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02.10.2015

12:31 Uhr

Flüchtlinge kommen zu Wort

„Der Weg ist der Tod“

VonDustin Volz, Yahya Al Aous, Sarah Mewes

Adnan flüchtete gleich vor drei Gruppen aus Syrien: vor Assad, der kurdischen Partei und dem Islamischen Staat. In Syrien arbeitete er als Bildhauer. Sein Lebenswerk wird gerade Stück für Stück zerstört.

„Ich habe viele Statuen auf deutschen Straßen gesehen – die Architektur von Gebäuden und die künstlerischen Arbeiten sind hier sehr inspirierend.“ Kevin O'Brien

Adnan ist Bildhauer

„Ich habe viele Statuen auf deutschen Straßen gesehen – die Architektur von Gebäuden und die künstlerischen Arbeiten sind hier sehr inspirierend.“

Adnan (45)
Syrisch-Kurdischer Bildhauer

Ich komme aus Efrain, einer kurdischen Stadt mitten in Syrien. Sie liegt sehr nahe bei Aleppo. Ich bin Vater dreier Töchtern und Bildhauer. Ich habe in Syrien und dem Libanon gearbeitet.

Nachdem das syrische Regime die Stadt verlassen hatte, wurde sie von der Kurdischen Demokratische Partei übernommen. Dennoch regieren sie Efrain genauso wie das Regime von Bashar al-Assad, nämlich mit Eisen und Blut.

Die Partei begann Kinder als Soldaten auszubilden, um das kurdische Territorium unabhängig zu machen und eine Art Selbstkontrolle zu etablieren. Sie nahmen sogar Mädchen ins Militär – das machte selbst das Assad Regime nicht. Und genau aus diesem Grund beschloss ich, mit meinen Töchtern aus Efrain zu fliehen.

Rekordzahlen zur Flüchtlingskrise

500.000

Mehr als 500.000 Menschen haben nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex zwischen Januar und August dieses Jahres bereits die Europäische Union erreicht. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr waren es 280.000 Menschen.


Von den in der EU angekommenen Flüchtlingen haben dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) zufolge mehr als 411.000 das Mittelmeer überquert. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) nannte sogar die Zahl von mehr als 600.000 Bootsflüchtlingen. Mehr als 3100 kamen demnach bei der gefährlichen Überfahrt ums Leben.

466.000

So viele Flüchtlinge kamen der IOM zufolge in diesem Jahr bereits in Griechenland an.

137.000

Rund 137.000 Menschen landeten nach einer Überfahrt über das Mittelmeer in Italien.

200.000

Die ungarischen Behörden gaben die Zahl der seit Jahresbeginn in Ungarn angekommenen Flüchtlinge zuletzt mit 200.000 an. Die Schutzsuchenden kamen vor allem über die sogenannte Balkanroute ins Land.

160.000

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat vorgeschlagen, 160.000 Asylsuchende aus den Haupt-Ankunftsländern Griechenland, Ungarn und Italien auf die 28 EU-Mitgliedstaaten umzuverteilen. Juncker fordert eine verbindliche Quotenregelung für die künftige Flüchtlingsverteilung.

63.000

Rund 63.000 Flüchtlinge trafen seit Ende August am Münchner Hauptbahnhof ein - davon jeweils 20.000 an den beiden vergangenen Wochenenden.

1.000.000

Eine Million Flüchtlinge könnte Deutschland nach Aussage von Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) in diesem Jahr aufnehmen. Das Bundesinnenministerium geht offiziell weiterhin von 800.000 Asylbewerbern aus.

12.000.000

Offiziellen Schätzungen zufolge sind zwölf Millionen Syrer auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat. Davon gelten acht Millionen als im eigenen Land vertrieben, weitere vier Millionen flüchteten ins Ausland. Mehr als 250.000 Menschen wurden seit Ausbruch des Konflikts 2011 getötet.

Dem UNHCR zufolge sind die Hälfte der über das Mittelmeer kommenden Flüchtlinge Syrer. Die zweitgrößte Gruppe sind demnach Afghanen mit 13 Prozent, gefolgt von Eritreern mit acht Prozent. In Griechenland sind 70 Prozent der ankommenden Flüchtlinge Syrer und 19 Prozent Afghanen.

Ich rannte vor drei verschiedenen Gruppen weg: dem syrischen Assad-Regime, der kurdischen Partei und der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Ich musste alles zurücklassen, meine Wohnung und meine Arbeit, um vor allen drei Mächten zu fliehen.

Ich mache mir oft Sorgen um meine Skulpturen in Syrien. Ich weiß, dass viele von ihnen von den Bomben zerstört worden sind. Aber ich habe Angst, zurückzukehren und mein Lebenswerk zerstört zu sehen.

Wir sind in die Türkei gegangen und waren einige Tage dort. Ich fand türkische Schmuggler und bezahlte ihnen Geld, damit sie mich und meine drei Töchter nach Deutschland schmuggeln. Meine Frau ist noch in Efrain. Ich hoffe, dass ich bald genug Geld habe, um sie auch hierher zu bringen.

CSU und Flüchtlingskrise: „Mehr Mitmenschlichkeit können wir nicht leisten“

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„Mehr Mitmenschlichkeit können wir nicht leisten“

Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner verschärft den Ton in der Flüchtlingsdebatte. Sie warnt vor einer Überforderung Deutschlands und fordert internationale Anstrengungen, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen.

Der Weg nach Deutschland war sehr hart. Wir haben einen syrischen Ausdruck dafür: „Der Weg ist der Tod. Man sollte seinen Sarg vorbereiten, bevor man losgeht.“ Die Reise über das Meer war besonders hart. Aber auch der Weg zu Fuß. Wir sind zehn Stunden von Griechenland nach Ungarn gelaufen.

Ich habe meinen Vater, meine Mutter und meine Brüder in Syrien zurückgelassen. Ich erreiche sie über Whatsapp und schaue jeden Tag, ob es ihnen gut geht. Aber sie können mich nicht immer erreichen, weil sie keine Elektrizität haben. Ich hoffe, ich werde nach Syrien zurückkehren können, wenn alles vorbei ist.

Ich bin hier immer hungrig und fühle mich als Bettler. Ich frage mich manchmal, ob ich nicht doch lieber in Syrien hätte bleiben sollen.

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