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04.09.2015

08:09 Uhr

Flüchtlinge in Deutschland

Städtetag hält 300.000 neue Wohnungen für nötig

Die steigende Zahl an Flüchtlingen stellt Städte und Gemeinden vor Probleme. Eine dezentrale Unterbringung in Wohnungen ist für viele Kommunen nicht mehr machbar. Eine Forderung: Mehr Geld für den sozialen Wohnungsbau.

In Rosenheim warten Flüchtlinge in einer Turnhalle der Bundespolizei auf ihre Registrierung. dpa

Willkommen in Deutschland

In Rosenheim warten Flüchtlinge in einer Turnhalle der Bundespolizei auf ihre Registrierung.

MainzDie Flucht aus Syrien und die Erstaufnahme liegen hinter Adnan und Daim. Jetzt sind die Brüder zusammen mit ihrer Mutter in Mainz angekommen, in einer Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in der Zwerchallee. Die Kommunen haben die Hauptaufgabe bei der Unterbringung der geflüchteten Menschen zu bewältigen. In der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt werden es dieses Jahr etwa 2000 sein. „Wenn es so weitergeht mit den Prognosen, weiß ich beim besten Willen nicht mehr wohin mit ihnen“, sagt der Mainzer Sozialdezernent Kurt Merkator (SPD). Unbedingt vermeiden will er die Unterbringung in Zelten oder Turnhallen.

Die Möglichkeiten für reguläre Unterkünfte seien „fast überall ausgeschöpft“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Stephan Articus. Die Städte müssten immer mehr auf Notquartiere und Provisorien ausweichen, die keine dauerhafte Lösung sein könnten. „Bund und Länder sollten ihre Mittel für die soziale Wohnraumförderung deutlich aufstocken, damit genügend bezahlbare Wohnungen für alle Gruppen mit niedrigen Einkommen entstehen.“

Der Städtetag rechnet wegen der hohen Flüchtlingszahlen mit einem jährlichen zusätzlichen Bedarf von mindestens 300.000 neuen Wohnungen in Deutschland. „Darunter sollten mindestens 30.000 bis 40.000 geförderte Sozialwohnungen sein, im Moment sind es erst halb so viele“, sagte Städtetagspräsidentin Eva Lohse der „Rheinischen Post“.

Was Bürger für Flüchtlinge tun können

Wie erfahre ich, wo Hilfe benötigt wird?

Ein paar Telefonanrufe helfen in der Regel weiter: Die örtlichen Kirchengemeinden, das Rote Kreuz, Caritas oder Diakonisches Werk wissen normalerweise, wo es in der Nähe Flüchtlingsunterkünfte gibt und wer gerade Helfer sucht. Ansprechpartner auf der Verwaltungsebene ist meist das Ordnungsamt, da meist hier die Bereiche Asyl und Migration angesiedelt sind. In jedem Bundesland gibt es zudem einen Flüchtlingsrat, der Kontakte vermitteln und weiterhelfen kann.

Wie kann ich mich tatkräftig engagieren?

Neu ankommende Flüchtlinge sind auf zupackende Unterstützung angewiesen: Helfer können Flüchtlinge mit dem neuen Wohnumfeld vertraut machen, sie zu Behörden und zum Arzt begleiten, Deutschunterricht geben, Hausaufgabenbetreuung anbieten und Kontakte zu Sportvereinen und Freizeiteinrichtungen herstellen. Manche Flüchtlingseinrichtungen vermitteln "Patenschaften", um den Flüchtlingen feste Ansprechpartner für Alltagsfragen anzubieten. Sprachliche und berufliche Vorkenntnisse sind bei Helfern oft nicht so wichtig – was zählt, ist die Einsatzbereitschaft.

Werden Sachspenden benötigt?

Oftmals ja – wobei immer gilt: Zunächst direkt bei der Flüchtlingsunterkunft nachfragen, was gerade gebraucht wird. Nachfrage besteht oft nach Spielzeug, Kleidung, Hygiene- und Gesundheitsartikeln, Bustickets, Telefonkarten, Sanitäranlagen oder Möbeln. Auch Handwerkerleistungen sind gefragt.

Machen Geldspenden Sinn?

Viele Flüchtlingshilfe-Organisationen sind auf private Spenden angewiesen. Auf internationaler Ebene gibt es etwa das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, in Deutschland gibt es Vereinigungen wie Pro Asyl und auf kommunaler Ebene gibt es eine Vielzahl von Projekten. Die Spenden können steuerlich als Sonderausgaben abgesetzt werden, wenn die Empfänger als gemeinnützig anerkannt sind. Flüchtlingshelfer regen an, etwa bei Jubiläumsfeiern oder Geburtstagen auf das Beschenktwerden zu verzichten und Gäste um Spenden für Flüchtlinge zu bitten.

Kann ich Flüchtlinge bei mir daheim aufnehmen?

In manchen Bundesländern ist das bereits erlaubt, in anderen nicht. Ansprechpartner vor Ort ist in der Regel das Ordnungsamt, an das entsprechende Angebote für Privatunterkünfte zu richten sind. Hilfe bei der Vermittlung leistet die private Internetseite www.fluechtlinge-willkommen.de. Flüchtlingshelfer berichten, dass die Behörden nicht immer auf solche Angebote reagieren - möglicherweise aus Überlastung oder aus logistischen Gründen, weil es für die Verwaltung einfacher ist, Flüchtlinge zentral an einem Ort unterzubringen. In solchen Fällen raten Flüchtlingshelfer: Nicht aufgeben, immer wieder nachfragen.

Wie kann ich Verständnis für Flüchtlinge wecken?

Der Schulunterricht ist ein guter Ort, auf die gegenwärtige Lage einzugehen. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR bietet umfassendes deutschsprachiges Unterrichtsmaterial und vermittelt Schulbesuche von Flüchtlingen. Ganz allgemein raten Flüchtlingshelfer: Treten Sie beherzt ein gegen fremdenfeindliche Sprüche in ihrer Umgebung, suchen Sie Kontakt mit Flüchtlingen.

Noch ist Platz in den vierstöckigen Häusern an der Zwerchallee in Mainz. Sozialpädagogin Annika Oppermann kümmert sich dort für die Stiftung Juvente Mainz um Neuankömmlinge. Die Gemeinschaftsunterkunft wird ausgebaut, bald sollen dort am Rande eines Industriegebiets 400 Menschen wohnen. Sind da Konflikte nicht programmiert?

Streit sei normal, antwortet die Flüchtlingsbetreuerin – „wie in jedem anderen großen Mehrfamilienhaus auch“. Bei der Zuteilung der Wohnungen achtet sie darauf, dass die Menschen zueinander passen. Wie Igbal und Roya. Die beiden zwölfjährigen Mädchen aus Mazedonien und Afghanistan sind gute Freundinnen, sie spielen Fußball und gehen zusammen zur Schule, in die 5. Klasse. Igbals Vater aber sorgt sich, dass er mit seinen vier Kindern nicht in Deutschland bleiben darf: „Wir haben Angst vor der Abschiebung.“

Städte und Gemeinden sind erfinderisch bei der Aufnahme von so vielen Menschen in Not, es gibt unterschiedliche Konzepte. In vielen Großstädten kommen sie zunächst in eine Gemeinschaftsunterkunft. Dort könne eine bessere Betreuung gewährleistet werden, erklärt Merkator. Binnen eines Jahres sollen die neuen Mainzer in Wohnungen vermittelt werden. Doch der Wohnraum wird immer knapper.

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