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28.10.2014

17:22 Uhr

Flüchtlinge in Frankfurt

„Ich bin illegal“

Während in Berlin die Konferenz zu syrischen Flüchtlingen tagt, erlebt die Bundespolizei am Frankfurter Hauptbahnhof die Folgen des Krieges Tag für Tag. Hilfesuchende erwartet dort ein Becher Wasser – und eine Anzeige.

Ein Beamter der Bundespolizei am Frankfurter Hauptbahnhof untersucht einen sichergestellten gefälschten Reisepass. Die Bundespolizei greift fast täglich dutzende illegal Einreisende auf. dpa

Ein Beamter der Bundespolizei am Frankfurter Hauptbahnhof untersucht einen sichergestellten gefälschten Reisepass. Die Bundespolizei greift fast täglich dutzende illegal Einreisende auf.

Frankfurt/MainMit gesenktem Kopf sitzt der dunkelhaarige Junge in Jeans und schwarzem T-Shirt auf der Holzbank. Er hat sich ganz in die Ecke gekauert. In der stundenlangen Wartezeit bewegt er sich kaum, nestelt nur mit den Händen, tippt immer wieder rhythmisch jeden einzelnen Finger an. Ab und zu zieht er ein Foto aus einer kleinen schwarzen Umhängetasche. Schaut er auf, sind seine Augen feucht.

„I'm illegal (Ich bin illegal)“, mit diesen Worten hat sich Samir, der nach eigenen Angaben 13 Jahre alt ist, an der Tür der Wache der Bundespolizei bei Gleis 24 am Frankfurter Hauptbahnhof gemeldet – allein. Außer einer blauen Jacke und seiner etwa DIN-A4-großen Tasche hat er nichts aus Afghanistan mitgebracht. Englisch spricht er mit Ausnahme dieser Worte nicht.

So kommen die Flüchtlinge nach Europa

Lampedusa

Lampedusa ist ein beliebtes Ziel für Flüchtlingsboote. Die italienische Mittelmeerinsel liegt nahe der nordafrikanischen Küste. Doch es gibt noch andere Routen über die Flüchtlinge nach Europa gelangen.

Quelle: Frontex Annual Risk Analysis 2013

Osteuropäische Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 407

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Ukraine: 330
Afghanistan: 52
Vietnam: 47

Balkan-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 5.634

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Afghanistan: 1.693
Syrien: 1.139
Kosovo: 979

Östliche Mittelmeer-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 12.962

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Syrien: 8.241
Afghanistan: 2.488
Somalia: 760

Albanien-Griechenland Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 3.515

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Albanien: 3.466
Mazedonien: 14
Georgien: 13

Apulien und Kalabrien

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 7.751

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Syrien: 3.040
Nigeria: 684
Eritrea: 475

Zentrale Mittelmeer-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 56.446

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Eritrea: 17.829

Unbekannt: 9.494
Syrien: 8.588

Westliche Mittelmeer-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 3.331

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Mali: 783
Kamerun: 730
Guinea: 294

Westafrikanische Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 146

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Marokko: 30
Mali: 24
Guinea: 16

Samir ist einer von Dutzenden Menschen aus Krisengebieten, die derzeit täglich am Frankfurter Hauptbahnhof ankommen. „Flüchtlingsstrom am Frankfurter Hauptbahnhof hält an“, lautet beispielsweise der Titel einer Polizeimitteilung. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Zahl der Hilfesuchenden enorm gestiegen, sagt Polizei-Sprecher Ralf Stroeher: Bis Ende September sind schon mehr als 1350 Menschen am Verkehrsdrehkreuz gestrandet. Im Vorjahr waren es bis Ende August rund 700, 2012 im ganzen Jahr nur 500.

Nach Angaben von Stroeher kommen sie mit bestimmten Zügen etwa aus Paris, andere werden direkt vor dem Hauptbahnhof aus Transportern abgeladen. Viele klingeln selbst bei der Bundespolizei, aber Beamte sprechen auch Menschen direkt im Bahnhof oder den Zügen an.

„Syrien, Afghanistan, Eritrea oder Somalia – das sind die Hauptländer. Der Rest ist querbeet“, sagt der Sprecher. Sehen sie dann einen Beamten, wüssten die meisten schon, was zu tun ist: Mit Wörtern wie „Asyl“, „Help“ oder „No Passport“ geben sich die Menschen als Flüchtlinge zu erkennen. Die Wörter haben Schleuser ihnen auf ihrer Flucht eingeschärft, auch wenn die meisten nur die Sprache ihrer zurückgelassenen Heimat sprechen.

Der 13-jährige Samir aus Afghanistan hat sich auf der Wache der Bundespolizei in eine Ecke gekauert. dpa

Der 13-jährige Samir aus Afghanistan hat sich auf der Wache der Bundespolizei in eine Ecke gekauert.

„Vor allem den Kindern sieht man an, wie strapaziös das alles ist“, sagt Polizeiobermeister Philipp Sondergeld, der gerade eine Zwölf-Stunden-Schicht hat. Statt mit den üblichen Delikten am Hauptbahnhof wie Drogen, Handtaschenraub oder Schlägereien beschäftigen sich der junge Beamte und seine Kollegen derzeit hauptsächlich mit den Flüchtlingen. Verstärkung hat das Team trotz der neuen Aufgabe nicht bekommen.

Fast alle der Ankommenden seien ruhig und warteten das Prozedere ab, schildert Sondergeld: „Sie wollen ja wirklich Hilfe.“ Manche weinten auch. „Ich habe schon Familienväter gehabt, die bei mir in der Vernehmung zusammengebrochen sind, weil sie ihre Kinder ermordet im Straßengraben gefunden haben.“

Nachdem er einen Becher Wasser bekommen hat, wird auch Samir wie alle anderen als erstes „erkennungsdienstlich erfasst“: Das heißt unter anderem ein Foto, Fingerabdrücke nehmen, Beamte durchsuchen seine Sachen. In einem Raum im Keller der Wache muss er sich komplett ausziehen. Dann folgt die Vernehmung, zu der bei Samir telefonisch ein Dolmetscher zugeschaltet ist. Routinemäßig wird jeder Flüchtling - bis auf Minderjährige wie Samir - direkt auch wegen illegaler Einreise angezeigt. Im Asylverfahren wird diese dann aber auf Grundlage der Genfer Flüchtlingskonvention eingestellt.

Kommentare (6)

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Herr Wolfgang Trantow

28.10.2014, 18:45 Uhr

Was hat ein Jugenlicher hier ohne Eltern zu suchen? Alle Kinder bis 18 sofort zu den Eltern zurück. Es kann nicht sein, dass die Eltern und der Heimatstaat sich nicht um die Kinder kümmern und wir denen Ihre Verantwortung abnehmen!! Wer kümmert sich um Deutsche, Obdachlose z.B.?

Herr Rene Weiß

28.10.2014, 22:16 Uhr

„Sie wollen ja wirklich Hilfe.“
Natürlich wollen sie das. Weshalb sollten sie sonst kommen. Mit Hilfe ist natürlich ärztlich Versorgung, Nahrung, Wohnung, etc. gemeint. Da sie kein Deutsch können, lassen sie den dt. Arbeitnehmer und Steuerzahler dafür täglich malochen.Wir lassen alles mit uns machen.

Herr Rene Weiß

28.10.2014, 22:21 Uhr

Der Artikel soll uns ein schlechtes Gewissen einreden, dass wir versuchen, unsere Kultur zu wahren und sie nicht untergehen zu lassen wie einst im alten Rom, als die Völkerwanderung die römische Zivilisation bis zum Untergang allmählich verwässert und dann zersetzt hat. Bis Europa Jahrhundert ins Mittelalter zurückgeworfen wurde. Einwanderung hat das zum Untergang und nicht zur Bereicherung geführt.

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