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01.10.2015

06:44 Uhr

Flüchtlinge kommen zu Wort

Planlos in Deutschland

VonSwende Stratmann, Jennifer Garic

Für Flüchtlinge aus Syrien oder dem Iran haben die Behörden eine klare Vorgehensweise. Doch bei manchen Herkunftsländern haben Ämter keine Lösung parat. Ein Staatenloser erzählt.

Asylsuchende bekommen Hilfe beim Ausfüllen der Dokumente. dpa

Flüchtlingsberatung

Asylsuchende bekommen Hilfe beim Ausfüllen der Dokumente.

Ich weiß nicht, wo ich hingehöre. Und Deutschland weiß es auch nicht. Jedes Amt schickt mich zu einem anderen und so gehe und fahre ich von A nach B und wieder zurück. Nie bekomme ich eine richtige Antwort oder das, worum es mir eigentlich geht: Papiere.
Für Flüchtlinge aus Syrien oder dem Iran haben die Behörden einen Plan, für manche sogar richtig gute Lösungen. Sie können in Deutschland ankommen, arbeiten und sich ein neues Leben aufbauen. Das möchte ich auch. Das Problem ist aber: Ich bin ein Staatenloser.

Rekordzahlen zur Flüchtlingskrise

500.000

Mehr als 500.000 Menschen haben nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex zwischen Januar und August dieses Jahres bereits die Europäische Union erreicht. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr waren es 280.000 Menschen.


Von den in der EU angekommenen Flüchtlingen haben dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) zufolge mehr als 411.000 das Mittelmeer überquert. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) nannte sogar die Zahl von mehr als 600.000 Bootsflüchtlingen. Mehr als 3100 kamen demnach bei der gefährlichen Überfahrt ums Leben.

466.000

So viele Flüchtlinge kamen der IOM zufolge in diesem Jahr bereits in Griechenland an.

137.000

Rund 137.000 Menschen landeten nach einer Überfahrt über das Mittelmeer in Italien.

200.000

Die ungarischen Behörden gaben die Zahl der seit Jahresbeginn in Ungarn angekommenen Flüchtlinge zuletzt mit 200.000 an. Die Schutzsuchenden kamen vor allem über die sogenannte Balkanroute ins Land.

160.000

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat vorgeschlagen, 160.000 Asylsuchende aus den Haupt-Ankunftsländern Griechenland, Ungarn und Italien auf die 28 EU-Mitgliedstaaten umzuverteilen. Juncker fordert eine verbindliche Quotenregelung für die künftige Flüchtlingsverteilung.

63.000

Rund 63.000 Flüchtlinge trafen seit Ende August am Münchner Hauptbahnhof ein - davon jeweils 20.000 an den beiden vergangenen Wochenenden.

1.000.000

Eine Million Flüchtlinge könnte Deutschland nach Aussage von Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) in diesem Jahr aufnehmen. Das Bundesinnenministerium geht offiziell weiterhin von 800.000 Asylbewerbern aus.

12.000.000

Offiziellen Schätzungen zufolge sind zwölf Millionen Syrer auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat. Davon gelten acht Millionen als im eigenen Land vertrieben, weitere vier Millionen flüchteten ins Ausland. Mehr als 250.000 Menschen wurden seit Ausbruch des Konflikts 2011 getötet.

Dem UNHCR zufolge sind die Hälfte der über das Mittelmeer kommenden Flüchtlinge Syrer. Die zweitgrößte Gruppe sind demnach Afghanen mit 13 Prozent, gefolgt von Eritreern mit acht Prozent. In Griechenland sind 70 Prozent der ankommenden Flüchtlinge Syrer und 19 Prozent Afghanen.

Ich bin in Kuwait geboren. Das ist ein Staat in Vorderasien auf der arabischen Halbinsel. Mein Großvater und mein Vater waren Beduinen, also bin ich auch einer. In Kuwait nennen sie uns „Bedun“. Das heißt übersetzt „ohne“ – denn wir haben kaum Rechte. Wir bekommen keinen Ausweis, sind also eigentlich illegale Einwohner. Wir dürfen nicht in offiziellen Positionen arbeiten und auch keine öffentlichen Schulen besuchen. Viele von uns können nicht lesen und schreiben.
Ich hatte Glück, meine Eltern konnten mich zur Bischofsschule schicken. Die kostet 1.200 Dollar im Jahr. Der Schulausweis ist noch das einzige Dokument, das ich habe. Darauf stehen mein Name, mein Geburtstag und geboren in Kuwait. Nur bei Staatsangehörigkeit steht „none“ – also keine. Dass wir nicht dazugehören, merken wir auch, wenn wir krank sind. Dann brauchen wir auch wieder viel Geld. Nur dann werden wir im Krankenhaus auch behandelt.

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In Kuwait durfte ich nicht studieren. Also bin ich nach Jordanien gegangen, um Pharmazie zu studieren. Das ist rund 2.000 Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt. Als ich nach elf Monaten wieder zurückkommen wollte, durfte ich nicht in mein eigenes Land einreisen. Die Begründung: Ich bin ein „Bedun“, kein Kuwaiter. Deswegen musste ich gehen. Ich bin ein politischer Flüchtling.
Ich bin dann nach Jordanien zurückgegangen und habe von dort aus meine Flucht geplant. Zuerst bin ich nach Syrien gelaufen. Da war ich dann zehn Monate, um Geld für einen Flug zu sammeln. Als ich das beisammen hatte, bin ich über die Türkei in die Ukraine gereist. Das ist jetzt schon sechs Jahre her.

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