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22.12.2015

01:33 Uhr

Flüchtlinge in Deutschland

Die Abschiebung ist ein „Riesenstress“

Zurück ins Heimatland: Tausende Asylsuchende werden zum Verlassen Deutschlands gezwungen. Meist erlebt die Polizei, dass das bei den Flüchtlingen Stress und Sorge auslöst – manchmal sogar Verzweiflung und Widerstand.

Abgelehnte Asylbewerber treten die Rückreise in ihr Heimatland an. dpa

Abgeschoben

Abgelehnte Asylbewerber treten die Rückreise in ihr Heimatland an.

Frankfurt am MainFür Tausende Ausländer endet jedes Jahr der Traum von einem besseren Leben am Frankfurter Flughafen. Menschen aus vielen Teilen der Welt verbringen die letzten Stunden vor ihrer Zwangsausreise am Terminal. Der größte Airport der Republik ist zugleich der größte Abschiebe-Flughafen.

Nahezu jeden Tag werden Männer, Frauen und Familien aus ganz Deutschland zum Parkplatz im Osten des Terminals gebracht. Die meisten müssen zurück in ihre Heimat, weil ihr Asylantrag abgelehnt wurde. Einige werden auch nach dem Dublin-Übereinkommen in das europäische Land zurückgeflogen, in dem sie zuerst in die Europäische Union eingereist sind. Manche sind zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilte Straftäter. Es ist unmöglich, die Betroffenen zu interviewen. In Hessen dürfen Journalisten Abschiebungen derzeit nicht begleiten.

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Mehr Migranten, mehr Abschiebungen: In Deutschland hat sich die Zahl der ausgewiesenen Asylbewerber 2015 nahezu verdoppelt, wie eine Umfrage unter den Bundesländern ergab. Besonders abschiebefreudig war der Süden.

„Die Leute kommen geschockt hier an“, berichtet Robert Seither von der Caritas, der einige Abschiebungen beobachtet hat und die betroffenen Menschen bis zum Flugzeug begleiten kann. Viele seien mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen worden und hätten höchstens eine Stunde Zeit gehabt, ihre Sachen zu packen. Sie seien empört, aufgebracht oder resigniert. Und viele, die schon einmal in den EU-Ländern Italien, Bulgarien oder Ungarn auf der Straße gelebt hätten, wollten da nicht wieder hin.

Vom Parkplatz unter dem Terminal geht es mit einem Aufzug zur Bundespolizei, die über die Ankunft der Abzuschiebenden bereits informiert ist. „Die Zentrale Rückführung informiert“ steht über einem Blatt am Lift. Die Ankunft der „Schüblinge“ – wie die Menschen im Behördenjargon heißen – wird über ein Telefon angekündigt, erst dann funktioniert der Aufzug.

Transparenz und Klarheit seien das A und O. „Ein Teil unserer Aufgabe ist es auch, die Leute zu beruhigen“, erklärt der Sprecher der Bundespolizei, Christian Altenhofen. Für viele sei die Abschiebung ein „Riesenstress“, weil sie keine Perspektive sähen.

Fast 4.000 Menschen sind 2015 vom Frankfurter Flughafen abgeschoben worden. Etwa die Hälfte aller Abschiebungen betraf allein Männer. Je ein Viertel waren alleinreisende Frauen und Familien. 2014 und in den Jahren davor wurden der Bundespolizei zufolge jeweils etwa 3.000 Menschen abgeschoben, deutlich weniger als im Rekordjahr 1993. Damals waren es 14.500 Menschen.

Die Grundlagen für den Umgang mit abzuschiebenden Ausländern lernen die Bundespolizisten in einem 14-tägigen Lehrgang zum „Personenbegleiter Luft“ (PBL). Dazu gehört auch die Entscheidung, ob zwei PBL – oder möglicherweise sogar ein Arzt – mitfliegen müssen, oder ob die Abschiebung besser abgebrochen wird. Manchmal kann auch nicht abgeschoben werden, weil in der Maschine kein Platz mehr für einen Begleiter ist, oder der Kapitän ablehnt.

Die Leitlinie lautet: „Keine Abschiebung um jeden Preis“, wie Altenhofen betont. „Keine Rückführung ist es wert, dass Menschenleben oder die Gesundheit von Menschen gefährdet wird.“ Bei etwa einem Drittel der Abschiebungen flögen zwei PBL mit. Sie übergeben die Menschen dann den Behörden am Zielflughafen.

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