Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.01.2016

16:46 Uhr

Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt

Hilfsjobs statt Ausbildung

Flüchtlinge sehen den Vorteil einer Lehre nicht. Sie möchten schnell Geld verdienen, um ihre Familien zu unterstützen und um ihre Schulden bei Schlepperbanden abzuzahlen. Experten fordern eine bessere Beratung.

Flüchtlinge müssen oft ihre Familien in der Heimat finanziell unterstützen. „Wir stellen fest, dass viele Flüchtlinge möglichst schnell Geld verdienen wollen“, sagt Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit. dpa

Informationsstand

Flüchtlinge müssen oft ihre Familien in der Heimat finanziell unterstützen. „Wir stellen fest, dass viele Flüchtlinge möglichst schnell Geld verdienen wollen“, sagt Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit.

BerlinViele Flüchtlinge nehmen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) lieber einen Hilfsjob an, als eine Ausbildung zu beginnen. „Wir stellen fest, dass viele Flüchtlinge möglichst schnell Geld verdienen wollen“, sagte BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker der „Süddeutschen Zeitung“.

„Sie wollen und müssen damit häufig ihre Angehörigen in der Heimat finanziell unterstützen, manchmal auch noch horrende Schulden an Schlepperbanden zurückzahlen.“

Den Flüchtlingen sei der hohe Stellenwert von beruflicher Ausbildung in Deutschland oft „nicht bewusst“, sagte Becker. Dies werde „noch nicht richtig eingeschätzt“. Er setzt auf eine intensive Beratung, um Flüchtlinge von einer Lehre zu überzeugen. Helfen solle dabei die berufsbegleitende Qualifizierung.

Zugang für Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt

Schule

Der Schulbesuch ist für Kinder von Asylsuchenden und Geduldeten Pflicht.

Beschäftigung

Für die Aufnahme einer „normalen“ Beschäftigung gilt für alle Asylantragsteller ohne Ausnahme eine Wartefrist von drei Monaten. Danach bedarf es dafür in der Regel einer Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit. Diese ist davon abhängig, ob für einen Arbeitsplatz nicht deutsche Arbeitnehmer oder ihnen gleichgestellte Ausländer zur Verfügung stehen (Vorrangprüfung). Zudem prüft die Agentur, ob der Asylbewerber nicht zu ungünstigeren Konditionen – wie einem niedrigeren Lohn oder einer längeren Arbeitszeit - als sonst üblich beschäftigt werden sollen (Vergleichbarkeitsprüfung). Denn eine Aushöhlung der hier geltenden Arbeitsbedingungen soll es nicht geben.

Anerkannte Flüchtlinge dürfen ohne Vorrangprüfung jede Beschäftigung aufnehmen. Die Vorrangprüfung entfällt ansonsten auch für Asylsuchende und Geduldete nach 15 Monaten Aufenthalt. Verzichtet wird darauf außerdem wenn es um Hochqualifizierte geht, um Tätigkeiten im Bundesfreiwilligendienst oder um Mangelberufe.

Status

Eine zentrale Rolle spielt der Status, den ein Asylbewerber hat. Mit seiner Antragstellung erhält er in Deutschland zunächst eine „Aufenthaltsgestattung“ für die Dauer des Verfahrens. Wird sein Asylantrag anerkannt, wird aus dieser Gestattung eine „Aufenthaltserlaubnis“. Wird der Antrag abgelehnt, müsste der Betroffene eigentlich ausreisen. Stehen dem allerdings wichtige Gründe entgegen, erhält er eine „Duldung“ – der Asylbewerber bleibt aber grundsätzlich ausreisepflichtig.

In der Aufenthaltserlaubnis, der Aufenthaltsgestattung oder Duldung ist durch eine Nebenbestimmung von der Ausländerbehörde vermerkt, ob der Betreffende in Deutschland arbeiten darf. Dabei gibt es im Grundsatz drei Kategorien: unbeschränkte Erlaubnis zur Aufnahme einer Arbeit, Beschäftigung nur mit Genehmigung der Ausländerbehörde und Untersagung der Beschäftigung (etwa bei einer kurzfristig drohenden Abschiebung).

Ausbildungsabschluss

Aufenthaltserlaubnis, Aufenthaltsgestattung und Duldung werden nur befristet erteilt. Ist ein Asylbewerber anerkannt oder hat er einen vergleichbaren Schutzstatus, kann er eine Ausbildung ohne große Probleme beginnen und abschließen. Auch bei einer Aufenthaltsgestattung kann er davon ausgehen, seine Lehre ordnungsgemäß abschließen zu können. Doch auch Azubis aus dem Ausland, die lediglich geduldet werden, können - sofern sie vor Vollendung des 21. Lebensjahres die Ausbildung aufgenommen haben – über eine Verlängerungen der Duldung ihre Lehre abschließen. Ausgenommen davon sind allerdings Menschen aus sicheren Herkunftsländer wie den Balkanstaaten.

Weiterbeschäftigung

Nach dem Abschluss einer Ausbildung kann Geduldeten eine befristete Aufenthaltserlaubnis mit der Perspektive eines Daueraufenthalts ermöglicht werden. Voraussetzung ist, dass sie eine ihrem Abschluss entsprechende und für ihren Lebensunterhalt ausreichend bezahlte Stelle finden.

Perspektive

Eine gute Perspektive auf einen langfristigen oder gar dauerhaften Aufenthalt mit entsprechender Berufstätigkeit haben derzeit Menschen aus Ländern wie Syrien, Irak, Iran und Eritrea. Asylbewerbern und Geduldeten aus diesen Ländern werde derzeit „zu einem hohen Anteil ein Schutzstatus zuerkannt“, begründen dies das Bundesinnenministerium und der Handwerksverband ZDH in einer gemeinsamen Informationsschrift vom November.

Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung verdienen Menschen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung über ihr Erwerbsleben hinweg knapp 250.000 Euro mehr als Ungelernte, wie die Zeitung weiter berichtete.

Das Problem ist auch bei den Handwerks- sowie den Industrie- und Handelskammern bekannt. „Gut ausgebildete Fachkräfte werden selten arbeitslos und haben deutlich bessere Verdienstaussichten“, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Eric Schweitzer, der Zeitung.

Deshalb sei es wichtig, Flüchtlinge ohne Berufs- und Studienabschluss frühzeitig über die Chancen einer beruflichen Ausbildung zu informieren.

Von

afp

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×