Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.08.2015

10:00 Uhr

Flüchtlinge in Deutschland

Was Angela Merkel in Heidenau erwartet

VonAnja Stehle

Tagelang wüteten Rechtsextreme vor einer Notunterkunft für Flüchtlinge in Heidenau. Lange hat Angela Merkel dazu geschwiegen. Heute will die Kanzlerin den Ort des Geschehens besuchen. Wir haben uns schon mal umgehört.

Bundespräsident Joachim Gauck besucht das Flüchtlingsheim in Wilmersdorf. AFP

Joachim Gauck

Bundespräsident Joachim Gauck besucht das Flüchtlingsheim in Wilmersdorf.

Die Kiste Bier, die der Rentner aus dem Einkaufswagen in den Kofferraum hievt, scheint heute schwerer als sonst. Jedenfalls knallen die Flaschen auf die Ladefläche, mit Nachdruck schiebt er sie nach hinten. Vielleicht liegt es an seiner Wut auf das, was sich seit Tagen in seinem Heimatort Heidenau abspielt. „Die Rechtsradikalen, das sind hirnverbrannte Leute“, schimpft er. Die Notunterkunft der Flüchtlinge, vor der am vergangenen Wochenende der rechtsradikale Mob wütete, kann er von dem Parkplatz der Real-Supermarktfiliale gut sehen. Er schäme sich für das Bild, das ganz Deutschland nun von Heidenau habe.

Heute hat sich die Kanzlerin zum Besuch angekündigt. Von der Gewalt vom Wochenende wird sie nicht mehr viel sehen. Gegenüber dem ehemaligen Baumarkt, wo rund 400 Flüchtlinge ihre vorläufige Heimat gefunden haben, liegt eine Filiale der Supermarktkette Real. Am Morgen vor dem Besuch von Angela Merkel herrscht hier normale Betriebsamkeit. Die Kunden kommen aus dem Nachbarort Pirna, oder aus Heidenau. Ab und zu kommen Polizisten und versorgen sich mit Essen und Getränken. Man sei froh, dass sie da seien, sagen einige Kunden. Ansonsten keine Polizeipräsenz auf dem Parkplatz, keine Absperrung. Der Filialleiter demonstriert Gelassenheit.

Fakten zur Flüchtlingsdebatte

Flüchtlingszahlen steigen

Stellten im Juni 2012 rund 4.900 Personen einen Asylantrag in Deutschland, waren es drei Jahre später mit 35.400 mehr als siebenmal so viele.

Herkunftsländer

Die wichtigsten Herkunftsländer waren im Juni 2015 Syrien mit 7.600 Personen, Albanien mit 5.900 und Serbien mit 2.200. Insgesamt entfiel auf die sechs Westbalkanstaaten Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien mit 12.600 rund ein Drittel der Asylanträge.

Kaum Chance auf Asyl

Diese Flüchtlinge haben allerdings kaum eine Chance auf Anerkennung in Deutschland: Nur 65 der 22.200 Entscheidungen über Asylverfahren von Westbalkanflüchtlingen waren im zweiten Quartal 2015 positiv.

„Sichere Herkunftsländer“

Tatsächlich wurden Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Serbien bereits zum 6. November 2014 in die Liste „sicherer Herkunftsstaaten“ aufgenommen. Das heißt: Asylanträge von Personen aus diesen Ländern können direkt abgelehnt werden, wenn der Bewerber nicht nachweisen kann, dass ihm im Herkunftsland tatsächlich politische Verfolgung droht.

Immer mehr Anträge

Eigentlich sollte diese Eingruppierung dazu führen, dass die Zahl der laufenden Asylverfahren deutlich zurückgeht. Jedoch ist die Zahl der am Monatsende anhängigen Verfahren von Personen aus den drei genannten Ländern weiter angestiegen und lag mit 41.000 im April 2015 deutlich über dem April 2014 (24.700 Verfahren). Insgesamt waren Ende April 2015 knapp 275.000 Asylverfahren anhängig, wovon mehr als 87.000 auf Westbalkan-Flüchtlinge entfielen.

Kosovo

Im Kosovo hat man damit begonnen, die Menschen darüber zu informieren, unter welchen Voraussetzungen sie in Deutschland als Flüchtlinge anerkannt werden – die Antragszahlen von Personen aus dem Kosovo hatten im März 2015 mit 11.700 einen historischen Höchststand erreicht, bis Juni sind sie nun auf 1.600 zurückgegangen.

Am vergangenen Wochenende war das anders. Auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt kam es zu Ausschreitungen, auch hier randalierten die Rechtsradikalen. Zur Sicherheit sei der Supermarkt  am Samstagabend in Absprache mit der Polizei eine Dreiviertelstunde früher geschlossen worden, sagte ein Sprecher von real. Auch am Montagabend, als die Gewalt erneut aufflammte, musste die Filiale erneut eine Stunde früher schließen. Die Polizei nutzte das Gebäude der Supermarktkette auch, um vom Dach das Geschehen vor der Notunterkunft zu filmen.

Nach Krawallen in Heidenau: Flüchtlingsheim wird zur Sicherheitszone

Nach Krawallen in Heidenau

Flüchtlingsheim wird zur Sicherheitszone

Vor einer Notunterkunft für Flüchtlinge bei Dresden ist es die zweite Nacht in Folge zu Krawallen gekommen. Das sächsische Innenministerium reagiert - und richtet eine Sicherheitszone ein.

Seither wartet die Geschäftsleitung auf Antworten, wie in Zukunft mit der Situation umgegangen werden kann. Denn dass es erneut zu Krawalle auf dem Areal des Gewerbegebietes kommt ist nicht ausgeschlossen. Am Dienstag habe es erste Gespräche mit der Stadt über ein Sicherheitskonzept gegeben. Allerdings bisher ohne Ergebnis. Man habe verstanden, dass für ein umfangreiches Sicherheitskonzept das Land zuständig sei, sagte der Sprecher. Vom Freistaat Sachsen habe man hierzu jedoch noch nichts gehört.

Kommentare (18)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Frank Frei

26.08.2015, 10:57 Uhr

"Begeisterter Empfang in Heidenau - Angela Merkel von 70 000 Heidenauern herzlich begrüßt" - so oder so ähnlich werden die Meldungen der deutschen Einheitsmedien lauten.

Man kann sich dabei herrlich an Schlagzeilen anderer Systemmedien bedienen z.B.: "Begeisterter Empfang in Magdeburg - Erich Honecker von 70 000 Magdeburgern herzlich begrüßt" (Quelle: Neues Deutschland 15.01.1983)

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel von 70 000 Heidenauern herzlich begrüßt

Novi Prinz

26.08.2015, 11:14 Uhr

Muss man sich Sorgen machen , wenn der Terminkalender der Bundeskanzlerin , Frau Dr. Angela Merkel, von geworfenen Brandsätzen oder Ähnlichem, bestimmt wird ?

Herr Hans Mayer

26.08.2015, 11:47 Uhr

Erwarten werden unsere Frau Merkel Menschen welche sich illegal hier aufhalten, unsere Sozialsysteme plündern und nach einer gewissen Eingewöhnungszeit frech werden. Desweiteren sind es Menschen welche hier niemand haben will, da sie nicht zu uns passen und sich nie integrieren werden. Sie wird den großen Problemen von Morgen begegnen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×