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21.12.2015

09:03 Uhr

Flüchtlinge

Ökonomen schlagen Lohnsubventionen vor

Die Kosten für Arbeitgeber sollen sinken, wenn sie Flüchtlinge beschäftigen. Das schlägt der Ökonom Dennis Snower vor. Die Hürden für eine Integration in den Arbeitsmarkt seien zu hoch, gerade für Höherqualifizierte.

Die Einarbeitungskosten bei Flüchtlingen sind hoch. Beschäftigungsgutscheine sollen daher Unternehmen entlasten. dpa

Flüchtlinge in einem Unternehmen

Die Einarbeitungskosten bei Flüchtlingen sind hoch. Beschäftigungsgutscheine sollen daher Unternehmen entlasten.

KielDer Ökonom Dennis Snower schlägt vor, Flüchtlinge mit staatlichen Lohnsubventionen über Beschäftigungsgutscheine leichter in Arbeit zu bringen. „Damit sinken die Kosten für den Arbeitgeber“, sagte der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft der Deutschen Presse-Agentur. „Der Unternehmer kann den Mindestlohn zahlen und hat dennoch niedrigere Kosten für eine begrenzte Zeit, in der sich der Flüchtling einarbeiten kann.“

Auf diese Weise könnten Sozialhilfekosten gesenkt und auch Akzeptanzprobleme unter den Deutschen verringert werden, sagte Snower. Relevante Verdrängungseffekte zulasten von Einheimischen seien allenfalls in geringem Ausmaß zu erwarten. Dafür gebe es zahlreiche empirische Belege. Für jüngere Flüchtlinge wären aus Sicht des IfW-Präsidenten auch Ausbildungsgutscheine sinnvoll.

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Generell seien die Hürden für den Zugang zum Arbeitsmarkt für viele Flüchtlinge hoch, sagte Snower. So seien die Qualifikationen nicht gut erfasst. Im Durchschnitt seien viele weniger gut qualifiziert als Einheimische. Erschwerend komme außer dem Mindestlohn die Tatsache hinzu, dass die Eintrittsbarrieren mit zunehmender Qualifikation immer höher werden. „Das alles führt dazu, dass viele Flüchtlinge nur Arbeit mit niedrigen Qualifikationen bekommen können“, sagte Snower. Zudem sei das Durchschnittsalter sehr niedrig, so dass viele nicht einmal eine abgeschlossene Schulausbildung hätten.

„Wie sich die hohe Flüchtlingszahl insgesamt auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt auswirken wird, hängt ganz wesentlich von der Integrationspolitik ab“, sagte Snower. Es sei ein großer Fehler zu glauben, die Befriedigung der materiellen Grundbedürfnisse reiche aus.

Wo rechte Parteien gegen Flüchtlinge wettern

Polen

Die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (Pis) ging aus der Parlamentswahl am 25. Oktober als Siegerin hervor. Sie hatte im Wahlkampf vor Integrationsproblemen gewarnt und sich gegen die Aufnahme muslimischer Flüchtlinge ausgesprochen.

Österreich

Die rechte FPÖ von Heinz-Christian Starche sammelt seit Jahren erfolgreich Protestwähler ein, die Flüchtlingskrise hat diese Tendenz verstärkt. Bei der Landtagswahl in Wien im Oktober wurde die FPÖ zweitstärkste Kraft, landesweite Umfragen sehen die Partei bei etwa 33 Prozent, gut zehn Prozentpunkte vor den Regierungsparteien SPÖ und ÖVP.

Schweiz

Der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) hat die Flüchtlingskrise genutzt. Bei der Parlamentswahl am 18. Oktober behauptete sich die SVP mit Forderungen nach einer Verschärfung des Asylrechts und größerer Distanz zur EU klar als stärkste Partei.

Griechenland

Die rechtsextremistische Partei Goldene Morgenröte gewann bei der Parlamentswahl im September sieben Prozent. Damit wurde sie drittstärkste Kraft.

Dänemark

Die rechte Dänische Volkspartei ist nach der Wahl im Juni zweitstärkste Kraft im Parlament. Die DF erreichte 21,1 Prozent Stimmenanteil. Sie fordert einen kompletten Asylstopp. Doch auch die Sozialdemokraten und Liberalen sprechen sich für eine restriktive Flüchtlingspolitik aus.

Italien

Bei den Regionalwahlen im Mai verzeichnete die rechtspopulistische Lega Nord Zuwächse. In Venetien etwa erhielt sie 50 Prozent der Stimmen. In Umfragen lag sie im September landesweit bei 14 Prozent und wäre damit drittstärkste Partei. Sie will die Flüchtlingsboote gar nicht erst landen lassen.

Slowakei

Am 5. März 2016 findet die nächste Parlamentswahl in der Slowakei statt. Fast alle Parteien sind gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, auch die regierenden Sozialdemokraten.

Tschechien

Alle großen Parlamentsparteien sind gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. In einem Jahr finden in Tschechien Kommunal- und Teilwahlen zum Senat statt.

Niederlande

Die nächsten Wahlen in den Niederlanden sind erst für 2017 angesetzt. Umfragen zufolge wäre die Partei des Rechtspopulisten Geert Wilders derzeit stimmenstärkste Kraft.

Ungarn

Die regierende rechtskonservative Fidesz hat von ihrer strengen Flüchtlingspolitik profitiert und in Umfragen zugelegt.

„Das Wichtigste wird sein, was sich in den Köpfen abspielt“, sagte der IfW-Präsident. „Wir müssen Einheimischen und Flüchtlingen die Möglichkeit eines Perspektivenwechsels geben.“ Dazu regte Snower in Anlehnung an das Freiwillige Ökologische oder Soziale Jahr ein Freiwilliges Jahr zur Flüchtlingsintegration für Schulabgänger oder andere Freiwillige an, am besten EU-weit. „Die Teilnehmer könnten in der Zeit an Projekten mitwirken, die nicht nur den Flüchtlingen nutzen, sondern auch dem jeweiligen Staat und der Bevölkerung.“ EU und Privatwirtschaft könnten das finanzieren, schlug Snower vor.

„Um Flüchtlinge sozial einzubinden, ist es wichtig, sich in ihre Perspektive gut einzufühlen“, sagte der Ökonom. „Gemeinsam etwas aufzubauen, würde einen gedanklichen Wandel hervorbringen.“ Aus Snowers Sicht wäre es erforderlich, die Unterstützung der Flüchtlinge als europäische Aufgabe zu verstehen und die Kosten gerecht auf die Mitgliedsländer zu verteilen. Dies wäre viel wirkungsvoller als die Flüchtlinge nach einer Quote auf die Staaten zu verteilen.

Von

dpa

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