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20.04.2017

16:02 Uhr

Flüchtlinge

Nach fünf Jahren hat jeder Zweite Arbeit

VonFrank Specht

Eine Studie bestätigt, dass die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten viel Zeit braucht. Nicht gebraucht wird das Ein-Euro-Job-Programm der Arbeitsministerin. Die Regierung hat andere Pläne mit dem Geld.

Langer Atem erforderlich. dpa

Ausbildung von Flüchtlingen

Langer Atem erforderlich.

BerlinDer oft beschworene lange Atem bei der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen muss mindestens für fünf Jahre reichen. Denn dann wird voraussichtlich immerhin jeder zweite  Schutzsuchende im erwerbsfähigen Alter eine Beschäftigung gefunden haben. Darauf deutet eine neue Erhebung des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hin.

Die Forscher der Bundesagentur für Arbeit (BA) haben dazu von Juni bis Ende Dezember vergangenen Jahres gut 4.800 Personen befragt, die zwischen Anfang 2013 und dem 31. Januar 2016 als Asylbewerber nach Deutschland eingereist sind. Mit steigender Aufenthaltsdauer steigt dabei auch die Erwerbstätigenquote unter den Geflüchteten. So hatten von den Anfang 2016 eingereisten 15- bis 64-Jährigen bis zum Befragungszeitraum nur sechs Prozent bereits einen Job oder wenigstens ein bezahltes Praktikum gefunden. Bei den 2014 Zugezogenen lag die Erwerbsquote bei zehn Prozent, bei den Ankömmlingen aus 2014 bei 22 Prozent. Von den 2013 eingereisten Flüchtlingen hat bereits ein knappes Drittel (31 Prozent) Arbeit gefunden.  Allerdings ist zu beachten, dass zum Befragungszeitpunkt rund die Hälfte der 2015 Zugezogenen noch im Asylverfahren steckte.

Zahlen und Fakten zur Flüchtlingspolitik im Jahr 2016

Wie viele Flüchtlinge kamen 2016 bislang ins Land?

Im sogenannten Easy-System, das auf Registrierungen durch die Bundesländer beruht, wurden in den ersten elf Monaten knapp 305.000 neue Asylsuchende in Deutschland erfasst. Die von der CSU geforderte Obergrenze von 200.000 Flüchtlingen pro Jahr wäre damit überschritten. Allerdings gilt die Easy-Zahl aufgrund von Fehl- und Mehrfacherfassungen als zu hoch. Hauptherkunftsländer waren Syrien (86.200 Personen), Afghanistan (47.000), Irak, Iran und Eritrea. Niedriger sind die Zahlen der Bundespolizei, die bis Ende November 141.850 illegale Einreisen feststellte.

Wie viele Asylanträge wurden gestellt?

Insgesamt wurden beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bis Ende November 723.000 Asylanträge gestellt. Zum großen Teil handelte es sich dabei um 2015 eingereiste Personen. 615.500 Anträge wurden entschieden. Die Zahl der Asylanträge nimmt aber ab. Im November wurden 26.438 Anträge gestellt, was einem Rückgang um gut 54 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat entspricht. Da inzwischen pro Monat mehr Anträge bearbeitet als eingereicht werden, wird der Berg unerledigter Fälle kleiner: Ende November lag die Zahl aber immer noch bei rund 491.000.

Wie viele wurden vorher in einem anderen EU-Land registriert?

Von Januar bis November 2016 wurden 226.000 Asylerstanträge gestellt, bei denen ein Treffer in der sogenannten Eurodac-Datenbank erzielt wurde: Bei 84.850 Personen wurde ein Asylantrag bereits in einem anderen EU-Mitgliedstaat gestellt, bei 141.150 Personen zumindest die illegale Einreise in einen anderen EU-Staat festgestellt.

Wie viele Personen wurden 2016 abgeschoben?

23.750 Personen wurde bis Ende November abgeschoben. Das sind mehr als im gesamten Jahr 2015 mit 20.888 Abschiebungen und mehr als doppelt so viele wie 2014 (10.884). Die meisten Personen wurden aus Nordrhein-Westfalen in ihr Heimatland zurückgebracht (4662), gefolgt von Baden-Württemberg (3399), Bayern (3084) und in größerem Abstand Berlin (1963).

Zugleich wurden bis zum 1. Dezember mehr als 51.000 Anträge zur finanziellen Förderung einer freiwilligen Rückkehr bewilligt. Bund und Länder wollen ihre Anstrengungen in diesem Bereich zu intensivieren und die Hindernisse bei Abschiebungen beseitigen. Denn insgesamt waren Ende Oktober 206.200 Menschen ausreisepflichtig. Die große Mehrheit von ihnen (153.700) besaß aber eine Duldung. Erstmals fand in der vergangenen Woche eine Sammel-Abschiebung nach Afghanistan statt.

Wie und wo wird am dem Grenzen kontrolliert?

Am 13. September 2015 wurden vorübergehende Kontrollen an der deutsch-österreichischen Grenze beschlossen und seitdem mehrfach verlängert, zuletzt im November. Die Kontrollen sind bis Februar befristet. Es gilt aber als wahrscheinlich, dass Deutschland sich in der EU für eine weitere Verlängerung starkmachen wird.

Die Kontrollen finden nach Angaben der Bundespolizei an den 67 Übergängen zu Österreich zeitlich und örtlich flexibel statt, zum Teil sind dabei Beamte in Zivilkleidung im Einsatz. Rund um die Uhr kontrolliert wird an den Autobahnen A93, A8 und A3. Einen Kontrollpunkt gibt es auch an der B304 bei Freilassing, der aber nicht permanent besetzt ist. Für die Kontrolle an der rund 860 Kilometer langen Grenze zu Österreich sind rund 700 Beamte im Einsatz. Seit Mitte Dezember wird die Bundespolizei durch eine Hundertschaft der bayerischen Bereitschaftspolizei unterstützt. Die deutsch-österreichische Grenze gilt weiterhin als Schwerpunkt illegaler Migration nach Deutschland.

Was ist mit der Grenze zur Schweiz?

An der deutsch-schweizerischen Grenze finden keine Grenzkontrollen statt. Es gibt aber eine Schleierfahndung. Bundespolizei und Schweizer Grenzwachtkorps gehen zudem auf schweizerischem Gebiet gemeinsam auf Streife.

Wie viele Personen wurden an den Grenzen zurückgewiesen?

Personen ohne gültige Einreisepapiere und ohne Visum, die keinen Schutz in Deutschland wollen, werden an den Grenzen nicht reingelassen. Von Januar bis Oktober wurden laut Innenministerium rund 18.700 solche Personen zurückgewiesen, davon allein 14.500 an der deutsch-österreichischen Grenze.

Welche Voraussetzungen gibt es für eine Abweisung?

Theoretisch können alle Flüchtlinge nach der sogenannten Dublin-Verordnung in das Land zurückgeschickt werden, in dem sie zuerst EU-Boden betreten haben. Dort muss der Asylantrag gestellt und bearbeitet werden. Allerdings muss nachweisbar sein, wo jemand eingereist ist. Eine solche Prüfung kostet Zeit und kann nicht an der Grenze passieren. Wie andere Staaten schickt Deutschland zudem zunächst derzeit keine Flüchtlinge nach Griechenland zurück. Die Unterkünfte in Griechenland gelten als unzureichend.

Laut der IAB-Forscher bestätigt die Befragung Ergebnisse aus der Beschäftigungsstatistik. Hier ist allerdings die Flüchtlingseigenschaft nicht direkt erfasst. Vielmehr wird die Erwerbstätigkeit der Zugewanderten aus den wichtigsten Asylherkunftsländern untersucht, die aber nicht alle wirklich als Flüchtling nach Deutschland gekommen sein müssen. Von dieser Gruppe hatten nach fünf Jahren 50 Prozent und nach 15 Jahren knapp 70 Prozent Arbeit gefunden. Die Erwerbsquote entspricht damit nach eineinhalb Jahrzehnten der von Migranten, die nicht geflüchtet, sondern aus anderen Motiven nach Deutschland gekommen sind. Außerdem decken sich die Befragungsergebnisse mit Erfahrungen aus anderen Ländern wie Schweden, das gemessen an der Einwohnerzahl noch mehr Asylbewerber aufgenommen hat als Deutschland.

Die ersten Zahlen sprächen dafür, dass die Arbeitsmarktintegration der in den zurückliegenden zwei Jahren angekommenen Flüchtlinge etwas günstiger verlaufen könnte als die von Asylbewerbern in den 1990er- und 2000er-Jahren. „Ob die weitere Integration ähnlich verlaufen wird, kann heute allerdings noch nicht beurteilt werden“, schreiben die IAB-Forscher. Hohe Investitionen in die Integration und die gute Arbeitsmarktlage ließen einen positiven Verlauf erwarten. Auf der anderen Seite sei aber die Zahl der Flüchtlinge höher als in der Vergangenheit – und damit auch die Konkurrenz um die relativ seltenen Jobs für Geringqualifizierte. „Gesichert ist, dass die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten mehr Zeit in Anspruch nimmt als die Integration von anderen Migranten“, heißt es in der Studie weiter.

Kommentare (17)

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Novi Prinz

20.04.2017, 16:20 Uhr

OK , dann reiche ich gleich den Rentenantrag ein und warte wer sich um meinen Job reißt .

Herr Franz Paul

20.04.2017, 16:24 Uhr

Wie wärs denn, wenn "die Flüchtlinge" einfach wieder nach Hause gingen? Bevor es bei uns so wird, wie bei denen zu Hause? Denn wir haben kein Land, in das wir "flüchten" können.

Herr Günther Schemutat

20.04.2017, 16:26 Uhr

Wir wissen wie die Arbeitslosenzahl bei uns berechnet und geschönt wird und das wird bei den Flüchtlingen nicht anders sein. Zum einen kann man nicht sagen , dass
Flüchtlinge von Haus aus Faul sind, dass verbietet ihr stark ausgeprägter Stolz und
als Familienpatron der Schutz der Familie. Fallen beide weg , dann steht ein Flüchtling nackt da in einem Land , dass nur so vor Arbeitsangeboten strotzt.

Das löst Minderwertigkeiten aus und Streit in der Familie und den Nachbarn in den Unterkünften und gegen uns aus.. Warum hat es die Türkei geschafft Millionen in den Städten wie Istanbul etc in Arbeit zu bringen? Ganz einfach , weil die Türkei nicht Deutschland ist. Bevor hier jemand einen Hammer hebt um zu arbeiten, ist schon der Zoll da und der Flüchtling wird hier zum Täter . Das gibt es nicht in der Türkei und darum sind die Möglichkeiten in der Türkei besser.

Die Regierung versucht nun mit den Millionen Flüchtlingen die da sind und noch kommen, Edel Jobs im Cent Bereich zu schaffen. Das ist lächerlich und wird scheitern. Besser ist eine Selbstverwaltung mit Aufgaben und Gehalt in den Unterkünften zu erlauben. Weiterhin auf 10 Jahre begrenzt den Mindestlohn für Flüchtlinge abzuschaffen . Punkt.

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