017 im Gespräch mit Moderatorin Anne Will während der ARD-Talksendung "Anne Will" zum Thema "Der Kandidat - Können Sie Kanzler, Herr Schulz?" in den Studios Berlin-Adlershof.

DüsseldorfWar es „Ehrgeiz, Machthunger oder Selbstüberschätzung“, die Martin Schulz bewegt haben, für den Bundeskanzler-Posten zu kandidieren? So lautete eine der ersten Fragen Anne Wills an den Sologast ihrer Talkshow am Sonntagabend. „Es wird Sie nicht überraschen, wenn ich mich selbst nicht der Selbstüberschätzung bezichtige“, antwortete der designierte Kanzlerkandidat und Parteivorsitzende der SPD. Und was in der einstündigen ARD-Sendung dann noch folgte, überraschte ebenfalls so gut wie gar nicht.

So brachte Schulz, der am selben Sonntag vor hunderten Sozialdemokraten seine Antrittsrede gehalten und auch bereits eine „Was nun, Herr Schulz?“-Sondersendung im ZDF absolviert hatte, alle Schlüsselbegriffe seines frisch angelaufenen Wahlkampfs auch bei Anne Will souverän unter.

Dafür steht SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz

Präsenz

Schulz verdankt seinen Aufstieg in Brüssel Eigenschaften, die ihm Freunde und Gegner gleichermaßen zuschreiben: Ehrgeiz, Arbeitseifer, klare Sprache, Machtbewusstsein. Vor allem als EU-Parlamentspräsident und als Spitzenkandidat der Sozialdemokraten bei der Europawahl 2014 schärfte er nicht nur sein eigenes Profil, sondern gab Europa eine starke Stimme. Der Christsoziale Manfred Weber würdigte Schulz zum Abschied aus Brüssel als kraftvollen und durchsetzungsstarken Europäer.

Klare Botschaften

Der designierte SPD-Kanzlerkandidat gilt als Politiker, der Streit nicht aus dem Weg geht. Zuletzt übte er zum Beispiel heftige Kritik am EU-Mitgliedsland Ungarn und dessen Referendum zur Flüchtlingspolitik. Wachsenden Nationalismus und Rechtspopulismus verurteilte er scharf und verlangte Einsatz für das europäische Gesellschaftsmodell gegen die „Feinde der Freiheit“. Seine eigene Partei mahnt er, normalen Menschen zuzuhören und auf ihre Nöte einzugehen. Die Krise der EU trieb ihn um – wobei er gerne die Brüsseler Perspektive einnahm und vor allem den Streit der Mitgliedsstaaten kritisierte.

Anpacken

Obwohl das Amt als EU-Parlamentspräsident eher zeremoniell angelegt ist, präsentierte sich Schulz als Macher. Ein Beispiel: der Handelspakt Ceta mit Kanada. Im Herbst überzeugte er die vom Streit mit der Wallonie völlig entnervte kanadische Ministerin Chrystia Freeland, ihre Abreise zu verschieben und sich noch ein letztes Mal mit ihm zu treffen. Fernsehkameras standen bereit, das Überraschungsgespräch im Morgengrauen zu dokumentieren. Letztlich wartete Kanada die europäischen Kapriolen dann geduldig ab, und das Abkommen kam doch noch zustande.

Allianzen

In Brüssel und Straßburg stand Schulz für die informelle große Koalition mit der Europäischen Volkspartei und deren Vorsitzendem Weber. 2014 unterzeichneten beide einen Pakt, der Schulz bei der Wiederwahl zum Parlamentspräsidenten EVP-Stimmen sicherte. Dafür sollte er im Januar 2017 seinen Posten für einen EVP-Kandidaten räumen. Es ging aber nicht nur um Personal: Die beiden größten Fraktionen sahen den Pakt als Mittel, in Europa stabil und effizient Politik zu machen und der EU-Kommission zu Mehrheiten zu verhelfen.

Machtanspruch

Kleinere Parlamentsfraktionen wie die Grünen oder Linken fühlten sich in der Ära Schulz an den Rand gedrängt und ignoriert. Auch wurden Schulz Eigenmächtigkeiten vorgeworfen – sowohl inhaltlich, wenn er für das Parlament sprach, als auch bei der Besetzung von Spitzenposten im Haus. Etliche Abgeordnete zeigen sich nun erleichtert, dass neue Zeiten anbrechen.

Natürlich äußerte er wiederholt die Selbsteinschätzung, dass er nicht „um den heißen Brei herum“ rede. Es waren knapp zehn Minuten vergangen, da hatte er „die hart arbeitende Mitte des Landes“, von der er als Zielgruppe des SPD-Wahlkampfs gerne und oft spricht, gleich doppelt erwähnt. Und keine weiteren zehn Minuten waren vergangen, da hatte er auch von denen, „die sich an die Regeln halten“ und um deren Bedürfnisse der Staat sich stärker kümmern müsse, gleich dreimal geredet. Gegen die, die sich an die Regeln nicht halten, müsse der Staat vorgehen, zum Beispiel auch gegen „Leute, die auf einem Bahnhofsvorplatz unsere Frauen angreifen“, sagte er später noch.

An plastischen Beispielen für Menschen, die für die hart arbeitende Mitte stehen, herrschte ebenfalls kein Mangel. Vom „Bäckermeister um die Ecke“, aber auch von „Menschen, die kleine und mittlere Unternehmen führen“, und von vielen seiner Nachbarn aus dem nordrhein-westfälischen Würselen sprach der SPD-Mann.

Linksfraktionschefin: Wagenknecht traut Schulz-Versprechen nicht

Linksfraktionschefin

Wagenknecht traut Schulz-Versprechen nicht

Sollte Martin Schulz den Wahlsieg für sich beanspruchen, wolle er für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen. Skeptisch äußert sich dazu Sahra Wagenknecht. Schulz müsse die rot-rot-grüne Mehrheit im Bundestag nutzen.

Martin Schulz hatte bei der kraftstrotzenden Selbstdarstellung leichtes Spiel, weil die Interviewerin das Viele, was in der vergangenen Woche über Schulz gesagt und geschrieben worden war, erwartbar durchdeklinierte. Der SPD-Mann sah seine Herkunft aus einer Kleinstadt in der Provinz erwartungsgemäß als weiteren Beleg dafür, dass er die Sorge der hart arbeitenden Mitte verstehe.

Und die Europapolitik, der er sich seit den 1990er Jahren widmet, und die deutsche Innenpolitik, von der er nach Ansicht einiger Kritiker weniger verstehe, ließ er nicht auseinanderdividieren. Schließlich werde die Innenpolitik in EU-Mitgliedsstaaten zu einem großen Teil aus Brüssel beeinflusst.

Wichtiges Motiv im SPD-Wahlkampf wird es sein, die Verantwortung für die aktuelle Bundesregierung mit dem Argument von sich zu weisen, dass die SPD dort ja nur „Juniorpartner“ ist. Auch das demonstrierte das Nicht-Regierungsmitglied Schulz häufig. Ein überzeugenderes dramaturgisches Element als die überflüssige Idee, ihn einen Auszug aus Sigmar Gabriels vergangene Woche viel diskutiertem „Stern“-Interview vorlesen zu lassen, war ein kurzer Filmbeitrag aus Essen-Altendorf, in dem per Straßenumfrage der SPD allerhand harte Vorwürfe gemacht wurden.

Kommentare (37)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Heinz Keizer

30.01.2017, 08:59 Uhr

Spannend würde der Wahlkampf, wenn wir eine Partei hätten, die für Soziale Marktwirtschaft und europäische Werte stände. Die Flüchtlingskatastrophe angehen und das Islamproblem ansprechen würde. Leider gibt es die nicht. Ob jetzt der Sozialdemokrat Schulz gewinnt oder die sozialdemokratisierte Merkel ist doch letztendlich gleich. Spannend wäre allenfalls, ob es für rot-rot-grün reicht und ob die Grünen sich dann für sowas hergeben. Die AfD ist leider auch keine Alternative mehr.

Herr Rudi Rastlos

30.01.2017, 09:21 Uhr

Ich kann diese Sozialisten/Sozialdemokraten bald nicht mehr sehen und ertragen.
Dieses Land und auch Frankreich, wird doch schon seit vielen Jahre links -liberal regiert.
Es hat sich nichts zum Guten gewendet.
Die EU steht ( auch Dank Schulz ) am Abgrund !
Wo sind die wirklich wichtigen Nachrichten ( Griechenland-Türkei-Balkan ? ).
Ich wähle diese politischen - Wendehälse nicht !
Die Wirklichkeit geht so.... wir können nicht mit Chinesischer Kommunisten Doktrin und billigsten Lohnkosten mithalten.
Es wird Zeit in der Realität an zu kommen und nicht nur zu schwafeln.

Rainer von Horn

30.01.2017, 09:26 Uhr

@Heinz Keizer

Die "Flüchtlingskatastrophe" ist in Wirklichkeit ein politisch angezetteltes Umsiedlungsprogramm, ohne Rücksicht auf bestehende gesetzliche Regelungen. Ginge es um gezielte Hilfe für Kriegsflüchtlinge, hätte man das gezielt so gestaltet.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×