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08.10.2015

18:27 Uhr

Flüchtlinge

Im Ton vergriffen

VonLars-Thorben Niggehoff

Für ihren Leitfaden für Flüchtlinge muss die Gemeinde Hardheim im Odenwald viel Kritik einstecken. Die Formulierung sei unangemessen, kritisiert das Netz. Doch die Idee ist grundsätzlich gut. Andere Städte versuchen ähnliches.

Wie hilft man Flüchtlingen bei der Integration? Die deutschen Städte und Gemeinden wählen verschiedene Ansätze. Nicht jeder kommt gleich gut an. dpa

Flüchtlingshilfe+ in Hamburg

Wie hilft man Flüchtlingen bei der Integration? Die deutschen Städte und Gemeinden wählen verschiedene Ansätze. Nicht jeder kommt gleich gut an.

DüsseldorfSo viel Aufmerksamkeit hat die kleine Gemeinde Hardheim in Baden-Württemberg wohl selten bekommen: Seitdem auf der Internetseite ein Dokument mit dem Namen „Hilfestellung und Leitfaden für Flüchtlinge“ abrufbar ist berichten Medien aus ganz Deutschland über das 7.000-Einwohner-Städtchen.

In dem Leitfaden werden Grundregeln zu Themen wie Religionsfreiheit und Nachtruhe gebündelt, in den Unterkünften vor Ort sollen sie den Flüchtlingen dann in der jeweiligen Landessprache zugänglich gemacht werden.

Die Flüchtlingsbenimmregeln von Hardheim

Hardheim und die „lieben Fremden“

Hardheim ist eine 6856-Einwohner-Gemeinde in Baden-Württemberg im Neckar-Odenwald-Kreis. Seit September 2015 wird hier in eine ehemaligen US-Kaserne als Erstaufnahmelager genutzt, in dem mittlerweile rund 1000 Flüchtlinge untergebracht sind. Bürgermeister Volker Rohm will möglichen Konflikten daher auf ganz eigene Weise begegnen: Mit einer Liste von Benimmregeln für Flüchtlinge, von der Gemeinde als „Hilfestellung und Leitfaden für Flüchtlinge“ bezeichnet. Einleitung: „Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann!“ Wie sich ein Flüchtling in Hardheim benehmen sollen – und wie die Deutschen sich nach Ansicht der Hardheimer benehmen.

Der Flüchtling in der Pflicht

Willkommen in Deutschland, willkommen in Hardheim. Viele von Ihnen haben Schreckliches durchgemacht.
Krieg, Lebensgefahr, eine gefährliche Flucht durch die halbe Welt.

Das ist nun vorbei. Sie sind jetzt in Deutschland. Deutschland ist ein friedliches Land. Nun liegt es an Ihnen, dass Sie nicht fremd bleiben in unserem Land, sondern ein Zusammenleben zwischen Flüchtlingen und Einwohnern erleichtert wird.

Man spricht deutsch

Lernen Sie so schnell wie möglich die deutsche Sprache, damit wir uns verständigen können und auch Sie ihre Bedürfnisse zum Ausdruck bringen können.

Frauen und „junge Frauen“

Frauen dürfen ein selbstbestimmtes Leben führen und haben dieselben Rechte wie die Männer. Man behandelt Frauen mit Respekt. Mädchen und junge Frauen fühlen sich durch Ansprache und Erbitte von Handy- Nr. und Facebook-Kontakt belästigt. Bitte dieses deshalb nicht tun!

Ernten verboten

In Deutschland respektiert man das Eigentum der anderen.
Man betritt kein Privatgrundstück, keine Gärten, Scheunen und andere Gebäude und erntet auch kein Obst und Gemüse, das einem nicht gehört.

Deutschland, Land der Saubermänner

Deutschland ist ein sauberes Land und das soll es auch bleiben!
Den Müll oder Abfall entsorgt man in dafür vorgesehenen Mülltonnen oder Abfalleimer.
Wenn man unterwegs ist, nimmt man seinen Müll mit zum nächsten Mülleimer und wirft ihn nicht einfach weg.

Verhalten im Supermarkt

In Deutschland bezahlt man erst die Ware im Supermarkt, bevor man sie öffnet.

Deutsche und Wasser

In Deutschland wird Wasser zum Kochen, Waschen, Putzen verwendet.
Auch wird es hier für die Toilettenspülungen benutzt.
Es gibt bei uns öffentliche Toiletten, die für jeden zugänglich sind.
Wenn man solche Toiletten benutzt, ist es hier zu Lande üblich, diese sauber zu hinterlassen.

Bitte nicht stören!

In Deutschland gilt ab 22.00 Uhr die Nachtruhe. Nach 22.00 Uhr verhält man sich dementsprechend ruhig, um seine Mitmenschen nicht zu stören.

Ordentlich Fahrrad fahren

Auch für Fahrradfahrer gibt es bei uns Regeln, um selbst sicher zu fahren, aber auch keine anderen zu gefährden. (Nicht auf Gehwegen fahren, nicht zu dritt ein Rad benutzen, kaputte Bremsen reparieren und nicht mit den Füßen bremsen).

Ordentlich zu Fuß gehen

Fußgänger benutzen bei uns die Fußwege oder gehen, wenn keiner vorhanden, hintereinander am Straßenrand, nicht auf der Straße und schon gar nicht nebeneinander.

Sanitäranlagen

Unsere Notdurft verrichten wir ausschließlich auf Toiletten, nicht in Gärten und Parks, auch nicht an Hecken und hinter Büschen.

Dankbar sein

Auch wenn die Situation für sie und auch für uns sehr beengt und nicht einfach ist, möchten wir sie daran erinnern, dass wir sie hier bedingungslos aufgenommen haben. Wir bitten sie deshalb diese Aufnahme wert zu schätzen und diese Regeln zu beachten, dann wird ein gemeinsames Miteinander für alle möglich sein.

Die Grundidee des Leitfadens ist sicher nicht schlecht. Kritik regt sich im Netz, vor allem wegen dem Tonfall des Schreibens. Formulierungen wie „In Deutschland bezahlt man erst die Ware im Supermarkt, bevor man sie öffnet“ oder „Unsere Notdurft verrichten wir ausschließlich auf Toiletten, nicht in Gärten und Parks“ kochen nach Meinung einiger Twitter-Nutzer nur Klischees und Vorurteile neu auf. Es gibt aber auch Verständnis für die Hardheimer Verwaltung. Die äußerte sich auf Nachfrage nicht zum großen Interesse an der eigenen Idee.

Franz-Reinhard Habbel vom Deutschen Städte- und Gemeindebund hält die Idee eines kulturellen Leitfadens für gut. „Der darf natürlich nicht zu abgehoben formuliert sein“, sagt er. Es gibt bereits ähnliche Projekte in Deutschland, beispielsweise in Bad Berleburg. Auch private Initiativen bemühen sich. Im Internet kann man sich beispielsweise den „Refugee Guide“ herunterladen, auch der Flüchtlingsrat Niedersachsen bündelt Empfehlungen für Flüchtlinge in einem Leitfaden.

Weit fortgeschritten bei der Integrationshilfe ist die Stadt Witten. Sie bietet eine App – ein Programm für Smartphones – an, die Flüchtlingen bei der Orientierung in ihrer neuen Heimat helfen soll. Der „Cityguide“ war ursprünglich zur Orientierung für alle Bürger der Stadt gedacht, seit Ende 2014 enthält die App auch spezielle Hinweise für Flüchtlinge und deren Helfer.

Den Einsatz von Smartphones bei der Integrationshilfe hält Franz-Reinhard Habbel für einen guten Weg. „Die meisten Flüchtlinge haben ein Smartphone, das können wir nutzen“, erklärt er. Der Städte- und Gemeindebund will beim Thema Integrationshilfe als Drehscheibe fungieren. „Gute Ideen und Anregungen geben wir an unsere Mitglieder weiter“, sagt Habbel.

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