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22.12.2015

17:36 Uhr

Flüchtlinge

Ein neues Zuhause

Der Syrer Adel und der Eritreer Noah sind angekommen. Nicht nur in Deutschland, auch in neuen Familien. Die Schneiders und die Schölers haben die Männer aufgenommen – und zeigen, wie Integration geht.

Vater, Mutter, Kind? Der syrische Flüchtling Adel Mohammad (36) hat ein neues Zuhause gefunden, bei seinen „Gasteltern“ Aenne und Jürgen Schneider in deren Wohnhaus in Seligenstadt (Hessen). dpa

Adel Mohammad

Vater, Mutter, Kind? Der syrische Flüchtling Adel Mohammad (36) hat ein neues Zuhause gefunden, bei seinen „Gasteltern“ Aenne und Jürgen Schneider in deren Wohnhaus in Seligenstadt (Hessen).

Seligenstadt/Frankfurt/MainAls der Hilferuf sie erreichte, haben die Schneiders eine Flasche Wein aufgemacht und sich zusammen gesetzt. Das macht die Familie aus dem südhessischen Seligenstadt oft so, wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gibt. Diesmal ging es um die Entscheidung, ob sie einen syrischen Flüchtling aufnehmen. Tochter Marlit arbeitet ehrenamtlich als Patin in einer Flüchtlingsunterkunft und hatte mitbekommen, dass Adel Mohammad es kaum noch dort aushält. Zu eng, zu wenig Ruhe fürs Lernen. Inzwischen liegen die Deutschbücher des Syrers bei Aenne und Jürgen Schneider auf dem Esstisch, der 36-Jährige ist in das Gästezimmer des Ehepaares gezogen.

Für die Schölers aus Frankfurt war die Sache schnell klar, als eine Eritreerin aus ihrer Gemeinde eine Unterkunft für ihren Neffen suchte. „Wir hatten vorher schon überlegt, einen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtling aufzunehmen“, erzählt Michael Schöler. Nun wurde es der 21 Jahre alte Noah*, ein anerkannter Asylbewerber, der zunächst aber kein Wort Deutsch sprach. Platz hatte das Rentnerpaar. Zwei ihrer drei erwachsenen Kinder sind aus dem Haus. Reichlich Erfahrung mit jungen Menschen haben sie auch, nicht nur als Eltern. Michael Schöler war beim Bistum Limburg unter anderem in der Jugendarbeit aktiv. Und: „Bei uns hat auch schon mal eine Bolivianerin ein Jahr gelebt.“

Zugang für Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt

Schule

Der Schulbesuch ist für Kinder von Asylsuchenden und Geduldeten Pflicht.

Beschäftigung

Für die Aufnahme einer „normalen“ Beschäftigung gilt für alle Asylantragsteller ohne Ausnahme eine Wartefrist von drei Monaten. Danach bedarf es dafür in der Regel einer Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit. Diese ist davon abhängig, ob für einen Arbeitsplatz nicht deutsche Arbeitnehmer oder ihnen gleichgestellte Ausländer zur Verfügung stehen (Vorrangprüfung). Zudem prüft die Agentur, ob der Asylbewerber nicht zu ungünstigeren Konditionen – wie einem niedrigeren Lohn oder einer längeren Arbeitszeit - als sonst üblich beschäftigt werden sollen (Vergleichbarkeitsprüfung). Denn eine Aushöhlung der hier geltenden Arbeitsbedingungen soll es nicht geben.

Anerkannte Flüchtlinge dürfen ohne Vorrangprüfung jede Beschäftigung aufnehmen. Die Vorrangprüfung entfällt ansonsten auch für Asylsuchende und Geduldete nach 15 Monaten Aufenthalt. Verzichtet wird darauf außerdem wenn es um Hochqualifizierte geht, um Tätigkeiten im Bundesfreiwilligendienst oder um Mangelberufe.

Status

Eine zentrale Rolle spielt der Status, den ein Asylbewerber hat. Mit seiner Antragstellung erhält er in Deutschland zunächst eine „Aufenthaltsgestattung“ für die Dauer des Verfahrens. Wird sein Asylantrag anerkannt, wird aus dieser Gestattung eine „Aufenthaltserlaubnis“. Wird der Antrag abgelehnt, müsste der Betroffene eigentlich ausreisen. Stehen dem allerdings wichtige Gründe entgegen, erhält er eine „Duldung“ – der Asylbewerber bleibt aber grundsätzlich ausreisepflichtig.

In der Aufenthaltserlaubnis, der Aufenthaltsgestattung oder Duldung ist durch eine Nebenbestimmung von der Ausländerbehörde vermerkt, ob der Betreffende in Deutschland arbeiten darf. Dabei gibt es im Grundsatz drei Kategorien: unbeschränkte Erlaubnis zur Aufnahme einer Arbeit, Beschäftigung nur mit Genehmigung der Ausländerbehörde und Untersagung der Beschäftigung (etwa bei einer kurzfristig drohenden Abschiebung).

Ausbildungsabschluss

Aufenthaltserlaubnis, Aufenthaltsgestattung und Duldung werden nur befristet erteilt. Ist ein Asylbewerber anerkannt oder hat er einen vergleichbaren Schutzstatus, kann er eine Ausbildung ohne große Probleme beginnen und abschließen. Auch bei einer Aufenthaltsgestattung kann er davon ausgehen, seine Lehre ordnungsgemäß abschließen zu können. Doch auch Azubis aus dem Ausland, die lediglich geduldet werden, können - sofern sie vor Vollendung des 21. Lebensjahres die Ausbildung aufgenommen haben – über eine Verlängerungen der Duldung ihre Lehre abschließen. Ausgenommen davon sind allerdings Menschen aus sicheren Herkunftsländer wie den Balkanstaaten.

Weiterbeschäftigung

Nach dem Abschluss einer Ausbildung kann Geduldeten eine befristete Aufenthaltserlaubnis mit der Perspektive eines Daueraufenthalts ermöglicht werden. Voraussetzung ist, dass sie eine ihrem Abschluss entsprechende und für ihren Lebensunterhalt ausreichend bezahlte Stelle finden.

Perspektive

Eine gute Perspektive auf einen langfristigen oder gar dauerhaften Aufenthalt mit entsprechender Berufstätigkeit haben derzeit Menschen aus Ländern wie Syrien, Irak, Iran und Eritrea. Asylbewerbern und Geduldeten aus diesen Ländern werde derzeit „zu einem hohen Anteil ein Schutzstatus zuerkannt“, begründen dies das Bundesinnenministerium und der Handwerksverband ZDH in einer gemeinsamen Informationsschrift vom November.

Wie viele Menschen in Deutschland wie die Schölers und Schneiders einen Flüchtling oder anerkannten Asylbewerber aufgenommen haben, weiß niemand. Nicht einmal Schätzungen gibt es. Syrer wie Adel machten in den ersten elf Monaten des laufenden Jahres die größte Gruppe (39,8 Prozent) der rund 965.000 Asylsuchenden in Deutschland aus. Eritrea führt die afrikanischen Länder an: Rund 2,5 Prozent oder gut 24 400 der Asylbewerber kamen aus dem armen Land im Nordosten Afrikas.

Die Schneiders jedenfalls haben ihre Entscheidung noch keine Minute bereut. „Er gehört einfach dazu. Ich würde ihn vermissen, wenn er nicht mehr da wäre“, sagt Aenne Schneider. Die 65-Jährige leitet ein kleines Unternehmen und hilft ehrenamtlich in einem Spendenlager für Flüchtlinge. Mitte Oktober kam Adel das erste Mal für ein besseres Kennenlernen zu den Schneiders nach Hause - drei Tage später zog er ein. Die Dankbarkeit des neuen Mitbewohners ist greifbar und wird mit jedem seiner Worte deutlich. „Die Schneiders sind für mich wie Mama und Papa“, sagt er. „Meine Ankunft in Deutschland war für mich wie ein Geburtstag.“

Wo rechte Parteien gegen Flüchtlinge wettern

Polen

Die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (Pis) ging aus der Parlamentswahl am 25. Oktober als Siegerin hervor. Sie hatte im Wahlkampf vor Integrationsproblemen gewarnt und sich gegen die Aufnahme muslimischer Flüchtlinge ausgesprochen.

Österreich

Die rechte FPÖ von Heinz-Christian Starche sammelt seit Jahren erfolgreich Protestwähler ein, die Flüchtlingskrise hat diese Tendenz verstärkt. Bei der Landtagswahl in Wien im Oktober wurde die FPÖ zweitstärkste Kraft, landesweite Umfragen sehen die Partei bei etwa 33 Prozent, gut zehn Prozentpunkte vor den Regierungsparteien SPÖ und ÖVP.

Schweiz

Der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) hat die Flüchtlingskrise genutzt. Bei der Parlamentswahl am 18. Oktober behauptete sich die SVP mit Forderungen nach einer Verschärfung des Asylrechts und größerer Distanz zur EU klar als stärkste Partei.

Griechenland

Die rechtsextremistische Partei Goldene Morgenröte gewann bei der Parlamentswahl im September sieben Prozent. Damit wurde sie drittstärkste Kraft.

Dänemark

Die rechte Dänische Volkspartei ist nach der Wahl im Juni zweitstärkste Kraft im Parlament. Die DF erreichte 21,1 Prozent Stimmenanteil. Sie fordert einen kompletten Asylstopp. Doch auch die Sozialdemokraten und Liberalen sprechen sich für eine restriktive Flüchtlingspolitik aus.

Italien

Bei den Regionalwahlen im Mai verzeichnete die rechtspopulistische Lega Nord Zuwächse. In Venetien etwa erhielt sie 50 Prozent der Stimmen. In Umfragen lag sie im September landesweit bei 14 Prozent und wäre damit drittstärkste Partei. Sie will die Flüchtlingsboote gar nicht erst landen lassen.

Slowakei

Am 5. März 2016 findet die nächste Parlamentswahl in der Slowakei statt. Fast alle Parteien sind gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, auch die regierenden Sozialdemokraten.

Tschechien

Alle großen Parlamentsparteien sind gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. In einem Jahr finden in Tschechien Kommunal- und Teilwahlen zum Senat statt.

Niederlande

Die nächsten Wahlen in den Niederlanden sind erst für 2017 angesetzt. Umfragen zufolge wäre die Partei des Rechtspopulisten Geert Wilders derzeit stimmenstärkste Kraft.

Ungarn

Die regierende rechtskonservative Fidesz hat von ihrer strengen Flüchtlingspolitik profitiert und in Umfragen zugelegt.

So gut wie Adel kann sich Noah auf Deutsch noch nicht ausdrücken. Er besucht gerade einen Alphabetisierungskurs und hat erst nach und nach lateinische Buchstaben und die ersten Sätze gelernt. „Deutsch ist sehr schwer“, sagt der freundliche junge Mann. Mit Händen und Füßen sowie mit Hilfe von Bildern verständigten sich die Schölers zunächst mit Noah. Zweieinhalb Monate später kommen immer mehr deutsche Wörter und Sätze dazu. Natürlich bedeute der neue Mitbewohner auch Einschränkungen: „Wir sind wegen der Ferienzeiten wieder ein Stück an die Schule gebunden.“ Aber: „Es ist sehr spannend.“

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