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19.12.2014

11:40 Uhr

Flexi-Rente

Mittelstand warnt vor Welle der Frühverrentung

VonDietmar Neuerer

ExklusivDie Bundesregierung will ein flexibles Renteneintrittsalter ermöglichen. Die Wirtschaft stützt die Pläne, sieht aber auch große Risiken. Wie die Reform gelingen kann, skizziert Mittelstandspräsident Ohoven.

Bald flexiblere Übergänge in die Rente? Die Koalition arbeitet an einem Konzept, doch der Teufel steckt im Detail. dpa

Bald flexiblere Übergänge in die Rente? Die Koalition arbeitet an einem Konzept, doch der Teufel steckt im Detail.

BerlinDer Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, hat die Bundesregierung vor Fehlern bei der geplanten Einführung der sogenannten Flexi-Rente gewarnt. „Keinesfalls darf die Flexi-Rente Steigbügel einer neuen Frühverrentungswelle werden“, sagte Ohoven dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). Dennoch sei angesichts des demografischen Wandels in Deutschland eine Flexibilisierung des Renteneintrittsalters geboten. „Ohne eine Anpassung der Lebensarbeitszeit an die zunehmende Lebenserwartung ist die gesetzliche Rentenversicherung auf Dauer nicht finanzierbar.“

Ohoven plädiert dafür, Anreize für die Beschäftigung von Rentnern zu schaffen. Dazu sollten aus seiner Sicht die Beiträge zur Arbeitslosen- und Rentenversicherung vollständig abgeschafft werden. „Darüber hinaus sollten Frühverrentungsanreize abgebaut werden“, sagte der Mittelstandpräsident und führte als Beispiel die 2008 in Kraft getretene, erneute Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengelds für Ältere auf bis zu 24 Monate an. Das Arbeitslosengeld sollte vielmehr einheitlich auf 12 Monate festgesetzt werden. Als „völlig kontraproduktiv“ bezeichnete Ohoven die abschlagsfreie Rente ab 63. Diese gehöre ebenfalls auf den Prüfstand.

Das Rentenpaket der Großen Koalition

Mütterrente

Etwa 9,5 Millionen Frauen, deren Kinder vor 1992 zur Welt kamen, bekommen Kindererziehungszeiten in der Rente künftig besser honoriert. Pro Kind sind das ab 1. Juli brutto knapp 28 Euro monatlich mehr im Westen und gut 26 Euro mehr im Osten. Dies ist eine Verdoppelung des bisher bezahlten Zuschlags. Frauen mit jüngeren Kindern sind bei der Mütterrente aber immer noch bessergestellt.

Abschlagsfreie Rente ab 63

Wer mindestens 45 Jahre in die Rentenversicherung eingezahlt hat, soll schon ab 63 Jahren ohne Abschlag in Rente gehen können. Begünstigt sind die Geburtsjahrgänge zwischen 1952 und 1963. Phasen kurzer Arbeitslosigkeit sollen mit angerechnet werden, aber nicht in den letzten zwei Jahre vor Beginn der Frührente. Das soll eine Welle von Frühverrentungen verhindern. Selbständige, die in ihrem Berufsleben mindestens 18 Jahre lang Pflichtbeiträge in die Rentenkasse entrichtet haben und danach freiwillig weiterversichert blieben, sollen ebenfalls ab 63 eine abschlagfreie Frührente beziehen können. Das kommt vor allem Handwerkern zugute.

Erwerbsminderungsrente

Wer aus gesundheitlichen Gründen vermindert oder gar nicht mehr arbeiten kann, soll brutto bis zu 40 Euro mehr Rente bekommen. Die Betroffenen werden so gestellt, als ob sie mit ihrem früheren durchschnittlichen Einkommen bis 62 – und damit zwei Jahre länger als bisher – in die Rentenkasse eingezahlt hätten.

Reha-Leistungen

Um Frühverrentungen aus gesundheitlichen Gründen zu verhindern, sollen die bislang gedeckelten Mittel für Rehabilitationsleistungen dynamisiert – also schrittweise erhöht – werden.

Ohoven fordert überdies, das Teilrentenmodell, das kaum Anklang finde, attraktiver zu gestalten. Dazu müsse die Hinzuverdienstgrenze erhöht und das Modell grundsätzlich vereinfacht werden. „Ältere Mitarbeiter können so einen gleitenden Übergang in den Ruhestand wählen, anstatt vorzeitig ganz aus dem Erwerbsleben auszuscheiden“, erläuterte Ohoven. Eine „sinnvolle Verdienstgrenze“ wäre aus seiner Sicht die Höhe des letzten Brutto-Gehalts. „Diese Anhebung würde einerseits den Fachkräftemangel lindern und andererseits Rentnern mehr Flexibilität ermöglichen“, sagte er. „Zudem würde der bisherige hohe bürokratische Aufwand gesenkt werden, da praktisch nicht mit Überschreitungen der neuen Hinzuverdienstgrenze zu rechnen wäre.“

Ohoven sprach sich überdies dafür aus, befristete Beschäftigung zu erleichtern. Zwar bestehe derzeit schon die Möglichkeit, die Beendigung des Arbeitsverhältnisses durch Erreichen des Renteneintrittsalters mehrfach hinauszuschieben. Jedoch gelte dies nur für Mitarbeiter, die noch nicht in Rente gegangen sind. Der Gesetzgeber müsse daher „eine Möglichkeit schaffen, Mitarbeiter auch dann über das Renteneintrittsalter hinaus befristet zu beschäftigen, wenn diese Entscheidung erst nach Eintritt in die Rente getroffen wird“, verlangte der Mittelstandspräsident.

Kommentare (4)

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Herr Thomas Behrends

19.12.2014, 12:03 Uhr

Welch´ein paar Pharisäer in der Deutschen Wirtschaft!

Gerade die Frühverrentung mit dem "goldenen Handschlag" (Abfindung) wurde seit den 1970er Jahren als probates Mittel, scheinbar zu alte und zu teure Mitarbeiter loszuwerden, angesehen.

Jetzt soll das alles nicht mehr gelten?

Heute so, morgen anders.

Herr Thomas Behrends

19.12.2014, 12:31 Uhr

Wovon Mario Ohoven spricht ist blanker Neo-Liberalismus übelster Sorte:

* Abschaffung der Sozialversicherungsbeiträge
* Senkung des Arbeitslosengeldes für ältere Arbeitslose?

Alles natürlich für die stinkreichen Unternehmer im Mittelstand, die den Hals nicht voll kriegen. Genießen diese doch mannigfaltige Steuervorteile, die sie sich über ihre Lobby-Politik in den letzten Jahrzehnten ergaunert haben.

Wir brauchen keine Politik "von Gottes Gnaden", d.h. ausschließlich von Unternehmern.

Wirtschaft ist lediglich ein Teil des Lebens, nicht das ganze Leben.

Die Leute sollten sich nicht immer so wichtig nehmen. Das steht ihnen nicht zu!

Herr Günther Schemutat

19.12.2014, 13:13 Uhr

Heute ist es doch so, das ein Arbeitnehmer/in der 40 Jahre in die Rente eingezahlt hat und zwei Kinder groß gezogen hat, am Ende 900.-Euro Rente bekommt. Ein anderer der sich die Sonne auf den Bauch scheinen lässt und ein paar Nebenjobs macht bekommt im Rentenalter Sozialrente von 780.-Euro.

Das gilt auch für Zuwanderer ,Asylanten,die hier anerkannt worden sind.

Die Rente und Krankenkasse müssen weiter vom Lohn abgezogen werden, weil das dazu verführt, dass Geld auszugeben und nach mir die Sintflut zu rufen. Als Doppelpassbesitzer könnte ich dann ein Haus von den gesparten KK und Rentenzahlung Abzügen für meine Kinder z.B in der Türkei bauen und am Ende Sozialrente hier einfordern als Mitteloser.

Aber jährlich kommen 1 Million Zuwanderer nach Aussage Bosbach bei Maischberger nach Deutschland. Davon sind 90% Super ausgebildet und selbst Sinti und Roma sind hoch gebildet meinte die GRüne Amberg . Einige haben in der Abfallwirtchaft gute Erfahrungen gemacht, habe ich selbst erlebt. Man wirft den Müll zweimal in der Woche vom Balkon und die Stadtreinigung räumt auf. Perfekt!

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