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23.07.2012

16:20 Uhr

Flucht aus Syrien

„Ein dunkler Tunnel voller Blut“

Die Lage spitzt sich weiter zu, das Blutvergießen treibt Tausende Syrer in den benachbarten Libanon. Wer Geld und Kontakte hat, reist nach Europa weiter. Viele andere stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Syrische Flüchtlinge am Grenzübergang zum Libanon. dpa

Syrische Flüchtlinge am Grenzübergang zum Libanon.

MasnaaKinda al-Adem und ihrer Tochter laufen die Tränen übers Gesicht. Sie warten am Kontrollpunkt in Masnaa an der Grenze zum Libanon darauf, dass ihre Pässe kontrolliert werden. „Es bricht dir das Herz, dein Land verlassen zu müssen“, sagt die Syrerin der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Sie hätten sich jedoch zu diesem schweren Schritt gezwungen gesehen, denn die Lage in ihrer Heimat werde von Tag zu Tag schlimmer: „Syrien befindet sich in einem dunklen Tunnel voller Blut.“

In Beirut, der Hauptstadt Libanons, will Al-Adem nur ein paar Tage bleiben. Sie kann dort bei Bekannten unterkommen. Doch dann möchte sie zu ihrem in Paris lebenden Bruder weiterreisen. „Ich suche dort auch eine Schule für meine Tochter“, erzählt die aus einer wohlhabenden Familie stammende Frau. Sie ist überzeugt: „Es wird noch lange dauern, bis Syrien wieder ein stabiles Land ist.“

Viele Syrer mit Verwandten in Europa versuchten derzeit ebenfalls, das Land zu verlassen, sagt Al-Adem. Diejenigen, die einen ausländischen Pass haben, sind mit Ihren Familien bereits abgereist. Die anderen müssen erst in den Libanon, um dort ein Visum für ein europäisches Land zu beantragen - in Syrien selbst sind die meisten ausländischen Botschaften längst geschlossen.

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In den vergangenen Tagen hätten auch viele betuchte Geschäftsleute Syrien verlassen, berichtet ein Immobilienmakler in Beirut. Er habe seit Donnerstag mehr als 50 Häuser im überwiegend christlichen Ostteil Beiruts an syrische Familien vermietet. In der libanesischen Hauptstadt sind zudem viele Hotels mit Syrern ausgebucht, im Zentrum der Stadt sind allerorts Autos mit syrischen Kennzeichen zu sehen. Die Flüchtlinge berichten, es herrsche die Furcht, dass die Rebellen die Grenze unter ihre Kontrolle bringen könnten und dann niemand mehr aus Syrien raus komme.

Panzer, Flugzeuge, Raketen: Syriens Armee

Soldaten

In Syrien stehen nach Angaben des Londoner Instituts für Strategische Studien (IISS) 295.000 Soldaten unter Waffen. Dazu kommen weitere 314.000 Reservisten.

Panzer und Artilleriegeschütze

Das syrische Heer soll über 4950 Kampfpanzer und mehr als 3440 Artilleriegeschütze verfügen, viele aus sowjetischer oder russischer Produktion.

Boden-Boden-Raketen

Syrien soll über 850 Boden-Boden-Raketen mit unterschiedlicher Reichweite verfügen.

Flugzeuge

550 Flugzeuge nennt die syrische Luftwaffe ihr Eigen. Davon sind rund 440 russische MIG-Kampfflugzeuge unterschiedlicher Baureihen.

Hubschrauber

Die Armee kann mehr als 70 Kampfhubschrauber einsetzen, darunter viele russische Typen, aber auch 30 französische „Gazelle-Maschinen“.

ABC-Waffen

Die USA haben den Verdacht, dass Syrien über chemische und biologische Waffen verfügt und dafür technische Hilfe aus dem Iran erhält. Außerdem soll Syrien nach US-Recherchen Interesse an Atomwaffen haben und Partner im Iran und Nordkorea suchen.

Waffenlieferungen

Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts (SIPRI) bekam Syrien im Jahr 2011 trotz der blutigen Unterdrückung des Aufstandes gegen das Regime 291 Waffenlieferungen - 246 aus Russland und 45 aus dem Iran. Darunter waren 126 Luftabwehrsysteme und 135 Raketen. Zwischen 2001 und 2011 hat Syrien 1201 von SIPRI registrierte Waffenlieferungen erhalten. Die mit Abstand meisten (857) kamen aus Russland, der Rest aus Weißrussland, dem Iran und Nordkorea.

Embargo

Die EU hat bereits im Mai 2011 neben Sanktionen ein Verbot von Waffenlieferungen nach Syrien beschlossen. Dazu zählen nicht nur Feuerwaffen, Bomben und Granaten, sondern auch technisches Gerät, das gegen Demonstranten eingesetzt werden kann, etwa Wasserwerfer. Auf internationaler Ebene ist ein Embargo im UN-Sicherheitsrat bisher gescheitert - vor allem am Widerstand Russlands, dem Hauptwaffenexporteur nach Syrien. Aber auch China verhinderte Sanktionen.

Aber längst nicht alle Syrer, die vor der Gewalt in ihrer Heimat fliehen, haben das Glück ihrer wohlhabenden Landsleute. Viele wissen gar nicht, wie es auf der anderen Seite der Grenze weitergehen soll. So geht es auch Abu Ahmed Seidan, der mit seiner Frau und fünf Kindern aus Damaskus geflüchtet ist. Unerträglich sei es dort geworden, erzählt der 65-Jährige. „Du musst stundenlang anstehen, um Brot zu ergattern. Andere lebenswichtigen Dinge sind gar nicht zu bekommen, auch Benzin gibt es nicht.“

Seidan ist die Erschöpfung anzusehen. Er war zunächst mit seiner Familie zu seiner Schwester gezogen, die in einem sicheren Viertel lebte. Aber auch dort wurde es bald zu gefährlich. Nun will er versuchen, im Osten des Libanons ein Haus zu finden, um zumindest den Sommer in Sicherheit zu überstehen. „Danach können wir hoffentlich zurück - sofern Syrien dann noch existiert.“

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Um Damaskus werde es einen erbitterten Kampf geben, sagt Seidan voraus. „Da wird sich entscheiden, ob das Regime bleibt oder nicht.“

Am Sonntag sei der Zustrom von Flüchtlingen etwas zurückgegangen, am Montag habe er wieder zugenommen, sagt ein Soldat am Grenzübergang der dpa. „Am Freitag war es der Wahnsinn“, ergänzt er. Allein über Masnaa seien 18 000 Syrer in den Libanon eingereist. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR sind seit Freitag bis zu 30 000 Menschen aus Syrien in das Nachbarland geflohen.

In die andere Richtung passiert kaum ein Auto den Checkpoint. Auf der syrischen Seite ist dagegen zu sehen, wie Panzer in Position gehen. Die syrische Armee verstärke seit Montagmorgen ihre Stellungen, erklärt ein libanesischer Sicherheitsbeamter. Die Rebellen hätten gedroht, mit einer Offensive das Grenzgebiet unter ihre Kontrolle zu bringen - so wie es anderswo in Syrien bereits geschehen sei.

Von

dpa

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