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04.02.2015

16:41 Uhr

Finanzminister Varoufakis

„Merkel-Plan“ soll Griechenland retten

VonDietmar Neuerer

Griechenland setzt in der Debatte um seine Staatsschulden auf die Hilfe der Bundesregierung. Der Finanzminister des Mittelmeerlandes hat schon sehr konkrete Vorstellungen, wie Kanzlerin Merkel helfen könnte.

BerlinGriechenland geht auf der Suche nach einer Lösung im Schuldendrama in die Offensive. Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis wandte sich jetzt erstmals in einem Interview an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). „Ich stelle mir einen Merkel-Plan vor, nach dem Vorbild des Marshall-Plans. Deutschland würde seine Kraft nutzen, um Europa zu vereinigen“, sagte Varoufakis zu  „Zeit Online“. „Das wäre ein wundervolles Vermächtnis der deutschen Bundeskanzlerin.“

Varoufakis begründete seinen Vorstoß mit dem Hinweis, dass Deutschland das mächtigste Land Europas sei. „Ich glaube, dass die EU davon profitieren würde, wenn Deutschland sich als Hegemon verstünde. Aber ein Hegemon muss Verantwortung übernehmen für andere“, sagte er. „Das war der Ansatz der USA nach dem Zweiten Weltkrieg.“

Der Chefhaushälter der Unions-Bundestagsfraktion, Norbert Barthle (CDU), wies die Forderung des Finanzministers scharf zurück. „Es ist wenig sinnvoll, auf die sich nahezu stündlich ändernden Forderungen aus Griechenland einzugehen“, sagte Barthle dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). „Wir erwarten von der neuen Regierung, dass sie ihrer Verantwortung gerecht wird und ein Konzept vorlegt, wie das Land wieder auf eigenen Beinen stehen kann, ohne ständig am Tropf anderer zu hängen.“

Die Forderung nach einem Rettungsplan für Griechenland nach dem Vorbild des Marshall-Plans ist nicht neu. Zuletzt hatte auch Thüringens Ministerpräsident und Linken-Spitzenpolitiker Bodo Ramelow „eine Art Marshall-Plan“ für europäische EU-Krisenstaaten gefordert. „Das wäre ein Signal der Menschlichkeit in Europa“, sagte er. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei eine „enorme Geldsumme“ aus den Hilfen des Marshall-Plans direkt in die Wirtschaft geflossen und habe das deutsche Wirtschaftswunder angeschoben. „Nichts anderes ist nun wichtig für Griechenland“, sagte Ramelow. Vor Ramelow hatten sich auch Politiker von SPD (Peer Steinbrück) und Grünen (Renate Künast) in diese Richtung geäußert.

Die wichtigsten Player bei den Verhandlungen mit Griechenland

Wer sind die wichtigsten Gesprächspartner?

Wer sind die wichtigsten Gesprächspartner in der Griechenland-Krise? Seit dem Sieg von Syriza ist das Verhandeln mit dem Staat von der Größe Brandenburgs komplizierter geworden...

Jean-Claude Juncker

Der 60-Jährihe gilt als Europäer aus Leidenschaft. Er war und ist eine der Schlüsselfiguren bei der Euro-Rettung. Acht Jahre lang (von 2005 bis 2013) war der Luxemburger Vorsitzender der Eurogruppe, der die Finanzminister der Staaten mit Euro-Währung angehören. In dieser Funktion hat Juncker seit 2010 maßgeblich die Rettungsprogramme für Krisenstaaten wie Griechenland ausgehandelt. Der Christsoziale war 18 Jahre lang (bis Ende 2013) Premierminister in Luxemburg – inzwischen ist er Präsident der EU-Kommission.

Mario Draghi

Der 67 Jahre alte italienische Bankmanager und Wirtschaftswissenschaftler ist seit November 2011 Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Unter seiner Führung pumpte die Notenbank billiges Geld in das Bankensystem, schaffte die Zinsen im Euroraum quasi ab und schuf ein Kaufprogramm, um notfalls unbegrenzt Anleihen von Euro-Krisenstaaten zu erwerben. Kritiker werfen ihm vor, die Befugnisse der Notenbank überdehnt zu haben.

Christine Lagarde

Die französische Politikerin steht seit Juli 2011 an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF). Zuvor war sie Wirtschafts- und Finanzministerin in Paris. Die 59 Jahre alte Juristin erwarb sich während der Finanzmarkt- und Euro-Turbulenzen einen Ruf als umsichtige Krisenmanagerin. Auf ihr lastet jedoch, dass die französische Justiz gegen sie in einer Affäre um mutmaßliche Veruntreuung öffentlicher Mittel aus ihrer Zeit als Ministerin ermittelt.

Angela Merkel und Wolfgang Schäuble

Bundeskanzlerin Merkel hatte mit Beginn der dramatischen Finanzkrise in Griechenland auf die Bremse gedrückt. Die eiserne Devise von Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble: Keine Leistung ohne Gegenleistung, europäische Solidarität gegen griechische Anstrengung. In Athen wurde Merkel dann bei einem Besuch mit Plakaten begrüßt, auf denen sie mit Hitler-Bart zu sehen war. Nach dem Regierungswechsel in Athen ist Berlin für Kompromisse offen: Ein verlängertes Hilfsprogramm oder nochmalige Krediterleichterungen. Ein weiterer Schuldenschnitt wird aber abgelehnt.

Tatsächlich verdankt Deutschland seine späteren Erfolge dem von dem amerikanischen Politiker George C. Marshall 1953 ersonnenen Schuldenerlass. Vorausgegangen war ein monatelanger Verhandlungsmarathon mit den internationalen Gläubigern. Als der legendäre Deutsche-Bank-Chef Hermann Josef Abs damals die deutsche Zahlungsfähigkeit auf 125 Millionen Dollar pro Jahr bezifferte, gab es Tumulte im Saal. Deutschlands Verpflichtungen waren viermal so hoch. Am Ende handelte Abs die Gläubiger von 29,3 Milliarden D-Mark auf 14,5 Milliarden herunter. Der Bankier überzeugte sie, dass ein bankrottes Deutschland gefährlicher war als ein prosperierendes.

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Protestparteien, Terrormilizen, Internetaktivisten: Kleingruppen begrenzen den Einfluss der Mächtigen, überall auf der Welt. Verhindern ist leichter geworden, gestalten schwerer. Manager und Politiker müssen umdenken.

Dieselbe Milde erhofft sich Varoufakis nun auch von Deutschland. Ein nüchterner Blick auf die griechischen Haushaltszahlen erklärt, warum der Finanzminister sich nicht mehr anders zu helfen weiß, als Merkel direkt anzusprechen. Griechenlands Staatsschulden beliefen sich am Ende des dritten Quartals 2014 auf 315,5 Milliarden Euro. Der größte Teil der Schulden, nämlich 141,8 Milliarden, liegt beim Euro-Rettungsfonds EFSF, darüber hinaus haben die Euro-Staaten Griechenland auch bilaterale Kredite gewährt.

Weitere Gläubiger sind der Internationale Währungsfonds (IWF), die Europäische Zentralbank (EZB) und nationale Notenbanken. Deutschland ist an den Rettungskrediten mit 60 Milliarden Euro beteiligt und damit der größte Einzelgläubiger vor Frankreich mit 46 Milliarden und Italien mit 40 Milliarden Euro.

Kommentare (16)

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Beo Bachter

04.02.2015, 14:31 Uhr

Es ist immer wieder köstlich wie die Propagandamaschine des Finanzbetrugssystems dem deutschen Sparer und Altersvorsorger seine eigene Hinrichtung schmackhaft machen will.

Insbesondere die Hinweise auf die Stunde 0 für Deutschland nach dem 2 WK. Hoffentlich sagt man den Griechen in aller Marshall-Euphorie auch, was es bedeutet sich das zum Vorbild zu nehmen: Neben den Marshallhilfen, von denen Griechenland über die EU im übrigen schon ein vielfaches seit seiner Mitgliedschaft in dieser bekommen hat, bedeutet es auch Abwertung der Sparguthaben der Griechen im Verhältnis 1:10, Zwangshypotheken und Vermögensabgabe/-ausgleich. Außerdem landeten etliche deutsche Politker für ihre kriminellen Machenschaften vor Gericht.

ALLES in allem eine Lösung aber dann bitte konsequent sein...

Herr Markus Tischer

04.02.2015, 14:55 Uhr

Alleine die Rethorik der neuen griech. Regierung ist abartig. Die Troika & Sparpolitik hat Griechenland sicher nicht ruiniert, sondern die jahrelange Misswirtschaft davor.

aza azaziel

04.02.2015, 15:00 Uhr

Ich warte immer noch darauf, dass die deutsche Presse uns folgendes mitteilt:

• Wieviel Geld ist in den Jahren seit 2008 nach Griechenland geflossen?
• Von welchen Laendern und Institutionen kam dieses Geld?
• Bei wem war Griechenland vor 2008 verschuldet?
• Wie hat sich dieser Schuldenstand von damals entwickelt, d.h. wer hat sein Geld zurueckbekommen?
• Bei welchen Laendern und Institutionen ist Griechenland heute verschuldet?

Die meisten Zahlen dazu findet man bei der Bank fuer Internationalen Zahlungsausgleich. RECHERCHE!

Was sagen uns diese Zahlen? ANALYSE!

Mit diesen unreflektierten, durcheinandergeworfenen Zahlen Ihres Artrikels informieren Sie nicht, Sie verwirren Ihre Leser!

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